Buch am Irchel

«Nach dem Betteln war ich erschöpft»

Melina Grether aus Buch am Irchel hat für ihre Maturaarbeit im Rahmen eines Selbstversuchs gebettelt. Die Aktion löst viele Reaktionen aus.

Maturaarbeit: Melina Greter bettelte am Hauptbahnhof Zürich – einmal in Alltagskleidern, einmal als Obdachlose verkleidet.

Maturaarbeit: Melina Greter bettelte am Hauptbahnhof Zürich – einmal in Alltagskleidern, einmal als Obdachlose verkleidet.

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Frau Grether, wie sind Sie auf die Idee gekommen, am Hauptbahnhof in Zürich zu betteln?
Melina Grether: Ich wollte in meiner Maturarbeit etwas sinnvolles machen und ein Thema aufgreifen, das nicht in der Schule stattfindet. Zudem war ich mir nie sicher, wie ich Bettlern begegnen soll und war eher distanziert. Es ging mir deshalb auch darum, eigene Vorurteile zu widerlegen.

Ist Ihnen das in Ihrem Selbstversuch gelungen?
Ja. Ich habe gemerkt, wie viel ein Lächeln bewirken kann.

Wie haben die Leute auf Sie reagiert?
Als ich in meinen Alltagskleidern nach Geld fragte, reagierten die Leute oft freundlich, vor allem die Jungen. Zu denken gibt mir allerdings, wie viel die Kleider ausmachen. Als ich mich als Obdachlose ausgab, wurde ich mehrmals komplett ignoriert. Es gab auch abschätzige Blicke, was hart war. Ich war richtig schockiert.

Wie lange haben Sie durchgehalten?
In einem ersten Versuch wollte ich 30 Leute fragen. Nach zweieinhalb Stunden war ich allerdings so kaputt, dass ich abgebrochen habe. Beim zweiten Versuch habe ich mir dann vorgenommen zwölf Leute in verschiedenen Alterskategorien zu fragen. Mit diesem konkreten Ziel vor Augen ging es besser. Ich musste mich aber immer noch stark überwinden und meinen Stolz hinunterschlucken. Nach beiden Versuchen war ich erschöpft. Wichtig ist mir dabei festzuhalten, dass es keine wissenschaftliche Untersuchung war. Mir ging es darum, einen Eindruck zu erhalten, um Gefühle beim Betteln besser nachvollziehen zu können.

Wie viel Geld haben Sie erhalten?
Als ich in Alltagskleidern unterwegs war, habe ich zwanzig Franken erhalten, als Obdachlose war es nur ein Franken.

Was machen Sie mit dem Geld?
Für meine Maturarbeit über die Armut in Zürich habe ich zusätzlich auch einen Tag lang einen Surprise-Verkäufer begleitet. Ich werde ihm mit dem Geld wohl ein Mütze kaufen.

In vielen Gemeinden ist Betteln grundsätzlich verboten. Auch in ihrer Heimatgemeinde Buch am Irchel. Was halten Sie davon?
Ich kann das schon nachvollziehen. Es gibt in der Schweiz glücklicherweise Unterstützung. Wichtig scheint mir, dass man den Leuten langfristig helfen kann. Und vor allem, dass man alle wie Menschen behandelt und freundlich ist.

Der «Tages-Anzeiger» hat kürzlich über Ihre Maturarbeit berichtet. Der Artikel hat im Internet über Hundert Kommentare ausgelöst, darunter auch kritische. Wie gehen Sie damit um?
Ich nehme das nicht persönlich, aus dem Umfeld habe ich viele positive Rückmeldungen erhalten. Mich stört eher, dass sich einzelne Kommentatoren negativ über Bettler äusserten. Mit meiner Arbeit will ich vor allem aufrütteln und auf das Thema aufmerksam machen. Deshalb habe ich mich auch an die Medien gewandt. Ein freundliches ist viel besser als ein abschätziger Blick.

Erstellt: 29.10.2015, 15:13 Uhr

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