Weinland

Nagra klopft Störung in Erdkruste genauer ab

Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) bohrt zurzeit bei Trüllikon in den Untergrund. Der Bohrplatz liegt ganz nahe bei der Neuhausen-Störung, die bei der Platzierung des Endlagers eine rote Linie darstellt.

Östlich von Trüllikon, an der Grenze zum Thurgau, bohrt die Nagra derzeit in die Tiefe, um das Gestein zu untersuchen.

Östlich von Trüllikon, an der Grenze zum Thurgau, bohrt die Nagra derzeit in die Tiefe, um das Gestein zu untersuchen. Bild: Markus Brupbacher

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wo genau im Untergrund des Weinlandes wäre der beste Ort für den Bau des Endlagers? Um diese Frage zu beantworten, führt die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) diverse Messungen und Bohrungen durch.

Zürcher Weinland, Zürcher Unterland oder Aargauer Bözberg: In allen drei verbliebenen Endlagerregionen sucht die Nagra diese besten Orte im Opalinuston, vergleicht sie miteinander und gibt voraussichtlich 2022 bekannt, wo sie das Endlager bauen will. Aktuell läuft die Tiefbohrung östlich von Trüllikon.

Nicht zu hoch, nicht zu tief

Die rund 100 Meter dicke und etwa 175 Millionen Jahre alte Opalinustonschicht liegt im Weinland nicht überall gleich tief. Ganz im Osten bei Trüllikon beginnt diese Gesteinsschicht erst bei etwa 830 Metern unter der Erdoberfläche, im Westen unterhalb Marthalen liegt sie weniger tief. Hoch radioaktive Abfälle müssen für eine Million Jahre sicher im Opalinuston gelagert werden. In dieser Zeit könnte es wieder zu einer Eiszeit kommen und die Gletscher schlimmstenfalls das Tiefenlager freilegen; die letzte Eiszeit endete vor rund 10000 Jahren. Die derzeitigen Abklärungen der Nagra sollen die Frage beantworten, wie tief – und damit wie östlich – das Weinländer Endlager gebaut werden müsste, damit so etwas nicht passiert. Der Bau des Lagers in grösserer Tiefe ist zwar möglich, baulich aber anspruchsvoller. Auch zu dieser baulichen Machbarkeit werden aktuell Daten gesammelt, so auch in der erwähnten Tiefbohrung östlich von Trüllikon. Der beste Ort für das Lager darf also nicht zu nahe an der Erdoberfläche, aber auch nicht zu tief liegen.

Störung möglichst meiden

Doch unbegrenzt nach Osten verschieben lässt sich der mögliche Ort für das Tiefenlager nicht – wegen der sogenannten Neuhausen-Störung (siehe Karte). Die Störung ist nach der Stadt Neuhausen am Rheinfall benannt, durch welche sie verläuft. Es handelt sich dabei vereinfacht gesagt um eine alte Bruchstelle in der Erdkruste, wodurch die Gesteinsschichten darüber – auch der Opalinuston – bis zu 40 Metern nach unten absackten. Konkret heisst das, dass die Tonschicht östlich der Neuhausen-Störung tiefer unten liegt und versetzt weiter verläuft. Ein so grosser Versatz sei für ein sicheres Tiefenlager «sehr ungünstig», wie die Nagra auf Anfrage mitteilt. Für den Bau des Lagers werden nicht derart gestörte, sondern ruhig gelagerte Gesteinsschichten benötigt. Das Worst-Case-Szenario: In einer solchen Störung könnten sich Risse im Opalinuston gebildet haben, durch die Grundwasser sickern und das Lager undicht machen könnten. Daher werden solche geologischen Störungen bei der Suche nach dem besten, sichersten Ort gemieden. Um herauszufinden, wie nahe die Nagra das Tiefenlager an die Neuhausen-Störung heran bauen könnte, führt sie noch dieses Jahr zusätzliche seismische Messungen durch. Zur Erinnerung: Wegen zukünftiger Eiszeitgletscher, deren Wahrscheinlichkeit derzeit ebenfalls abgeklärt wird, muss das Tiefenlager möglicherweise weiter nach Osten und damit mehr in die Tiefe verschoben werden. Die ergänzenden seismischen Messungen hat der Kanton Thurgau, auf dessen Boden sie stattfinden werden, vor wenigen Tagen bewilligt.

Die seismischen Messungen dauern etwa eine Woche. Zusammen mit weiteren Messungen im Loch der Tiefbohrung soll von der Neuhausen-Störung in dieser Gegend ein vollständiges Abbild entstehen.

4000 Meter abgesackt

Die Neuhausen-Störung, welche die Nagra mit zusätzlichen seismischen Messungen näher untersuchen will, ist Teil eines viel grösseren, weit verzweigten Störungssystems in der Erdkruste. Die Störung liegt am Rand des sogenannten Bonndorfer Grabens (siehe Karte). Dieser Graben mündet bei Freiburg im Breisgau in den Oberrheingraben. Beide Gräben sind im Zuge der Alpenfaltung entstanden, als die Afrikanische Platte im Süden auf die Europäische Platte im Norden drückte. Der gewaltige Druck führte dazu, dass die Erdkruste brach und sich diese Gräben bildeten. Im Gebiet des Oberrheins zwischen Basel und Mainz zerrten diese Kräfte die Erdkruste so auseinander, dass in der Mitte ein Hohlraum entstand. Auf einer Länge von etwa 300 Kilometern und einer Breite bis 40 Kilometern brachen daraufhin die darüber liegenden Gesteinsschichten ein und sackten nach unten – der Graben entstand. Das geschah vor rund 40 bis 50 Millionen Jahren, vor 66 Millionen Jahren starben die Dinosaurier aus.

Während bei der Neuhausen-Störung die Gesteinsschichten wie erwähnt rund 40 Meter nach unten rutschten, waren es im Oberrheingraben bis 4000 Meter. Mit dem Absinken der Erdkruste wurde gleichzeitig östlich und westlich des Grabens Gestein nach oben gedrückt – der Schwarzwald und die Vogesen entstanden. Heute beträgt der Höhenunterschied zwischen dem Schwarzwald und dem Rhein unten im Tal «nur» noch rund 1000 Meter. Der Grund: Während der Jahrmillionen wurden die beiden Gebirgszüge durch Erosion abgetragen und der Rheingraben damit durch Gletscher mit Kies und Sand teils wieder aufgefüllt. Daher ist der Oberrheingraben heute nicht mehr so tief wie einst. Der Graben senkt sich noch heute um bis 0,2 Millimeter pro Jahr.

Vulkane in den Gräben

Ob Oberrheingraben oder Bonndorfer Graben: Die Entstehung der beiden Gräben lässt sich auch mit einem Vergleich erklären. Auf einem gefrorenen See liegen unterschiedlich alte Schichten Schnee – die Gesteinsschichten. Die Eisschicht darunter ist das Grundgebirge der Erdkruste, das Seewasser das flüssige Erdinnere (Magma). Bricht das Eis und driftet auseinander, entsteht eine Lücke und die Schneeschichten sacken nach unten – ein Graben entsteht. Herrscht noch mehr Druck, steigt sogar Seewasser an die Oberfläche – Magma steigt durch Vulkane als Lava nach oben. So geschehen bei den Vulkanen im Hegau und am Kaiserstuhl (siehe Karte). Die Hegauer Vulkane, rund ein Dutzend, sind seit sieben Millionen Jahren nicht mehr aktiv.

Erstellt: 16.09.2019, 18:57 Uhr

Artikel zum Thema

Nagra bohrt 1360 Meter tief in den Untergrund

Trüllikon Rund drei Jahre nach Einreichung von acht Bohrgesuchen hat die Nagra am Dienstagnachmittag mit der ersten Tiefbohrung im Weinland begonnen. Damit startet die entscheidende Phase. Mehr...

«Heisse Zelle» an Rheinufer erhitzt Gemüter

Endlager Während die Nagra ihre Tiefbohrungen durchführt, geht der Streit um die oberirdischen Bauten des Endlagers in die nächste Runde. Die eigentliche Diskussion beginnt nächstes Jahr. Mehr...

Nagra sucht Lieferanten von bis zu 3,5 Millionen Liter Diesel für Bohrungen

Endlager Während der Sommerferien startet die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) mit ihrer ersten Tiefbohrung im Zürcher Weinland. Dafür sucht sie noch einen Diesellieferanten. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles