Bezirksgericht

Schläge und Todesdrohungen gegen eigene Familie

Kein Lehrabschluss, kein Job, kein eigenes Geld und eine psychisch kranke Mutter: Ein Mittzwanziger aus schwierigen Verhältnissen war letztes Jahr gewalttätig geworden und stand deswegen vor dem Bezirksgericht Andelfingen.

Das Bezirksgericht will, dass ein antriebsloser, junger Mann die Verantwortung für sich selber übernimmt.

Das Bezirksgericht will, dass ein antriebsloser, junger Mann die Verantwortung für sich selber übernimmt. Bild: Heinz Diener

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«Was machen Sie extrem gerne, was lässt Ihr Herz höher schlagen?», fragte der Präsident des Bezirksgerichts Andelfingen den Beschuldigten, ein Mittzwanziger aus Ex-Jugoslawien. Ihm falle nichts ein, antwortete der Mann. «Sie haben an nichts besonders Spass?» – «Nein.» – «Haben Sie ein Lieblingsessen?» – «Nein.» Ob er denn alles gleich gerne esse, Kartoffeln wie Fleisch. «Ja.» Er habe den Eindruck, sagte der Richter, «dass Sie ein wahnsinnig langweiliges Leben haben, nichts begeistert Sie».

Der im Weinland wohnhafte Mann stand am Dienstag vor Gericht wegen einfacher Körperverletzung, Drohung und Tätlichkeiten. Dafür forderte die Staatsanwaltschaft eine bedingte Freiheitsstrafe von 120 Tagen bei einer Probezeit von drei Jahren, eine Busse von 300 Franken, die Übernahme der Verfahrenskosten von gut 2000 Franken und dass er für die Dauer der dreijährigen Probezeit eine Bewährungshilfe erhält. Bei einem Streit mit seinen Grosseltern letzten September ohrfeigte er seinen Grossvater und bedrohte ihn und die Grossmutter mit dem Tode.

Kurz vor der Gerichtsverhandlung hatten die beiden ihre Strafanträge zurückgezogen. Somit wurde dieser Vorfall am Dienstag nicht mehr behandelt, wohl aber die einfache Körperverletzung der psychisch stark angeschlagenen Mutter. Ebenfalls bei einem Streit letzten August stiess der Beschuldigte seine Mutter so stark von sich weg, dass sie stürzte und sich eine Schulter brach. Weil es sich dabei um ein Offizialdelikt handelt, musste das Gericht darüber befinden. «Sie werden dafür bestraft, auch wenn Ihre Mutter das nicht will», erklärte der Richter dem Beschuldigten. Denn dieser hatte Mühe zu verstehen, «wieso ein Fremder für meine Mutter entscheiden kann».

«Gefällt Ihnen das?»

Der Mann bestritt keine der ihm vorgeworfenen Taten, auch jene gegenüber den Grosseltern nicht. Nach einem vorübergehenden Kontaktverbot wohnt das Einzelkind heute wieder bei seiner psychisch kranken Mutter und schläft im gleichen Zimmer wie sie. Zweimal pro Tag komme die Spitex vorbei, erzählte er. Er hat keinen Lehrabschluss, hatte bisher nur befristete Arbeitsstellen, ist seit letztem August arbeitslos und hat etwa 8000 Franken Schulden. Geld erhält er von seinen Eltern.

«Sie müssen aus dem gelangweilten Alltag herauskommen und gefordert werden.»Der Gerichtspräsident 
des Bezirksgerichts Andelfingen

Putzen, waschen oder einkaufen: Fast alles erledigt die Mutter, der Vater wohnt auswärts, kommt aber oft vorbei. «Sie könnten ihr helfen», meinte der Richter. «Ja, eigentlich schon», antwortete der Beschuldigte. Das sei ein «ziemlich lockeres Leben», das er da führe, fuhr der Richter fort. Keine Aufgaben, keine Termine: «Gefällt Ihnen das oder ist das eine Belastung?» – «Ich nehme es, wie es ist», antwortete der junge Mann. «Angemessen» sei es schon nicht, und es belaste ihn schon etwas. Er hätte lieber ein «etwas geregelteres Leben». Und eine Frau hätte er natürlich auch gerne, um eine Familie mit ihr zu gründen. Was er denn den ganzen Tag über mache, wollte der Richter wissen, «lesen Sie, gehen Sie fischen?». Er gehe spazieren, fahre mit dem Zug nach Winterthur oder Zürich und mache mit Kollegen ab. Den Führerausweis hat er seit einem Unfall nicht mehr. «Sie müssten etwas machen, einen Job haben, der Sie fordert», meinte der Gerichtspräsident, «sonst bleibt man immer sitzen, liegen».

«Starke Umstellung»

Der junge Mann schläft bis zu zehn Stunden und mehr. «Da müssten Sie richtig ausgeruht sein und es müsste etwas gehen», meinte der Richter. Wenn er eine Arbeitsstelle hätte und um sechs Uhr am Bahnhof stehen müsste, «wäre das eine starke Umstellung, können Sie das?» – «Wenn es nötig ist, auf jeden Fall», antwortete der Mann. Der Richter äusserte die Vermutung, dass «das Herumhängen den Eltern auf den Wecker geht» und dies der Grund für die häufigen Streitereien mit ihnen sei. Das könne zwar sein, antwortete der Beschuldigte, aber beim Streit gehe es immer um die kranke Mutter. Ihre Krankheit habe ihm die Kraft genommen, etwas zu machen. «Sie ist teils der Grund für meinen Lebensstil, den ganzen Stress.» Aber er habe eben auch Mitleid mit der Mutter, wolle sie nicht alleine lassen.

«Ich nehme es, wie es ist.»Der Beschuldigte 
vor dem Bezirksgericht

Das Andelfinger Bezirksgericht sprach den Mann der einfachen Körperverletzung schuldig. Statt der bedingten Freiheitsstrafe erhielt er 240 Stunden gemeinnützige Arbeit auferlegt. Damit soll er in den Arbeitsalltag zurückfinden. «Sie können die Verantwortung für sich selber übernehmen», sagte der Richter. Er dürfe seine schwierigen familiären Verhältnisse nicht alleine dafür verantwortlich machen. «Sie müssen aus dem gelangweilten Alltag herauskommen und gefordert werden.»

Erstellt: 16.07.2019, 19:14 Uhr

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