Rheinau

«Pferde sind vorurteilsfreier als Menschen»

Elisa Gallusser geht auf dem Gut Rheinau ihrem Selbstvertrauen nach. Wie sie, besuchen auch noch 30 weitere Personen die Reittherapie. Doch das Angebot findet momentan auf unsicherem Grund statt.

In der Reittherapie wird Elisa Gallusser (links) mit ihren Ängsten konfrontiert. Dabei hilft ihr der Kuschelfaktor von Isländer Flügi, gehalten von Therapeutin Kathrin Steppacher.

In der Reittherapie wird Elisa Gallusser (links) mit ihren Ängsten konfrontiert. Dabei hilft ihr der Kuschelfaktor von Isländer Flügi, gehalten von Therapeutin Kathrin Steppacher. Bild: Madeleine Schoder

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Eine Frau hält ein schwarz-weiss geflecktes Pony am Strick. Elisa Gallusser und Pferd Flügi stehen auf dem Reitplatz des Gut Rheinaus. Gallusser ist heute für ihre vierte Reittherapiestunde hier. Vor einiger Zeit musste die 72-Jährige für einen kurzen Aufenthalt in die psychiatrische Klinik in Rheinau. Der Grund dafür waren Angstzustände. In den zwei Wochen, die die Zürcherin im beschaulichen Dorf verbracht hat, kam sie öfters auf dem Hof zu Besuch. Der Betrieb und die Tiere haben sie interessiert. «Es hat sehr gut getan, der Natur so nahe zu sein.» So hat sie von der Reittherapie erfahren und beschlossen, diese für sich zu nutzen.

Einen Kreis ziehen

Zuerst drehen Elisa Gallusser und Flügi ein paar Runden auf dem Platz. Sie soll die Stute führen. Neben den beiden ist noch eine wichtige Person dabei: Reittherapeutin Kathrin Steppacher. Sie gibt die Instruktionen.

Heute geht es darum, wie nahe die Therapeutin und das Pferd an Gallusser herantreten dürfen, ohne dass diese sich bedrängt fühlt. «Ziehen Sie eine Kreis um sich, und stellen Sie sich in die Mitte», sagt Steppacher. Gallusser tut wie ihr geheissen und schart mit den Schuhen einen Kreis. Beschwingten Schrittes gehen Steppacher und Flügi auf sie zu. Sie übertreten die Linie und Gallusser weicht zurück. Ihre Grenze wurde übertreten, und sie hat nichts dagegen unternommen. Das Ganze soll jetzt wiederholt werden, aber diesmal hat Gallusser die Aufgabe, für ihr Bedürfnis einzustehen.

Selbstsicherheit trainieren, das ist eines ihrer Ziele in der Reittherapie. «Wenn ich unsicher bin, dann wird auch das Pferd unsicher», sagt Elisa Gallusser. Diese Erfahrung habe sie gleich in der ersten Therapiestunde gemacht. Eine grosse Landwirtschaftsmaschine fuhr über den Hof, und Gallusser hatte grossen Respekt. Das Pferd habe das gemerkt und wurde ebenfalls unsicher. «So war ich einfach gezwungen selbstsicher zu sein.» Ein guter Zwang, weil er sie ihrem Ziel näher bringe.

«Flügi ist genauso sensibel wie ich», sagt die pensionierte Primarschullehrerin. Auch die Ängstlichkeit und Sanftheit habe sie mit dem Pony gemeinsam. «Ich habe mein Leben zaghaft gelebt, das möchte ich jetzt ändern.» Die Fortschritte merke sie im Alltag bereits. Eine solche Übung wie heute möchte sie in die Tat umsetzten. «Ich möchte nun mehr kommunizieren.»

Jung und Alt

Neben Elisa Gallusser nutzen noch etwa 30 weitere Personen das Therapieangebot des Betriebs Pferde-Erleben auf dem Gut in Rheinau. Sie kommen aus unterschiedlichen Gründen: «Wir haben viele Anfragen von Eltern mit Kindern, die Mühe in der Schule haben», sagt Carine Jocher, Leiterin der Pferdetherapie. Doch es seien Leute aus jedem Alter dabei.

Was Jung und Alt, gemeinsam haben, sei die grosse Eigenmotivation für die Therapie. Darin, und in der einfühlsamen Art der Pferde sieht Jocher den Schlüssel zum Erfolg: «Anders als andere Therapien, ist die Reittherapie meistens nicht auferlegt, sondern frei gewählt.»

Therapie ohne Vorurteile

Wie die Therapeuten werden auch die Pferde speziell für die Reittherapie ausgebildet. Voraussetzungen sind Freundlichkeit und Zutrauen gegenüber Menschen. «Pferde sind viel vorurteilsfreier als wir Menschen», sagt Jocher. Während wir häufig mit einer fixen Idee an etwas heran gehen, seien die Pferde offen.

Das Gelernte aus den Therapiestunden soll in den Alltag übertragen werden. Durch die wöchentlichen Lektionen werden die neuen Verhaltensmuster gefestigt. Die Therapiedauer ist allerdings sehr unterschiedlich. «Manche besuchen anschliessend an die Therapie den Reitunterricht als Hobby», sagt Jocher. Sie sei überzeugt, dass Reiten und die Nähe zum Tier jedem etwas bringe.

Sand ist teuer

Doch das Therapieangebot ist momentan eingeschränkt. Der 800 Quadratmeter grosse Platz müsste saniert werden, aber dafür fehlen die finanziellen Mittel. Vor allem müsste der Platz neu aufgeschüttet werden. Das Problem: der Sand sei teuer. Die Renovierungskosten würden sich laut Jocher auf etwa 29'000 Franken belaufen. Dafür haben sie im Newsblatt der Stiftung Fintan zum Spenden aufgerufen. Pferde-Erleben ist ein Partnerbetrieb der Stiftung.

Unter den aktuellen Voraussetzungen sei die Therapie nicht bei jeder Übung genügend sicher für Pferd und Reiter. Der Untergrund werde teilweise rutschig und so sei die Sturzgefahr viel höher. Besonders bei starker Trockenheit sei das Risiko gross. Auch parallel stattfindende Therapiestunden seien fast unmöglich, sagt Jocher. «Durch die Sanierung könnten mehr Menschen von dem Angebot profitieren.» (Landbote)

Erstellt: 23.11.2018, 14:37 Uhr

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