Endlager

Nagra sieht im Korallenriff unter Bülach zwar kein Problem, aber auch «keinen Vorteil»

Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) ist bei Bülach auf ein versteinertes Korallenriff gestossen. Drei Geologen meinen, dass die Gegend deshalb nicht mehr geeignet sei für den Bau des Endlagers. Die Nagra widerspricht.

Bunte Fische und Korallen in verschiedenen Farben und Formen: Solche Riffe liegen meist nahe der Meeresoberfläche.

Bunte Fische und Korallen in verschiedenen Farben und Formen: Solche Riffe liegen meist nahe der Meeresoberfläche. Bild: Pixabay

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Unweigerlich denkt man an Südsee, Ferien und bunte Fische: Letzten Herbst gab die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) bekannt, dass sie während ihrer Tiefbohrung unweit von Bülach im Zürcher Unterland auf ein versteinertes Korallenriff gestossen sei.

Die Nagra führt solche Bohrungen in den drei verbliebenen Standortregionen Zürcher Unterland nördlich der Lägern, Zürcher Weinland und Aargauer Bözberg durch. Sie tut dies, um die Frage zu beantworten, welche dieser Regionen am besten für den Bau des Atomendlagers geeignet ist. Voraussichtlich im Jahr 2022 gibt die Nagra bekannt, wo sie das Endlager für die radioaktiven Abfälle der Schweiz dereinst bauen will. Im Weinland startet diese Woche eine weitere Tiefbohrung bei Marthalen.

Kritik von der drei Geologen

Die drei Geologen Walter Wildi, Marcos Buser und André Lambert kritisieren die Nagra seit Jahren. In ihrem Blog «Nuclear Waste» schreiben sie auch über das Bülacher Korallenriff. Für die Nagra sei «die Sache wohl eher peinlich», behaupten sie. Das versteinerte Riff stelle als durchlässige Gesteinsschicht, mutmassen sie, einen sogenannten Grundwasserleiter dar: Dieser «könnte nukleare Schadstoffe aus dem Lager über rasche Fliesswege in die Umwelt verbreiten». Damit, schlussfolgern sie, falle die betroffene Zone als Standort für ein Tiefenlager weg.

«Für die Nagra
ist die Sache wohl eher peinlich.»
Aus dem Blog «Nuclear Waste» der Geologen und Nagra-Kritiker Walter Wildi, Marcos Buser und André Lambert

Riffe bestehen aus kalkhaltigen, porösen Korallen mit vielen Hohlräumen. Als geologischer Laie fragt man sich schon: Ist eine Gesteinsschicht aus versteinerten Korallen nicht auch durchlässig und damit der Sicherheit des Endlagers abträglich, das Hunderttausende Jahre dichthalten muss? Die Frage nach der Durchlässigkeit respektive Dichtigkeit des Gesteins ist entscheidend. Das relativ weiche Tongestein Opalinus, in dem das Endlager gebaut werden soll, ist sehr dicht und fast wasserundurchlässig. Damit hält es radioaktive Teilchen gut zurück.

Zur Zeit der Dinosaurier

Der Opalinuston entstand vor 180 bis etwa 175 Millionen Jahren durch Ablagerungen in einem flachen Meer des Erdzeitalters Jura, als auf der Erde grosse Dinosaurier lebten. Für die Langzeitsicherheit des Endlagers ist nicht nur der Opalinuston, sondern auch das sogenannte Rahmengestein von Bedeutung. Es handelt sich um Gesteinsschichten, die ober- und unterhalb des Opalinustons liegen und die ebenfalls tonhaltig sind. Damit dienen auch sie als geologische Barriere gegen die Ausbreitung radioaktiver Teilchen.

Im ganzen östlichen Bereich

Das versteinerte Korallenriff von Bülach liegt oberhalb des Opalinustons. Das Tongestein selber ist dort über 100 Meter dick und liegt zwischen rund 850 und 1000 Metern unter der Erdoberfläche. Weil sich das Riff ja über dem Opalinuston befindet, ist es jünger. Die Nagra schätzt sein Alter auf etwa 160 Millionen Jahre. Zur Ausdehnung des Korallenriffs sagt die Nagra auf Anfrage, dass es vermutlich im gesamten östlichen Bereich des Standortgebiets vorkomme. Also in der Zone, wo das Lager dereinst gebaut würde, sollte der Entscheid aufs Zürcher Unterland fallen.

Region weiterhin geeignet

«Das Korallenriff ist kein Vorteil», sagt Nagra-Sprecher Patrick Studer. Ob und inwiefern es ein Nachteil sei, würden die Laboranalysen zeigen. Denn auch aus dem versteinerten Riff wurde bei der Tiefbohrung ein Bohrkern entnommen, der analysiert wird. Das Bülacher Korallenriff wird laut Studer in den Sicherheitsvergleich einbezogen, sprich: Wenn die drei verbliebenen Endlagerregionen punkto Sicherheit miteinander verglichen werden, werden auch die über die Jahrmillionen zusammengedrückten und versteinerten Korallen berücksichtigt.

«Selbst wenn das Riff komplett durchlässig wäre, würden die Schutzziele erfüllt.»Patrick Studer
Mediensprecher der Nagra

Doch ein ernsthaftes Sicherheitsproblem stellen sie offenbar nicht dar: «Wir sind trotz dieses Korallenriffs überzeugt, dass sich Nördlich Lägern für den Bau eines Tiefenlagers eignet», so Studer weiter. Denn die tonhaltigen Gesteinsschichten, welche zusammen die radioaktiven Abfälle einschliessen sollen, seien so dicht und mächtig, «dass die Schutzziele sogar dann eingehalten würden, wenn das Korallenriff komplett durchlässig wäre». Mit diesen Zielen sind jene gesetzlichen Vorgaben gemeint, um Mensch und Umwelt vor der schädlichen radioaktiven Strahlung über lange Zeit zu schützen.

Riff fast 50 Meter dick

Die Nagra wisse, sagt Studer weiter, dass eine Opalinuston-Dicke von 80 Metern reiche, um diese Schutzziele einzuhalten. «In Bülach haben wir 110 Meter, dazu kommen rund 30 Meter sehr tonhaltige und daher einschlusswirksame Schichten.» Diese Gesteinsschichten liegen zwischen dem Opalinuston und dem Korallenriff darüber. Mehr noch: Test im Bülacher Bohrloch hätten ergeben, dass auch der Bereich des Korallenriffs eine sehr hohe Dichtigkeit habe. «So wie es aussieht, sind die Hohlräume des Riffs mit Ton gefüllt.» Dies trage dazu bei, dass auch das Riff sehr dicht sei. Das versteinerte Korallenriff ist knapp 50 Meter dick. Erste Analysen weisen laut Studer darauf hin, dass das im Riff gefundene Wasser «seit sehr langer Zeit eingeschlossen» sei und somit im Riff nichts fliesse respektive die Fliessgeschwindigkeit «extrem niedrig ist».

«Ohne Kenntnis der Daten»

Die abschliessende Einschätzung ist erst dann möglich, wenn die verbliebenen Standortregionen nach den Tiefbohrungen entlang von 13 Sicherheitskriterien miteinander verglichen wurden. Dabei kommt es laut Studer auch darauf an, was in den zwei anderen Standortregionen anstatt eines Korallenriffs gefunden wird. Und: Es irritiere, wenn die drei Geologen Wildi, Buser und Lambert «ohne Kenntnis der Daten behaupten, mit dem Korallenriff sei Nördlich Lägern aus dem Rennen».

Erstellt: 10.02.2020, 13:53 Uhr

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