Marthalen

Mehr Humus im Boden soll Kohlendioxid aus der Luft speichern

Nicht nur Wälder und Meere entziehen der Atmosphäre Kohlenstoff, sondern auch die Böden.

Der Humus auf den Äckern der Landwirtschaft ist nicht nur fruchtbar, er speichert auch Kohlenstoff.

Der Humus auf den Äckern der Landwirtschaft ist nicht nur fruchtbar, er speichert auch Kohlenstoff. Bild: Urs Jaudas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Rettet der Kompost uns vor dem Klimawandel?» In diese Frage packten die Weinländer Grünen ein verheissungsvolles Versprechen und luden am Donnerstagabend zum Podium «Humus und Klimaschutz» nach Marthalen. Knapp 20 Personen besuchten den Anlass. Zuerst wurde ein Zusammenschnitt des Films «Humus: Die vergessene Klima-Chance» von 2009 gezeigt.

Danach diskutierten vier Personen das Thema: Marionna Schlatter (Präsidentin Grüne Kanton Zürich, Kantonsrätin), Daniel Bretscher (Agroscope), Ralph Hablützel (Biobauer) und Konrad Langhart (SVP-Kantonsrat, Biobauer).

Etwa fünf Prozent Humus

Wenn sich Kohlenstoff (C) mit Sauerstoff (O) verbindet, entsteht das Klimagas Kohlen(stoff)dioxid (CO2), das die Temperatur in der Atmosphäre ansteigen lässt. Dass die Ozeane und Wälder der Luft CO2 entziehen, speichern und damit der Klimaerwärmung entgegenwirken, ist allgemein bekannt. Dass aber auch der Humus im Boden zu den grössten Kohlenstoffspeichern zählt, ist weniger bekannt.

Um den Vorgang zu verstehen, muss man sich folgenden Kreislauf vergegenwärtigen: Mittels Photosynthese bilden Pflanzen aus Kohlendioxid und Sonnenlicht jene Kohlenstoffverbindungen, aus denen sie aufgebaut sind. Ein Teil des Kohlenstoffs aus der Luft ist nun also in der Pflanze gespeichert. Stirbt die Pflanze ab, verrottet sie dank Kleinlebewesen und Humus entsteht. Die oberste, fruchtbare Erdschicht besteht aus rund 45 Prozent mineralischen Teilchen aus verwittertem Gestein, aus etwa 50 Prozent Wasser und Luft – und eben aus circa 5 Prozent Humus, der aus abgestorbenen pflanzlichen und tierischen Resten besteht.

Dieses organische Material besteht aus rund 60 Prozent Kohlenstoff. Jetzt wird das Kernargument des Marthaler Podiums deutlich: Je mehr Humus in den Äckern vorhanden ist, desto mehr Kohlenstoff wird darin gespeichert.

«Humus ist die Grundlage unseres Berufs»Konrad Langhart, SVP-Kantonsrat und Biobauer

Nach Angaben des kantonalen Amts für Landschaft und Natur speichern die land- und forstwirtschaftlichen Böden im Kanton in Form von Humus rund 17 Millionen Tonnen Kohlenstoff. Ein Boden mit hohem Kohlenstoffgehalt speichert mehr Nährstoffe und Wasser und ist damit auch fruchtbarer.

Nur: Werden die Äcker zu intensiv bewirtschaftet, baut sich der Humus wieder ab. Der Kohlenstoff verbindet sich dabei mit Sauerstoff und entweicht wieder als schädliches CO2. Böden können also Kohlendioxid binden, aber auch wieder abgeben. Studien legen nahe, dass die Böden in Europa derzeit mehr CO2 in die Atomsphäre abgeben als aufnehmen. Die Klimaerwärmung könnte zudem bewirken, dass der Humus im Boden sogar noch stärker abgebaut und damit noch mehr CO2 freigesetzt wird.

«Kann man diskutieren»

«Humus ist die Grundlage unseres Berufs», sagte Langhart am Podium. Der Landwirt hat seit dem 1. Januar 2019 seinen Betrieb in Stammheim vollständig auf biologische Produktion umgestellt. Der Hauptauslöser der Bio-Umstellung sei seine Partnerin gewesen, verriet er. Er habe zwar schon in seiner Ausbildung vor 35 Jahren gelernt, dass Humus nötig sei. «Aber auch, auf Teufel komm raus zu produzieren». Das habe man damals nicht hinterfragt.

In den vergangenen Jahrzehnten habe das Verhältnis zwischen In- und Output immer weniger gestimmt. Also zwischen dem, was man den Äckern durch Ernte entnahm und an Humus wieder zurückgab. Unter anderem deswegen habe er auf Bio umgestellt, sagte Langhart weiter. Ob man mit mehr Humus in den Äckern gleich das Klima retten könne, «darüber kann man diskutieren».

«Wir können nicht alles mit Bewässerung lösen.»Konrad Langhart

Tatsache sei aber, dass es wärmer werde und die Wasserspeicherung im Boden durch Humus gerade im trockenen Weinland wichtig sei. «Wir können nicht alles mit Bewässerung lösen.» Langhart versucht derzeit, den Humusgehalt in seinen Böden zu stabilisieren und dann eventuell zu erhöhen. Erreicht werden kann dies etwa durch den Anbau von Unter- und Zwischenkulturen oder mehr Gründüngung – der Sinn dahinter: Solches Grünzeug auf den Äckern verrottet und bildet mehr kohlenstoffhaltigen Humus im Boden. Auch das Ausbringen von Kompost aus Haushalten auf die Felder hilft.

Weniger fossile Brennstoffe

Es sei nicht die Aufgabe der Landwirtschaft, das Klimaproblem zu lösen, sagte Daniel Bretscher von der Forschungsanstalt Agroscope. Auch könne gar nicht so viel Kohlenstoff in den Boden eingebracht werden. Die markante Senkung fossiler Brennstoffe sei viel wichtiger.

Erstellt: 07.06.2019, 14:54 Uhr

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles