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Musik, die das Lustzentrum anregt

2020 erwartet Rheinau 20 Konzerte. Als Bonbon der Mitgliederversammlung des Vereins Rheinauer Konzerte präsentierte der renommierte Neurowissenschaftler Lutz Jäncke Erkenntnisse zur Wirkung von Musik auf das menschliche Gehirn.

Betreibt Wissenschaftsentertainment auf höchstem Niveau: Lutz Jäncke.
Betreibt Wissenschaftsentertainment auf höchstem Niveau: Lutz Jäncke.
Sabine Bierich

«Hören Sie Musik, die Ihnen gefällt. Das aktiviert in Ihrem Hirn das Lustzentrum.» Lutz Jäncke spricht mit Emphase. Der Mühlesaal im Restaurant Klostergarten, in dem die Mitgliederversammlung des Vereins Rheinauer Konzerte stattfindet, hat sich anlässlich des Referats des redegewandten Hirnforschers und trotz Coronavirusgefahr gefüllt.

20 Konzerte erwartet Rheinau in diesem Jahr, darunter neun Klosterkonzerte, drei Klassikfestivals, eine Rheinserenade und ein Clara-Schumann-Abend. Den Anfang macht im Mai das holländische Narratio-Quartett, das sich zum Ziel gesetzt hat, sämtliche Beethoven-Streichquartette zum Anlass von Beethovens 250. Geburtstag zu spielen. In der Konzertreihe werden ausserdem Bach, Haydn, Schubert, Mozart, aber auch Unbekannteres zu hören sein. Besonders freuen darf man sich wohl auf die Hommage an Clara Schumann mit Rezitation, mit der die Saison im Oktober beendet wird.

Emotionen entstehen im Hirn

Zurück zu Lutz Jäncke. Er ist Professor für Neuropsychologie an der Universität Zürich. Für seine anschauliche Lehrtätigkeit wurde er mehrfach ausgezeichnet. Für heute hat er sein Buch «Macht Musik schlau?» mitgebracht. Jäncke referiert über eine Herzensangelegenheit, sein Forschungsschwerpunkt ist seit 30 Jahren die Wirkung von Musik auf das menschliche Gehirn. «Emotionen entstehen nicht im Herzen», stellt er gleich klar, «sondern im Hirn.»

20 Prozent des menschlichen Energiehaushalts nimmt das Gehirn in Anspruch, bei Höchstleistung erhöht sich der Energiebedarf maximal um 4 Prozent. «Sie können mit Hirnsport nicht abnehmen», bringt er sein Publikum treffsicher zum Lachen. Jäncke betreibt Wissenschaftsentertainment auf höchstem Niveau. Er führt weiter aus, dass das Gehirn ein Interpretationsorgan sei. Es hasse Chaos. Es verknüpfe und verwebe die auf es einprasselnden Eindrücke andauernd zu einem Weltmodell, am liebsten in Ruhe. Die meisten Prozesse laufen dabei unterbewusst ab.

Musizieren verändert Gehirn

Er beschreibt, was passiert, wenn er aus Vivaldis «Vier Jahreszeiten», seinem Lieblingsstück, den Herbst hört. Eng verknüpft ist es mit einem Amerikaaufenthalt zu dieser Jahreszeit und ruft Erinnerungen wach. Jede Erinnerung aktiviert ein anderes Zentrum in seinem Gehirn, was auf einer Projektion der Gehirntopografie deutlich zu sehen ist.

Hat Jäncke selbst während seines Studiums nur zwei Gehirne von toten Menschen zu sehen bekommen, ist es heute dank neuster Technik möglich, Dutzende von Gehirnen lebender Menschen zu erkunden.

Weil er Leute suchte, die von klein auf einer komplexen Tätigkeit nachgingen, kam der Hirnforscher darauf, sich auf die Wirkung von Musikmachen zu spezialisieren. Viele beginnen schon im frühen Kindesalter zu musizieren und tun dies ihr Leben lang. Die Forscher stellten fest, dass das Musizieren das Gehirn anatomisch verändert. Und das umso nachhaltiger, je früher die Beschäftigung damit beginnt. Erfahrungseinfluss modelliert also das Gehirn. Niemand erlange Meisterschaft, ohne viel zu üben, sagt er. Zu diesem Schluss kam auch eine Studie, die den Weg von Musikhochschulabgängern in Berlin untersuchte: Talentierte Musiker würden nur dann überdurchschnittlich gute Musiker, wenn sie bereits vor ihrem Studium 8000 Stunden geübt hätten. Hätten die Musiker vor Beginn ihrer Ausbildung im Schnitt nur 1200 Stunden geübt, würden sie eher Musiklehrer. Die Verknüpfung der Gehirnzentren geht so weit, dass Musiker sogar beim virtuellen Spielen ihres Instruments wissen, was sie hören würden. Das erklärt, warum Beethoven, taub geworden, noch komponieren konnte. Ähnliches gelte für den Tanz.

Macht Musik schlau?

«Robbie Williams und Mozart haben gemeinsam, dass sie zu ihrer Zeit Hits schrieben», sagt Jäncke. Musik, die uns gefällt, rege das Lustzentrum an. Sie mache zwar per se nicht schlauer, aber im Hinblick auf das Altern könne sie im Fall einer Demenz diese bis zu 33 Prozent verzögern, weil durch Musikhören, Musikmachen und Tanzen das Gehirn eine Reservekapazität entwickelt. Also ist es doch nur schlau, Musik zu hören und zu machen.

www.rheinauerkonzerte.ch

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