Marthalen

Noch nackter Bach fliesst in seinem neuen Bett

Seit letzter Woche nimmt der Niederwiesenbach bei Marthalen einen neuen Verlauf. Weil der Bach dem weiteren Kiesabbau im Weg war, wurde er auf einer Länge von gut einem Kilometer verlegt. Der neue Bachabschnitt wird viel natürlicher sein als der alte.

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Vor etwa 15 000 Jahren reichte der eiszeitliche Gletscher noch bis zum heutigen Schaffhausen. Danach wurde es wärmer und die Eismassen schmolzen zurück in den Alpenraum, was etwa 2000 Jahre dauerte. In dieser Nacheiszeit entstanden allmählich die heutigen Seen, Flüsse und Bäche.

Letzte Woche ist südwestlich von Marthalen ein neuer Bach entstanden – zumindest auf einer Länge von gut einem Kilometer. Weil der Niederwiesenbach dem weiteren Abbau von Kies in Niedermartel im Weg war, musste er verlegt werden (der «Landbote» berichtete). Für die Bachumlegung schaufelten Bagger in wiederaufgefüllten Bereichen der Kiesgrube ein komplett neues Bachbett.

Dichtigkeit getestet

Am Dienstag, 6. August, sei das neue Bachbett zuerst «leicht bewässert» worden, wie Wolfgang Bollack, Sprecher der kantonalen Baudirektion, sagt. Der Kanton wird die Parzelle mit dem neuen Gewässer übernehmen. Die Bewässerung sei ein Test gewesen, um zu sehen, ob der Bach dicht ist und sein Wasser auch unten ankommt und nicht vorher versickert.

«Es ist selten, dass ein völlig neues Gewässer auf der grünen Wiese gebaut wird.»Wolfgang Bollack
Sprecher der kantonalen
Baudirektion

Dies war früher einst der Fall. So ist auf einer alten Landkarte aus dem 17. Jahrhundert zu sehen, wie sich der Niederwiesenbach in der Ebene von Niedermartel in mehrere Äste verzweigte und im kiesigen Untergrund versickerte.

Bis ins 20. Jahrhundert diente der Bach zur Bewässerung der dortigen Felder. Die kanalartige Verbindung des Bachs durch das grosse Waldgebiet Niderholz bis zur Thur wurde erst später erstellt. Dort, wo der Bach in den Wald fliesst, stauten ab etwa 2007 Biber das Fliessgewässer zu einem See auf – einer der grössten Biberseen der Schweiz entstand.

Viele Fische umgesiedelt

Nebst dem Dichtigkeitstest vom vorletzten Dienstag habe besonders darauf geachtet werden müssen, dass der alte Bachabschnitt «gänzlich abgefischt» wurde, wie Bollack weiter sagt. Bis auf ein paar Pfützen liegt dieser Abschnitt jetzt trocken. 670 Bachforellen seien abgefischt und umgesiedelt worden.

Und: Mehrere tausend Alet, Schmerlen, Egli, Schleien, Hechte, Rotaugen und Rotfedern – alles Fischarten. Auch rund hundert Edelkrebse siedelten Fischer um. «Der Bachabschnitt wurde an den folgenden Tagen mehrmals kontrolliert und verbleibende Fische und Krebse ebenfalls umgesiedelt», sagt Bollack.

Stück Damm entfernt

Am späten Nachmittag des 8. August sprudelte der Bach ins neue Bett. Dabei wurde im alten Bachbett ein Querdamm errichtet und wenig davor ein Stück des linken Uferdamms entfernt, damit der Niederwiesenbach in sein neues Bett fliessen konnte. «Es ist selten, dass ein völlig neues Gewässer auf der grünen Wiese gebaut wird», sagt Bollack.

Der Baudirektion sei kein vergleichbares Projekt aus den letzten Jahren bekannt. Die grobe Gestaltung der Oberfläche für das neue, rund 1200 Meter lange Bachbett erledigte die Firma Toggenburger, die in Niedermartel Kies abbaut. Für die Feingestaltung der sogenannten Niederwasserrinne im Bachbett und für die Schaffung naturnaher Strukturen ist der Kanton zuständig. Die Kosten dafür belaufen sich auf rund 470 000 Franken.

Ufer noch kahl

Noch fehlen solche Strukturen. Der neue Bach wirkt daher nackt, seine Ufer sind kahl, und in der modellierten Oberfläche sind Baggerspuren zu erkennen. Aber anhand des fliessenden Wassers ist der natürlich wirkende, schlängelnde Bachverlauf schon gut zu erkennen. Anders als der alte, kanalartige Bachabschnitt ist der neue Gewässerraum mit 21 Metern viel breiter als früher – aus zwei Gründen.

Zum einen soll das Bachbett genügend Wasser aufnehmen, sodass das Kieswerk in der Grube direkt daneben vor Hochwasser geschützt ist. Zum andern wird damit Platz für eine grosszügige Revitalisierung geschaffen. Kleiner Blaupfeil, Helmazurjungfer, Blauflügel-Prachtlibelle, Violetter Silberfalter (Insekten) oder die Feldlerche: Um solche charakteristischen Leitarten gleichsam anzulocken, soll am Bach ein vielfältiger Lebensraum entstehen.

Für etwa 70 000 Franken pflanzt respektive sät der Kanton ausgewählte Baumarten, Büsche und Trockenwiesen an. Schwellen im Bach und Hügel im Bachbett, Wurzelstöcke, Stein- und Asthaufen schaffen abwechslungsreiche Strukturen für seltene Tiere am und im Gewässer. Der Kanton als künftiger Eigentümer wird den neuen Bach pflegen, wozu auch die Eindämmung gebietsfremder Pflanzen gehört (Neophyten).

Erstellt: 16.08.2019, 16:03 Uhr

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