Sprechstunden

«Rufen Sie mich an!» – Gemeindepräsidenten in der Region suchen die Bürgernähe

In Zeiten des Online-Schalters und des Abbaus beim Service public gewinnt der persönliche Kontakt zwischen Gemeindeoberhäuptern und Bürgern an Bedeutung. Ein Gemeindepräsident stellt gar seine Handynummer ins Gemeindeblatt.

Hettlingerinnen und Hettlinger haben die Möglichkeit sich direkt mit ihrem Präsidenten auszusprechen.

Hettlingerinnen und Hettlinger haben die Möglichkeit sich direkt mit ihrem Präsidenten auszusprechen.

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«Um ein persönliches Anliegen mit dem Gemeindepräsidenten zu besprechen, vereinbaren Sie bitte einen Termin unter Telefon 079...» So steht es jeweils in einem Inserat im 22 mal jährlich erscheinenden Mitteilungsblatt der Gemeinde Weisslingen. An prominenter Stelle – noch vor dem ärztlichen Notfalldienst. Und das schon seit Jahren. Bei der im Inserat angegebenen Telefonnummer handelt es sich um die persönliche Handynummer von Gemeindepräsident Andrea Conzett.

Fassbar bleiben

«Es ist wichtig, nicht nur immer von Bürgernähe zu reden, sondern sie auch wirklich zu leben», erklärt Conzett sein eher ungewöhnliches Vorgehen. «Mein Job als Gemeindepräsident ist es, für die Einwohner fassbar zu bleiben und eine gute Dienstleistung zu bieten.»

«Es ist wichtig, nicht nur immer von Bürgernähe zu reden, sondern sie auch wirklich zu leben.»
Andrea Conzett, Gemeindepräsident Weisslingen

Seine Vorgänger hätten jeweils noch fixe Sprechstunden-Daten publiziert, sagt Conzett. Das habe er nicht mehr gewollt. Durch die Publikation seiner persönlichen Handynummer wollte er die Möglichkeit schaffen «mit den Bürgerinnen und Bürgern individuelle Termine abzumachen». Von dieser Flexibilität würden alle profitieren, meint der Weisslinger Gemeindepräsident.

Unbürokratisch handeln

In der Regel kommt es so jährlich zu sieben bis acht Treffen mit Einwohnerinnen und Einwohnern, die Conzett dann ihre Anliegen unterbreiten. «Die Themen reichen von Tempo 30 in den Quartieren bis hin zu wilden Mülldeponien.» In vielen Fällen könne er wirklich helfen und unbürokratische Lösungen präsentieren, sagt Conzett.

Er sei froh und dankbar, «um diesen wertvollen Input der Bürger», der nicht selten auch im Interesse der Allgemeinheit sei. Die Gemeinde sei auf diese Hinweise und Anregungen schlicht angewiesen, da längst nicht alle Problemstellungen immer offensichtlich seien, sagt Conzett. «Gerade in unserem globalisierten und digitalisierten Zeitalter, sind direkte Kontakte mit den Bürgern ganz besonders sinnvoll und wichtig.» Er geht deshalb davon aus, dass es die Gemeindepräsidenten-Sprechstunde auch in zehn Jahren noch geben wird.

Oft auch Chropfleerete

Überzeugt von der Sprechstunde als Mittel zur Förderung der Bürgernähe sind unter anderem auch die Gemeindepräsidenten Bruno Kräuchi (Hettlingen) und Jürg Allenspach (Dättlikon). Beide haben sie diesen Service kurz nach ihrem Amtsantritt im Jahr 2010 respektive 2014 ins Leben gerufen. Etwa elf Mal im Jahr haben die Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeit während etwa je ein bis zwei Stunden ihre Bitten, Wünsche, Kritik und Meinungen den Gemeindepräsidenten zu sagen.

«Die Sprechstunde ist seit Jahren sehr erfolgreich und
entspricht einem Bedürfnis.»

Bruno Kräuchi, Gemeindepräsident Hettlingen

Allein in Hettlingen machen davon jährlich bis zu 20 Personen Gebrauch. «Die Sprechstunde ist seit Jahren sehr erfolgreich und entspricht einem Bedürfnis», sagt Kräuchi

Nicht immer stehe bei der Sprechstunde die Suche nach einer Lösung im Vordergrund, erklärt Allenspach. Der Dättliker Gemeindepräsident macht die Erfahrung, dass der direkte Kontakt hie und da einfach nur zur «Chropfleerete» genutzt wird. «Manche wollen das loswerden, was ihnen auf den Magen geschlagen hat.»

Konkrete Hilfe

Dennoch können sowohl Allenspach als auch Kräuchi vielen ratsuchenden Menschen auch ganz konkrete Hilfe anbieten. Als dem Hettlinger Gemeindepräsidenten beispielsweise eines Tages eine Mutter erzählte, dass es für ihr Kind in einem Tageshort keinen Platz mehr habe, da habe er beim Arbeitgeber der Mutter vorgesprochen und erwirkt, «dass die Frau so arbeiten konnte, dass ihr Kind doch noch im Hort untergebracht werden konnte».

«Ich hoffe, dass es dieses Angebot für die Bürger auch dann noch gibt, wenn ich nicht mehr im Amt bin.»
Jürg Allenspach, Gemeindepräsident Dättlikon

Beide Gemeindepräsidenten schätzen den persönlichen Kontakt mit der Bevölkerung sehr und hoffen deshalb, dass die Sprechstunde auch in Zukunft auf Interesse stossen wird. «Ich hoffe, dass es dieses Angebot für die Bürger auch dann noch gibt, wenn ich nicht mehr im Amt bin», sagt Allenspach. «Ich werde auf jeden Fall meiner Nachfolgerin oder meinem Nachfolger empfehlen, die Sprechstunde weiter zu führen.»

Erstellt: 08.07.2019, 14:33 Uhr

Städtevergleich

Winterthur hat noch keine Sprechstunde

Auch viele Stadtpräsidenten stehen im Kanton Zürich ihren Bürgerinnen und Bürgern Red und Antwort. Entsprechende Sprechstunden gibt es unter anderem in Adliswil, Wädenswil, Opfikon, Dübendorf, Dietikon und in Illnau-Effretikon. «Effi» bietet seinen Einwohnern gar fast jeden Montag - ausser jetzt im Juli - eine Sprechstunde mit Stadtpräsident Ueli Müller an. Eine Voranmeldung braucht es nicht. «Es kommen fast immer ein bis drei Leute zu mir», sagt Müller. «Oft geht es einfach nur ums Zuhören.» Ein offenes Ohr hat auch der Winterthurer Stadtpräsident Michael Künzle. Auch wenn er einräumt, dass es in Winterthur bis jetzt «keine eigentliche Sprechstunde» gebe. Wenn aber jemand mit dem Stadtpräsidenten oder einer Stadträtin oder Stadtrat sprechen wolle, «dann darf man Kontakt mit uns aufnehmen und erhält einen Termin oder eine Antwort», sagt Künzle. «Die Stadtregierung will nicht einfach im Elfenbeinturm Superblock sitzen und arbeiten.» Man mische sich deshalb immer wieder unter die Bevölkerung, «wo wir direkt ansprechbar sind».

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