Weinland

Sechseinhalb Antworten zu den Pestiziden im Wasser

Ist das Wasser in den Gemeinden, wo Pestizid-Rückstände gefunden wurden, noch trinkbar? Ein Erklärstück um klarzustellen, was nun genau gefunden wurde. Und ob das wirklich gefährlich ist.

Trotz teilweise abgestellten Brunnen bleibt in der Schweiz das Trinkwasser trinkbar.

Trotz teilweise abgestellten Brunnen bleibt in der Schweiz das Trinkwasser trinkbar. Bild: Tamedia

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Der Kanton Zürich hat in mehreren Fällen Pestizid-Rückstände im Grundwasser nachgewiesen. Ein Grossteil der bisher betroffenen Gemeinden liegen in der Region Winterthur und im Weinland. Wie gefährlich diese Rückstände sind und sechs weitere wichtige Fragen zum Thema Pestizide und Trinkwasser.

Was wurde gefunden?

Für die Bekämpfung von Pilzen bei beispielsweise Weinreben oder Korn setzen Bauern Fungizide ein. Ein häufiger Wirkstoff dabei ist Chlorothalonil. In der Natur wird dieser Stoff jedoch schnell zersetzt, daraus entstehen chemische Abbauprodukte.

Darunter Chlorothalonil-Sulfonsäure. Dieser Stoff hat das Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft Awel nun im Mai in einigen Fällen im Grundwasser nachgewiesen: Bei 92 Proben im Kanton Zürich überstiegen 29 die Höchstwerte von 0.1 Mikrogramm pro Liter.

Ein feiner Unterschied dabei: Die Höchstwerte gelten für Trinkwasser. Das Trinkwasser wird im Normalfall jedoch aus mehreren Quellen gemischt. Untersuchungen laufen, ob also auch im Trinkwasser Höchstwerte überschritten wurden.

Die betroffenen Gemeinden haben die fraglichen Wasserfassungen vom Netz genommen.

Welche Gemeinden in der Region sind betroffen?

Die Region Winterthur und das Weinland scheinen nach den Stichproben des Awel überproportional stark betroffen zu sein. 14 der 29 positiv getesteten Fassungen liegen in dem Gebiet. Betroffen sind Grundwasserfassungen in Waltalingen, Wiesendangen, Neftenbach, Elgg, Dinhard, Trüllikon, Russikon, Laufen Uhwiesen, Andelfingen, Seuzach, Flaach, Dägerlen und Illnau-Effretikon.

Ist das gefährlich?

Das Fungizid Chlorothalonil ist aufgrund einer Studie von 2017 von der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit als krebserregend eingestuft worden. Über die Wirkung des Abbauprodukts Chlorothalonil-Sulfonsäure hingegen weiss man derzeit zuwenig, um sagen zu können, ob es gesundheitsschädigend ist oder nicht.

Im Lebensmittelbereich, wozu Trinkwasser gehört, gilt das sogenannte Vorsorgeprinzip: Wenn man nicht weiss, ob ein Stoff unbedenklich ist, darf er nicht konsumiert werden. So wurde für das Abbauprodukt im Juni 2019 als Reaktion auf die Studie auch in der Schweiz ein Höchstwert eingeführt.

Wie kommt Chlorothalonil ins Wasser?

Das Pestizid wird zum Pflanzenschutz eingesetzt und ist dazu in der Schweiz seit 1970 zugelassen. Bauern setzen es ein im Kampf gegen Pilzerkrankungen. Von dort gelangen Abbauprodukte des Pestizids ins Grundwasser.

Warum wird nach dreissig Jahren der Stoff getestet?

Neue Studien führen zu neuen Erkenntnissen. Auslöser war wohl die Studie der europäischen Lebensmittelbehörde von 2017. Diese zog die Neubeurteilung in der Schweiz nach sich. Das kantonale Labor Zürich ist für die Tests zuständig, ob die Höchstgrenzen verschiedener Stoffe in Lebensmitteln eingehalten werden.

Das Labor konnte also erst aktiv werden, als klar war, dass im Juni 2019 neue Höchstgrenzen für das Abbauprodukt des Pestizids eingeführt werden. Dazu seien die Referenzsubstanzen, die nötig sind um den Chlorothalonilsulfonsäure-Gehalt im Wasser zu testen, erst seit zwei Jahren überhaupt erhältlich, wie das Labor auf Anfrage schreibt. Auch benötige die Entwicklung eines geeigneten Messverfahrens und die Qualitätssicherung dazu einige Monate.

Warum ist ein potenziell giftiger Stoff legal?

Der Wirkstoff ist von der europäischen Lebensmittelbehörde im April dieses Jahres auf Mai 2020 hin verboten worden. Das Schweizer Bundesamt für Landwirtschaft BLW folgte in seiner Einschätzung der europäischen Behörde und ordnete im Dezember 2018 eine Überprüfung durch die Kantone an.

Das BLW hat zusätzlich beantragt, dass die Zulassung für den Wirkstoff Chlorothalonil nicht mehr erneuert wird. Das heisst, wenn keine Einsprachen erhoben werden, wird Chlorothalonil ab Herbst 2019 in der Schweiz verboten sein.

Und was ist mit der Ernte der Bauern?

Chlorothalonil ist ein sehr verbreitetes Fungizid, in der Schweiz wurden 2017 rund 45 Tonnen davon eingesetzt. Besonders, wenn es im Frühling viele Niederschläge gibt, drohen Pilzkrankheiten bei Reben, Getreide und Gemüse.

Fällt Chlorothalonil als breit wirksames Pflanzenschutzmittel weg, ist aber auch im nächsten Jahr kein grosser Ernteausfall zu erwarten:Es werden bereits Alternativen geprüft, sagt Ferdi Hodel, Geschäftsführer des Zürcher Bauernverbands.

Das Dilemma derweil bleibt: «Der Kunde verlangt ein möglichst perfektes Produkt. Und um dieses Produkt auch unter möglicherweise schwierigen klimatischen Bedingungen zu produzieren, wie beispielsweise viele Niederschläge im Frühling, dazu ist der Einsatz von Pflanzenschutzmittel teilweise nötig», sagt er.

Doch Lösungen sind auch abseits der weiterhin verfügbaren übrigen Fungizide in Sicht. Es werde auch an neuen Sorten geforscht, die gegen die verbreitesten Krankheiten resistent sind. «Gerade im Weinbau gibt es da interessante Resultate», sagt Hodel.

Erstellt: 04.09.2019, 19:43 Uhr

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