Atommüll

Subtiler Wortstreit um das Endlager

Wer für oder gegen ein Endlager ist, den erkennt man meist an seiner Sprache. So sprechen Gegner eher von«hochradioaktiven», Befürworter von «hochaktiven» Abfällen.

Wenn das Endlager für Atommüll im Weinland gebaut würde, läge das «Tor zum Endlager» vermutlich hier – gleich vor der Haustür des Bauernhofs bei Marthalen (auf Bild rechts unten). Im Hintergrund links ist ein Stück des Rheins zu sehen, dahinter liegt Deutschland.

Wenn das Endlager für Atommüll im Weinland gebaut würde, läge das «Tor zum Endlager» vermutlich hier – gleich vor der Haustür des Bauernhofs bei Marthalen (auf Bild rechts unten). Im Hintergrund links ist ein Stück des Rheins zu sehen, dahinter liegt Deutschland. Bild: Heinz Kramer

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Warum sprechen die einen von Kernkraft, die anderen aber von Atomkraft? Mit dieser Frage haben sich Sprachwissenschafter beschäftigt. Ihr Befund: Hinter dem unterschiedlichen Sprachgebrauch verbergen sich zwei unterschiedliche Haltungen zu ein und derselben Energieform.So empfinden Atomkraftgegner die Bezeichnung «Kernkraft» als beschönigend für eine in ihren Augen gefährliche Technologie.

Die auch als euphemistisch kritisierte Ausdrucksweise wird begründet mit den positiven gedanklichen Verknüpfungen, die durch den Wortteil «Kern» entstehen – wie etwa durch «kerngesund» oder «Kernobst». Solch positive Assoziationen würden, so die Kritik, die negativen Seiten verhüllen, kaschieren. «Im Diskurs über Kernenergie werden Begriffe besonders subtil eingesetzt, um Meinungen zu beeinflussen», schreibt etwa Marianne Falck in ihrem Buch «Sprachliche Strategien der PR».

Übertragung von Gefühlen

Genau umgekehrt argumentieren die Kernkraftbefürworter. Sie werfen den Gegnern vor, sie würden negative Gedanken, ja sogar Ängste schüren, die mit dem Wortteil «Atom» verknüpft sind – wie etwa durch die Atombombe. Solche Wörter, die negative Gefühle wecken sollen, werden als Dysphemismus bezeichnet.

«Es ist nichts dahinter.»Marianne Zünd, 
Mediensprecherin Bundesamt für Energie (BFE)

Historisch betrachtet kam es zur Nutzung des Begriffs Kernkraft, um die zivile, friedliche Nutzung dieser Energie von der militärischen, zerstörerischen begrifflich abzugrenzen. Doch wer eben vor den Gefahren auch der zivilen Nutzung warnen will, der behält die zerstörerische Wortkraft der Atombombe bei. Das Negative soll sich also gleichsam auf die Atomenergie übertragen und eine ablehnende Haltung gegen sie hervorrufen.

Wer will nicht hochaktiv sein?

Kernkraftbefürworter weisen den Beschönigungsvorwurf selbstredend zurück. Sie argumentieren vielmehr damit, dass der Ausdruck Kernkraft wertneutral und physikalisch präziser sei als Atomkraft. Denn bei der Kernreaktion gehe es nur um den Kern des Atoms und nicht um das ganze Atom.

Beim Thema Atom- oder eben Kernkraft gibt es einen weiteren unterschiedlichen Sprachgebrauch, der auffällt. So wird der Atommüll, der vielleicht einst unter dem Zürcher Weinland endgelagert wird, mal als hochradioaktiv oder hoch radioaktiv, mal als hochaktiv bezeichnet. Die latent vorhandene Angst vor Radioaktivität ist bei der Bezeichnung «hochaktiv» zumindest sprachlich draussen – mehr noch: Hochaktiv etwa im Sinne von sehr sportlich ist jeder gerne, nicht aber radioaktiv.

Beschönigen? Angst schüren?

Steckt also hinter dem Wortgebrauch «hochaktiv» die Absicht, die Gefährlichkeit der Radioaktivität zu verharmlosen? Oder umgekehrt: Wird mit dem Wort «hochradioaktiv» die Angst davor vielmehr geschürt?

Um diese doppelte Frage zu beantworten, muss zuerst geklärt werden, ob «hochaktiv» und «hochradioaktiv» auch wirklich das Gleiche bedeuten. «Es gibt keinen fachlich-sachlichen Unterschied zwischen diesen Begriffen», sagt Thomas Thöni, Sprecher des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi) auf Anfrage. Die Praktiker würden eher die Formulierung «aktiv» verwenden. In der massgebenden Kernenergieverordnung ist die Rede von «hochaktiven» respektive schwach- und mittelaktiven Abfällen.

Gegner: «hochradioaktiv»

In einem zweiten Schritt schaute sich der «Landbote» den Sprachgebrauch von Organisationen an, die oft mit dem Thema Endlager und Atommüll zu tun haben. Zusammenfassend lässt sich Folgendes sagen: Atomkritische Organisationen wie die Schweizerische Energie-Stiftung (SES), Kein Leben mit atomaren Risiken (Klar), Greenpeace und die Grüne Partei verwenden weitestgehend das Wort «hochradioaktiv». Auch nutzen sie fast ausschliesslich die Bezeichnung «Atomkraft».

Befürworter: «hochaktiv»

Und Organisationen, die mit der Nutzung der Kernenergie zu tun haben oder sie befürworten, verwenden hingegen tatsächlich meist das Wort «hochaktiv». Dazu gehören etwa das Ensi, die Nagra, das Forum Vera oder die Aktion für eine vernünftige Energiepolitik Schweiz (Aves), die den Weiterbetrieb der Kernkraftwerke befürwortet. Passend dazu verwenden diese Organisationen auch nahezu ausschliesslich den Begriff «Kernkraft» statt «Atomkraft».

Die Nagra verwendete bereits in einem Bericht von 1979 ausschliesslich die Formulierung «hochaktiv». «Es gab keine Änderung bei der Benennung der Abfälle», sagt Nagra-Sprecherin Jutta Lang auf Anfrage. Tatsächlich zieht sich dieser Wortgebrauch bis heute durch – mit einigen wenigen Ausnahmen. So findet sich in einigen Berichten vereinzelt die Formulierung «hochradioaktiv».

«Einfach, weil es kürzer ist»

Auch das Bundesamt für Energie (BFE), welches bei der Endlagersuche die Federführung innehat, verwendet meist das Wort «hochaktiv». Ab und zu findet sich aber auch «hochradioaktiv» in den Dokumenten. BFE-Sprecherin Marianne Zünd sagt dazu, dass es kein festgelegtes Wording gebe. Sie selber verwende jeweils «hochradioaktiv» und die Fachsektion im BFE meist «hochaktiv». «Einfach, weil es kürzer ist. Es ist also nichts dahinter.»

(Der Landbote)

Erstellt: 20.10.2017, 11:22 Uhr

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