Winterthur/Andelfingen

Kesb holt Hilfe für schwierige Fälle

Ein Jahr dem Tötungsdelikt in Flaach arbeitet die Kesb Winterthur-Andelfingen den Fall auf. Neu soll die Krisenintervention Schweiz die Behörde in heiklen Fällen unterstützen.

Hilfe für «schwierige» Gespräche: Die Stiftung Krisenintervention Schweiz unterstützt die Kesb Bezirke Winterthur und Andelfingen.

Hilfe für «schwierige» Gespräche: Die Stiftung Krisenintervention Schweiz unterstützt die Kesb Bezirke Winterthur und Andelfingen. Bild: Melanie Duchene

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Vor knapp einem Jahr ereignete sich in Flaach eine Familientragödie: Eine Mutter tötete ihre zwei Kinder, als diese bei ihr die Feiertage verbrachten. Die beiden waren im Vorfeld von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) der Bezirke Winterthur und Andelfingen in einem Heim platziert worden. Die Behörde wurde für ihre Vorgehensweise scharf kritisiert.

Nun zieht die Kesb Konsequenzen aus dem Fall. «Es ist nun mal so, dass unsere Behörde ihre Grenzen hat», sagt Christoph Heck, Vizepräsident der Kesb Winterthur-Andelfingen. So könne die Behörde Eltern, welche durch einen Entscheid in eine Krise geraten, manchmal nur unzureichend helfen. «Für unsere Mitarbeiter muss das Wohl der betroffenen Kinder im Zentrum stehen», sagt Heck. Eine Fremdplatzierung könne Eltern aber aus der Bahn werfen. «Das können wir nur bedingt auffangen.»

Eltern bekommen Hilfe

Aus diesem Grund hat sich die Kesb Unterstützung geholt. Die Stiftung Krisenintervention Schweiz mit Sitz in Winterthur soll der Behörde künftig in heiklen Fällen zur Seite stehen.

«Wir helfen Eltern mit dem ersten Schock umzugehen, wenn sie einen schwierigen Bescheid erhalten», sagt Franz Holderegger, Operativer Leiter der Stiftung. Die Kesb könne Mitarbeiter der Krisenintervention bei Bedarf in Gespräche einbeziehen, wenn die Betroffenen damit einverstanden seien. «Die Eltern können aber auch ablehnen.» Das Angebot sei freiwillig und solle dem Wohl der Betroffenen dienen. «Wir können den Entscheid der Behörde nicht ungeschehen machen, aber den Eltern helfen, damit umzugehen», sagt Holderegger.

Die ersten Gespräche «zu dritt» seien gut verlaufen. «Wir haben durchwegs positive Erfahrungen gemacht», sagt Holderegger. Viele der Betroffenen würden die Hilfe annehmen und seien für die Unterstützung dankbar.

Ähnlich sieht es Heck von der Kesb: «Es ist extrem selten, dass Eltern ein Gespräch mit Mitarbeitern der Krisenintervention ablehnen.» Zudem sei die Betreuung durch diese Fachpersonen eine grosse Entlastung für die Behördenmitarbeiter.

Fünf «heikle» Fälle bisher

Die Krisenintervention unterstützte die Behörde dieses Jahr bereits in fünf Fällen. Die Kosten gehen zulasten der Kesb. «Dabei handelt es sich um einige wenige Hundert Franken pro Fall», sagt Heck. Dies sei insgesamt ein überschaubarer Kostenbetrag. Die Zusammenarbeit zwischen der Behörde und der Stiftung wurde im Nachgang zum Fall Flaach aufgegleist. Seit Frühling 2015 besteht ein Kooperationsvertrag. Über Details geben beide Parteien keine Auskunft.

In diesem Jahr hat die Kesb Bezirke Winterthur und Andelfingen bisher in 33 Fällen einen sogenannten «Entzug des Aufenthaltsbestimmungsrechts» erlassen und Kinder oder Jugendliche fremdplatziert. 2014 waren es noch 36. Bei diesem Entscheid bleibt die elterliche Sorge für das Kind bestehen, die Behörde kann aber den Aufenthaltsort des Kindes bestimmen. Dieser Entscheid wird erst nach einem Abklärungsverfahren gefällt und schriftlich begründet. Entscheide der Kesb sind wie bei einem Gericht bei der nächsthöheren Instanz anfechtbar. (Landbote)

Erstellt: 21.12.2015, 22:14 Uhr

Chronologie des Falls Flaach

Eine 27-jährige Mutter erstickt in Flaach am Neujahrstag ihren fünfjährigen Sohn und ihre zweijährige Tochter. Die Kinder waren zuvor durch die Kesb fremdplatziert worden, durften Weihnachten und Neujahr aber bei der Mutter verbringen. Der Vater sass zu dieser Zeit wegen Betrugs im Gefängnis. Die Behörde argumentiert, sie habe keine akute Gefährdung der Kinder gesehen. Es gehen Morddrohungen gegen die Kesb Winterthur-Andelfingen ein, Mitarbeiter werden zeitweise unter Schutz gestellt.

Der damalige Regierungsrat Martin Graf fordert eine sofortige Überprüfung an. Ende Januar kommt die Justizdirektion zum Schluss: Die Kesb habe «nachvollziehbar und vertretbar gehandelt». Zusätzlich wird aber ein externes Fachgutachten in Auftrag gegeben.

Die bürgerliche Mehrheit im Kantonsrat lehnt Anfang März die Einführung eines Pikettdiensts für die Kesb ab. Mitte des Monats finden erstmals Proteste gegen die Behörde in der Öffentlichkeit statt. Anfang August fordert die Kesb Bern bei der Politik eine Aufklärungskampagne gegen das Kesb-Bashing. Am 7. August nimmt sich die Mutter im Zürcher Untersuchungsgefängnis das Leben. (nid)

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