Andelfingen

Sieben Jeepstunden bis in die nächste Stadt

Der Andelfinger David Graf ist Pilot für das Hilfswerk MAF. Zuletzt hat er im australischen Busch gearbeitet. Zu seiner regelmässigen Fracht gehörten Ärzte, Sozialarbeiter – und Leichen.

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«Die Beerdigung ist die allerwichtigste Feier in der Kultur der Aborigines-Stämme», weiss David Graf. Wichtiger als Geburtstage. Wichtiger als die Hochzeit. «Die Menschen treffen von überall her ein, der ganze Clan kommt zusammen.» Bestattet wird die Leiche im Geburtsort der Person. Zuvor muss sie allerdings in die Hauptstadt transportiert werden, so dass alle behördlichen Formalitäten erledigt werden können. Danach wieder zurück. Und hier kommt David Graf aus Andelfingen ins Spiel.

Graf hat in Winterthur Aviatik studiert und wollte nachher eine Pilotenausbildung machen. Aber nicht einfach als Linienpilot einer grossen, kommerziellen Fluggesellschaft. «Mir ist es wichtig, dass ich mit meiner Arbeit etwas Gutes bewirken kann», sagt der 31-Jährige. Er stiess auf das christliche humanitäre Hilfswerk Mission Aviation Fellowship, kurz MAF, das mit Kleinflugzeugen Flüge in schwer zugänglichen Gebieten durchführt. Waren- und Personentransporte in Südsudan etwa, oder in Nepal.

Häufig ist die MAF ein Dienstleister für andere Hilfswerke, für Ärzte ohne Grenzen etwa. «Ich habe mir natürlich viel überlegt, ob die Arbeit von Hilfswerken, und insbesondere der MAF, nützt», sagt Graf. «Es gibt ja zum Teil kritische Stimmen gegen Hilfsprojekte. Ich glaube aber, dass ich als MAF-Pilot vor Ort dringend benötigte Dienste liefern kann. Und ich weiss, dass sich die MAF aus einem Projektgebiet zurückzieht, wenn sich die Situation im Land verbessert und die Arbeit lokalen Anbietern übergeben werden kann.»

Starten auf Gras und Kies

Ausgebildet werden die Piloten des Hilfswerks unter anderem in Australien. Dort hat Graf gelernt, kleine achtplätzige Maschinen zu fliegen, unter schwierigen geographischen und klimatischen Bedingungen. «Befestigte Pisten gab es kaum. Ich lernte im Gras und auf Kies zu starten und zu landen», erzählt Graf. Die Regenzeit von Dezember bis März hat die Lernbedingungen zusätzlich verschärft. «Wir mussten jeweils gut kalkulieren, wo wir zwischen den Gewittern durchfliegen können. Und ob wir überhaupt landen können, wenn die Gras-Pisten komplett aufgeweicht waren.»

Nach der Ausbildung folgten eineinhalb Lehrjahre im Projekt in Arnhemland im NördlichenTerritorium, einem spärlich besiedelten Aborigines-Gebiet im Norden Australiens. Etwa 80 Häuser hat der Ort umfasst, wo David Graf mit seiner Frau Sibylle gelebt hat, die nächste Stadt war zwischen vier und sieben Jeep­stunden und 13 Flussüberquerungen entfernt. Während der Regenzeit war das Dorf auf dem Landweg zum Teil nicht mehr erreichbar. «Ein Schiff hat jeweils den kleinen Dorfladen beliefert.» Die Abgeschiedenheit der Dörfer zeigt, weshalb die Arbeit des Hilfswerks nötig ist. «Für eine kommerzielle Airline lohnt es sich nicht, Flugzeuge in den kleinen Dörfern zu stationieren.» Die Menschen aber seien froh um die Arbeit der MAF. «Ärzte können so schnell eingeflogen werden. Oder kranke Patienten in ein Spital gebracht werden», erklärt Graf. Und es können eben auch die Verstorbenentransporte durchgeführt werden.

Belastete Vergangenheit

Während David Graf geflogen ist, hat sich Sibylle im Dorf engagiert, zum Beispiel in einem Projekt mit arbeitslosen Aborigines-Frauen. Den engen Kontakt mit den Einheimischen haben beide geschätzt, und dabei auch viel gelernt. Durch die brutale Vergangenheit der Kolonialisierung Australiens hätten die Aborigines nicht nur ein schwieriges Verhältnis zu ihren europäisch-stämmigen Nachbarn, sondern auch einen Lebensstil aufgedrängt bekommen, der sich von ihrem frappant unterscheidet. In Arnhemland versuchen die Menschen nun die Balance zwischen ihren Traditionen und dem westlichen Lebensstil zu finden. «Trotz der belasteten Vergangenheit wurden wir aber sehr herzlich aufgenommen.» Gleichzeitig haben die Grafs die Kultur und Religion der Eingeborenen respektiert, auch wenn MAF ein explizit christliches Hilfswerk ist. Sie hätten ihren Glauben natürlich gelebt, betonen die beiden. Dabei geht es ihnen darum, Menschen nach christlichem Fürsorgegedanke eine humanitäre Dienstleistung zu bieten.

Ende 2018 haben die Grafs von Australien Abschied genommen. Gleich zwei neue Abenteuer warten auf die beiden. Am 28. Dezember wurde das erste Kind der beiden geboren. Und nach einer Babypause in der Schweiz werden sie im Frühling für einen nächsten Einsatz zuerst nach Kenia und dann voraussichtlich in den Südsudan fliegen. (Landbote)

Erstellt: 10.01.2019, 16:56 Uhr

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