Dägerlen

Selber sagen, was geht

Menschen mit Behinderung bestimmen im Heim der Stiftung Birkenhof selber, welche Ausflüge sie unternehmen. Das ist Lebensqualität, sagen die Heimleiter.

Die Bewohner des Birkenhofs entscheiden selber, wie sie ihr Ausflugsbudget einsetzen.

Die Bewohner des Birkenhofs entscheiden selber, wie sie ihr Ausflugsbudget einsetzen. Bild: Madeleine Schoder

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Im Birkenhof ist Planungssitzung. Ein Bewohner hat sich vor einen Bildschirm mit Tabellen und Zahlen gestellt. Er erklärt: Das jährliche Budget sei, wie man das bereits beschlossen habe, in monatliche Tranchen aufgeteilt. Nun sammeln sie gemeinsam Vorschläge. Der eigentliche Betreuer wird zum Sekretär und füllt die Wunsch-Tabelle aus: «Insel Meinau», «Ballenberg», «zum Konzert von Beatrice Egli.» «Beatrice Egli ist zu teuer», ruft einer. «Dann besser nochmals die Calimeros!», alle lachen, als sie sich an das gelungen Konzert der Schlagerband erinnern.

Die Bewohner der Stiftung Birkenhof Berg in Dägerlen können seit letztem Dezember selber bestimmen, wohin ihre Freizeitausflüge gehen. Über ein Prozent des Budgets, knapp 20000 Franken, entscheiden sie in letzter Konsequenz selber. Das ist neu in Schweizer Heimen für Menschen mit Behinderung.

Ein kitschiges Konzert

Damit auch diejenigen mitreden können, für die abstrakte Geldbeträge wenig bedeuten, übersetzen sie mit Symbolen. Ein Rubin steht für tausend, ein Goldstück für hundert Franken. Am Ende werden sie sich auf verschiedene Ausflugsziele geeinigt haben. Und auch wenn das denn Betreuern vielleicht nicht passt, wird das Beschlossene auch durchgeführt. Wie eben beispielsweise das Konzert der Calimeros. Eine eher kitschige Schlagerband, für den Geschmack des stellvertretenden Gesamtleiter Marius Ritzhaupt.

«Und Lebensqualität für die Bewohner, das ist unser oberstes Ziel»Markus Ritzhaupt, stv. Geamtleiter Birkenhof Berg

Mit einem Bus sind die Bewohner in den Aargau gefahren und erst spät um zwei Uhr in der Früh wieder heimgekommen. Noch Wochen danach erzählten sie noch von dem «super» Konzert. Andere Betreuer hätten vielleicht den Konzertbesuch der Calimeros ein bisschen herausgezögert, hätten gewartet, bis die Band in der Nähe ist, und im geheimen darauf gehofft, dass es nie soweit kommen würde. Nicht so im Birkenhof. Die Bewohner bestimmen und so wird es gemacht. Selbstbestimmung ist Lebensqualität. «Und Lebensqualität für die Bewohner, das ist unser oberstes Ziel», sagt Marius Ritzhaupt.

Am Anfang stand die Küche

Ein selbstbestimmtes Leben führen, das fordert auch die Behindertenrechts-Konvention der Uno. Am 15. April vor fünf Jahren hat die Schweiz diese Erklärung ratifiziert. Seither sollen Menschen mit Behinderung möglichst die gleichen Rechte geniessen, wie alle anderen. Bei einigen Punkten geht es um verhältnismässig klare Dinge: Zugang zu Gebäuden, auch wenn man auf einen Rollstuhl angewiesen ist, Übersetzungen in Blindenschrift, Gebärdensprache oder «einfache Sprache» die leichter verständlich ist. Andere Dinge befinden sich in einem Graubereich, den man erst ausloten muss. Dazu gehört die Selbstbestimmung. Einen Schritt in diesen Graubereich hat nun die Stiftung Birkenhof Berg unternommen.

«In unserem Konzept haben wir die Haltung, dass Teilhabe auch Verantwortung heisst»Aljoscha Nyima, Gesamtleiter Birkenhof Berg

Und angefangen hat alles mit einer neuen Küche. «Wir hatten natürlich ein gewisses Budget zur Verfügung, welche Fliesen und welche Abdeckungen überhaupt möglich wären in der neuen Küche», sagt Aljoscha Nyima, der Gesamtleiter des Birkenhofs. Was also soll schief gehen? Die Aufgabe, eine passende Einrichtung herauszusuchen, lag nun also bei den Bewohnern. Sie waren unglaublich stolz auf das Ergebnis.

Teilhabe ist Verantwortung

Aber warum übertragen nicht alle Heime solche kleinen Aufgaben an ihre Bewohner? Oft sei das Zögern dabei gut gemeint, sagt Nyima. Was beispielsweise, wenn sie sich entschieden hätten, das ganze Jahresbudget in einem Monat zu verpulvern? Dann wäre die Lebensqualität im restlichen Jahr wohl bedeutend gesunken, so ganz ohne gemeinsame Ausflüge. «In unserem Konzept haben wir die Haltung, dass Teilhabe auch Verantwortung heisst», sagt Nyima. Konsequenterweise müssten dann die Bewohner tatsächlich das restliche Jahr über mit Freizeitaktivitäten begnügen müssten, die nichts kosten.

Ohne zu überfordern

Natürlich könne man nicht jede Entscheidung mit allen Konsequenzen den Bewohnern übertragen, sagt Nyima. «Könnte man das, wären Sie nicht bei uns», sagt er. Trotzdem: «Wir versuchen ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu bieten, ohne zu überfordern.»

Erstellt: 15.04.2019, 12:12 Uhr

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