Thalheim

Lieber mehr Zuckerrüben als Chäferli

Zweimal schon lehnte der Gemeinderat die Revitalisierung des Mosbachs ab. Nun hat auch das Volk das Vorhaben bachab geschickt.

Hier endet der vor 13 Jahren revitalisierte Abschnitt des Mosbachs. Danach verschwindet der Bach in einem unterirdischen, 200 Meter langen Rohr.

Hier endet der vor 13 Jahren revitalisierte Abschnitt des Mosbachs. Danach verschwindet der Bach in einem unterirdischen, 200 Meter langen Rohr. Bild: Madeleine Schoder

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Beide Seiten trugen ihr Anliegen an der Gemeindeversammlung voller Emotionen vor. Da war zum einen das Thalheimer Ehepaar August und Doris Morf, das ein weiteres Stück des auf seinem Land vergrabenen Mosbachs freilegen und revitalisieren wollte. Auf der anderen Seite stand der Gemeinderat, der das Vorhaben ablehnte.

Bis zur Mündung in den Huebbach fliesst der Mosbach noch für 200 Meter in einem unterirdischen Rohr. Diesen Abschnitt wollten die Morfs öffnen – ausdohlen, wie es in der Fachsprache heisst. Der Huebbach fliesst später in den Grütbach, der dann in die Thur mündet.

«Wasser ist Leben»

Die ersten 170 Meter des Mosbachs auf dem Grundstück der Morfs dohlten diese vor 13 Jahren aus. Doch nach dem neuen Gewässerschutzgesetz muss die Gemeinde als Bauherrin auftreten – auch, um die nötigen Unterstützungsbeiträge zu erhalten. Deshalb gelangten die Morfs mit ihrem Projekt «Revitalisierung Mosbach 2» an den Thalheimer Gemeinderat, der dieses aber gleich zweimal ablehnte.

Aufwendige, schöne Präsentation nützte nichts

Daher brachte das Ehepaar sein Vorhaben via Einzelinitiative vor die Gemeindeversammlung. Doch am Donnerstag hat nun auch diese die Bachöffnung mit 38 Nein- zu 28 Ja-Stimmen bei 8 Enthaltungen abgelehnt.

Vor der Diskussion und Abstimmung stellte August Morf das Projekt vor. Seine Präsentation war aufwendig gestaltet und gespickt mit schönen Fotos von teils seltenen Tieren, die sich am bereits revitalisierten Abschnitt des Mosbachs angesiedelt haben – darunter die äusserst rare Helm-Azurjungfer, eine kleine Libellenart. «Wasser ist Leben», sagte Morf.

Der schon geöffnete Bachabschnitt habe sich «einmalig entwickelt». Die zweite Revitalisierung bis zum Huebbach sei ein «geniales Projekt». «Wir alle können heute Abend der Natur etwas Gutes tun.»

Auch die Primarschule Thalheim unterstützte das Vorhaben der Morfs. So könnten die Kinder die Natur ganz in der Nähe erleben. Bloss 2000 Quadratmeter oder 0,5 Promille des landwirtschaftlichen Kulturlandes von Thalheim würden für die Revitalisierung des Bachs benötigt, sagte Morf weiter.

Zudem könnte mit der Auffüllung einer alten Grube anderswo der verlangte Ersatz geschaffen werden. Dann zählte er etliche Bauvorhaben in Thalheim und in der Region auf, für die viel mehr Land verbraucht werde.

«Wurde da auch so polemisiert?», fragte er rhetorisch. Das ganze Projekt koste maximal 200 000 Franken, wobei 150 000 Franken durch Fördergelder vertraglich zugesichert seien. Für den Unterhalt des Bachabschnittes sorge der Pächter, ein Landwirt. Somit entstünden für die Gemeinde keine Kosten.

Und für diese Arbeiten am Bachufer erhalte der Bauer wiederum Biodiversitäts- und Landschaftsqualitätsbeiträge. «Der Mosbach will sich befreien, will an die Oberfläche», sagte Morf mit viel Pathos.

«Missbrauchter» Boden

Die ablehnende Haltung des Gemeinderates vertrat Gemeinderat und Landwirt Guido Roggensinger. Der Rat bezweifle, dass die Kosten im Vergleich zum Nutzen angemessen seien. Der hochgehaltenen Biodiversität stünden grundlegende Bedürfnisse des Menschen gegenüber. Roggensinger erwähnte dabei den Selbstversorgungsgrad, der in der Schweiz nur noch bei knapp über 50 Prozent liege. Durch Erdabtragungen und Bebauungen werde «immer mehr fruchtbarer Boden missbraucht».

«Die Andelfinger sagen schon, wir spinnen und lachen über uns.»

Die Revitalisierung des Bachabschnittes bedeute 2000 Quadratmeter weniger Versorgungssicherheit. Dies entspreche 20 Tonnen Zuckerrüben. Die Förderung der Biodiversität dürfe nicht auf Kosten von fruchtbarem Boden erfolgen. Artenvielfalt sei auf jedem Stück Land möglich, etwa durch Brachen, mit Gehölzen oder Hecken, «also ohne Baggerarbeiten». Auch die Rechnungsprüfungskommission lehnte das Projekt ab.

In der anschliessenden Diskussion, die rund eine Viertelstunde dauerte, meldeten sich gut zehn Personen zu Wort, die meisten davon kritisch. Wenn der zweite Bachabschnitt auch noch revitalisiert werde, «kommt der Biber gratis», mahnte ein Bürger.

Ob die Morfs dann immer noch Freude daran hätten, wenn das Tier an ihren Bäumen nage, fragte er. «Die Andelfinger sagen schon, wir spinnen und lachen über uns.» Für diese Aussage gab es sogar Applaus. Ein anderer Bürger und Bauer sagte, dass man die «Chäferli und Tierli» am Bach ja nicht essen könne. Das Essen von Insekten sei zwar in Mode gekommen, witzelte er. Die Landwirtschaft habe schon viel für die Natur getan, meinte der Bauer weiter.

Und eine Frau fand, man solle das Geld für solche Projekte doch besser in städtischen Gebieten investieren, wo es weniger Natur gebe als in Thalheim an der Thur. Daraufhin sagte ein anderer Mann, dass er enttäuscht sei von der bisherigen Debatte. Er sei ein «Tierlifründ», und die 20 Tonnen Zuckerrüben interessierten ihn nicht. «Man sollte eh weniger Zucker essen.»

Ein «Ablasshandel»

Doch die Kritik riss nicht ab. Ihm komme das Ganze wie ein Ablasshandel vor wegen begangener Sünden an der Natur, meinte ein Thalheimer.

Zwar schickten die Stimmbürger das Revitalisierungsprojekt bachab. Dafür sprudelten die Steuereinnahmen mehr als gedacht – die Jahresrechnung 2017 schloss um fast eine halbe Million Franken besser ab als budgetiert.

(Der Landbote)

Erstellt: 08.06.2018, 16:57 Uhr

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