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«Richterin Barbara Salesch war recht authentisch»

Am Bezirksgericht ­Andelfingen ist heute Tag der offenen Tür, samt inszenierten Prozessen. Gerichtspräsident Lorenz Schreiber über Täter, Lügner und TV-Richter.

Das Bezirksgericht Andelfingen lädt ein. Heute ist Tag der offenen Tür.
Das Bezirksgericht Andelfingen lädt ein. Heute ist Tag der offenen Tür.

Sie haben das Recht, zu schweigen. Alles, was Sie sagen, kann und wird vor Gericht gegen Sie verwendet werden.Lorenz Schreiber: . . .(schweigt)

Gibt es diesen Spruch wirklich?Nicht in dieser Form, wie man ihn aus dem Fernsehen kennt. Aber wir weisen den Beschuldigten im Strafrecht darauf hin, dass er ein Recht auf Aussageverweigerung hat. Dasselbe macht die Staats­anwaltschaft zu Beginn einer Untersuchung.

Jedoch macht ein Beschuldigter nicht den besten Eindruck auf Sie, wenn er immerzu schweigt.Nein. In aller Regel ist es für ihn eine gescheitere Taktik, zu kooperieren, wenn Fakten und objektive Indizien auf dem Tisch liegen.

«Richtershows knüpfen dort an, wo ­Krimis aufhören.»

Lorenz Schreiber,Gerichtspräsident

Wie sehr ist die geläufige Vorstellung eines Gerichtsverfahrens durch TV und Kino geprägt?Das allgemeine Publikum ist schon geprägt. Das merke ich auch meinen Kindern an, wenn die manchmal solche Floskeln bringen und ich sie korrigieren muss. Ein Verfahren ist in der Realität nicht so theatralisch.

Haben Sie auch deshalb heute einen Tag der offenen Tür?Ja. Viele Gerichtsverhandlungen sind ja öffentlich, aber wir haben nur selten Besucher aus der all­gemeinen Öffentlichkeit. Diese beschränken sich auf Schulklassen und Studierende. Mit diesem Tag wollen wir heute allen anderen einen Zugang bieten.

Sie inszenieren heute einen Strafprozess. Worum gehts?Ab 11.30 Uhr spielt die Statthalterin eine Einvernahme wegen Geschwindigkeitsüberschreitung durch. Der gleiche Fall geht um 12.15 Uhr weiter vor Gericht. Der Beschuldigte wird von einem Bekannten gespielt. Um 14 Uhr inszenieren wir ein Eheschutzverfahren, das in der Realität nicht öffentlich wäre. Zwei Juristen, die bei uns in Ausbildung sind, spielen ein zerstrittenes Ehepaar.

Das klingt jetzt doch wie eine Richterfernsehshow. Wie ­erklären Sie sich die Popularität dieses Formats?Teilweise mit dem Interesse an spektakulären Strafprozessen, die ja etwas Prickelndes an sich haben können. Und vielfach bekommen wir in Krimis den Polizeieinsatz und die ermittelnde Staatsanwaltschaft zu sehen, nicht aber, was vor Gericht dar­aus wird. Die Richtersendungen knüpfen eben daran an.

«Ich bin überzeugt, dass wir nicht selten angelogen und hie und da in die Irre geführt werden.»

Lorenz Schreiber, Gerichtspräsident

Wie realitätsnah oder -fern sind diese Inszenierungen?Ich habe auch schon einige Male reingeschaut, und natürlich sind die Fälle publikumswirksam aufgemacht. Aber vieles ist nahe an der Realität. Weniger bei den Amerikanern: «Einspruch, euer Ehren» und solche Geschichten sind weit von uns entfernt. Aber die Befragungen einer «Richterin Barbara Salesch» waren überraschenderweise recht authentisch.

Hadern Sie mit sich, nachdem Sie ein Urteil gefällt haben?Hadern nicht, aber auch nach dem Urteil kann mich ein Fall ­beschäftigen. Extrem kommt das bei Sexualdelikten vor, in denen Aussage gegen Aussage steht und keine objektiven Beweise vor­liegen. Dann lassen sich Zweifel nie ganz ausräumen. Bei einem Schuldspruch muss ich überzeugt sein, dass mindestens 80 bis 90 Prozent für die Tat sprechen. Steht es aber 50 zu 50, gilt der Grundsatz «Im Zweifel für den Beschuldigten». Trotzdem frage ich mich dann, ob ich einen Schuldigen freigesprochen habe.

Vor Gericht zeigen sich ­geständige Täter fast immer reuig. Können Sie gespielte und ­ehrliche Reue unterscheiden?Nach meinen 15 Jahren als Richter glaube ich: Man meint, man könne das ziemlich gut, doch objektiv bleibt es immer schwierig zu erkennen. Ich bin überzeugt, dass wir nicht selten angelogen und hie und da in die Irre geführt werden. Vor allem Wiederholungstäter wissen, wie sie sich vor Gericht zu ihren Gunsten präsentieren müssen.

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