Wetter

«Bäume knickten um, als wären sie Streichhölzer»

Der Norden des Kantons Zürich ist in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch von einem heftigen Unwetter, einer «Superzelle», heimgesucht worden. In Winterthur und Umgebung hat Hagelschlag Millionenschäden angerichtet.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ernst Pletscher lag im Bett, als das Unwetter mit voller Wucht über seinen Hof hereinbrach. Der Wind wirbelte Dachziegel durch die Luft, drückte Fenster ein, und vor seinem Haus in Guntalingen brachen Bäume gleich mitsamt ihren Wurzeln aus dem Boden. Oder sie knickten einfach um, als wären sie Streichhölzer. «Es hat gehagelt und gepfiffen», sagt Pletscher. «Überall war Wasser. Es war wie in einem Hurrikan.»

Es müssen gewaltige Böen ­gewesen sein, die in der Nacht auf Mittwoch über das Stammertal hinweggefegt sind. Vereinzelt hat es nicht nur Ziegel von Häusern geblasen, sondern gleich das ganze Dach. Ein trauriger Anblick sind komplett zerfetzte Felder oder Weinreben.

Auf dem Hof von Ernst Pletscher liegen zudem zwei tote Kühe zum Abholen bereit. Sie hatten am Waldrand Schutz gesucht und wurden von umstürzenden Bäumen getroffen. Er habe geweint, als er die Schäden gesehen habe, sagt der 57-jährige Landwirt am Tag danach. Um das Ausmass zu demonstrieren, zeigt er mit einem Finger den Hang hinauf und sagt: «Das dort war mal ein Wald.» Jetzt ist nur noch ein Durcheinander von abgebrochenen Ästen und Blättern zu sehen.

Winzer trifft es wieder hart

Erstaunlich ist, dass andere Höfe in der Umgebung je nach Himmelsrichtung deutlich weniger betroffen sind. Der Sturm hat eine relativ schmale Schneise der Verwüstung durch das Weinland gezogen. Die Schäden sind dennoch gravierend. Die Gebäudeversicherung Kanton Zürich geht im Gebiet Marthalen, Ossingen und Stammertal von einer Schadensumme von bis zu zehn Millionen Franken aus.

Mit besonderer Gewalt hat es Höfe auf der weiten Ebene des Stammertals erwischt. Heftige Windböen haben eine Tabakscheune in Einzelteile zerlegt. Äusserst bitter ist die Situation von Kari Keller aus Waltalingen. Einem Teil seiner Weinreben fehlen sämtliche Blätter, nur noch nackte Äste recken sich in den Himmel. Den Frost im Frühling hat der Familienbetrieb mit grossem Aufwand noch überstanden, wie der Winzer sagt. «Nun haben wir wohl doch einen Totalschaden.» Keller versucht trotzdem zu retten, was zu retten ist. Glücklicherweise hätten sie noch genügend Wein gelagert, um die Kundschaft weiter zu bedienen.

Feuerwehr musste warten

Die örtlichen Feuerwehren waren im Dauereinsatz. Heiner Wipf, Kommandant der Feuerwehr Weinland, wurde kurz nach ein Uhr nachts alarmiert. Er konnte zuerst allerdings nicht ausrücken. Es hagelte so stark, dass er erst nach kurzem Abwarten aus dem Haus konnte. «Die Strasse war eine Wasserbahn», sagt der 56-Jährige. Er sei seit 36 Jahren bei der Feuerwehr, solchen Hagel habe er aber noch nie erlebt. Selbst beim Feuerwehr­depot hätten schräg fliegende Körner Scheiben zerschlagen.

Bis Mittwochabend seien sie mit Aufräumarbeiten beschäftigt ge­wesen. Bäume mussten weg­geräumt, Keller ausgepumpt werden. Von unzähligen Schadenmeldungen spricht Andreas Frei. Er ist Kommandant der Feuerwehr Stammertal. «Der Sturm war für uns ein Extremereignis», sagt er. Unzählige Häuser seien beschädigt worden. Glücklicherweise habe es ab­ge­sehen von kleineren Vorfällen ­jedoch keine Verletzten gegeben.

Autos beschädigt

Die Hagelkörner waren so gross, dass Autos beschädigt wurden. Bei der Carrosserie Gehrig in Kleinandelfingen klingelte das Telefon fast ununterbrochen. «Wir haben etwa 250 Anmeldungen von Autos erhalten, die durch die Hagelstürme leichte bis ex­treme Schäden aufweisen», sagt Kundendienstberater Elmedin Murati. «Bei extremen Schäden müssen wir ganze Motorhauben ersetzen. Bei einzelnen Autos sind gar die Windschutzscheiben zertrümmert.» Manche Landwirte konnten ihre Schäden noch nicht beziffern. Die Behörden im Stammertal planen für Donnerstag eine Medienkonferenz.

Schäden auch im Rafzerfeld

«Ein so heftiges Gewitter habe ich noch nie erlebt», be­stätigte auch Reto Pauli, Leiter des Gartencenters Hauenstein in Rafz. Im Gartencenter haben Sturm und Hagel eine Vielzahl von Pflanzen verwüstet. Sträucher und Bäume wurden regelrecht entlaubt. Nicht nur das Gartencenter der Hauensteins, auch die Baumschule wurde in Mitleidenschaft gezogen. Einige Alleebäume sind nicht mehr zu retten.

Den Schaden kann man zum jetzigen Zeitpunkt weder im Gartencenter noch in der Baumschule genau beziffern. «Erst müssen wir aufräumen und alles ana­lysieren», sagt Pauli. Frühestens in zwei Wochen könne Bilanz ­gezogen werden.

Verlust von 250 Tonnen Kürbis

In Rafz hat die Superzelle neben dem Gartencenter Hauenstein auch den Kürbisfeldern der ­Jucker-Farm übel mitgespielt. Wie es in einer Mitteilung heisst, muss auf einem Viertel der gesamten Kürbisanbaufläche – rund zehn Hektaren – mit einem Totalschaden gerechnet werden. Walter Pfister, Produktionsleiter des Spargelhofs, rechnet mit einem Verlust von etwa 250 ­Tonnen Kürbis. Auf weiteren rund fünf Hektaren rechnet er mit reduziertem Ertrag, da die Früchte zwar intakt, die Pflanzen jedoch beschädigt sind.

Betroffen sind die Sorten Butternuss (vier Hektaren), Zierkürbis (eine Hektare), Halloweenkürbis (zwei Hektaren) und Kürbisse für die Kürbisausstellung (drei Hekt­aren). Das grösste Problem sei der Verlust der Ausstellungskürbisse, weil bereits am 1. September die Kürbisausstellung startet. Die Ernte hätte am 7. August beginnen sollen. «Die Ausstellung wird trotzdem wie geplant stattfinden, es ist nur noch etwas mehr Kreativität von allen Mitarbeitern gefragt», heisst es weiter.

Die Superzelle hat vor allem den Norden des Rafzerfeldes heim­gesucht, der Süden blieb weit­gehend verschont. Zumindest ging bei der Feuerwehr Eglisau-Hüntwangen-Wasterkingen kein Alarm ein. Hingegen hatten die Feuerwehrleute der Feuerwehr Rafz-Wil wegen der Superzelle eine kurze Nacht. «Der Alarm ging um 2.27 Uhr ein», sagte Kommandant Alex Schweizer. Der Grund des Einsatzes: In Wil musste der vollgelaufene Keller eines Gebäudes ausgepumpt werden. Ebenfalls ein Einsatz stand bei der Feuerwehr Buchberg-Rüdlingen an. Wie Kommandant Andreas Gehring sagte, musste auf der Strasse zwischen Rafz und Rüdlingen ein Baum aus dem Weg geschafft werden.

170 km/h in Marthalen

Verantwortlich für die Schäden war eine besonders starke Gewitterzelle, eine sogenannte Superzelle (siehe Infobox). Das Unwetter zog demnach zwischen 2 und 3 Uhr nachts über den Norden des Kantons Zürich. Es brachte Hagel, Starkregen und vor allem extreme Windböen.

Der Pfad des Gewitters lässt sich anhand von Radardaten und Messwerten von Wetterstationen gut rekonstruieren. So wütete die Superzelle zuerst im deutschen Rickenbach bei Waldshut. Dort stürzte um etwa 2 Uhr wegen der Orkanböen ein Baum auf ein Zelt, in dem mehrere Jugendliche die Nacht verbringen wollten. Ein 15-Jähriger kam dabei ums Leben, drei weitere Jugendliche wurden teils schwer verletzt.

Die unweit vom Unfallort entfernte Wetterstation des AKWs Leibstadt mass zum Zeitpunkt des Vorfalls eine Orkanböe von 134 km/h.

In der Folge zog das Gewitter dem Rhein entlang und überquerte dann das Rafzerfeld. Im Bezirk Andelfingen erreichte die Superzelle dann vermutlich ihre maximale Stärke. Wie der Wetterdienst Meteonews mitteilt, wurde in Marthalen um 2:30 Uhr eine Orkanböe von 170 km/h gemessen.

In der Folge zog das Unwetter über das Grenzgebiet Zürich/Thurgau zum Bodensee weiter. Auch im Thurgau richtete die Zelle noch Schäden an.

Die Wetterdienste hatten bereits am Montag davor gewarnt, dass am Abend des Nationalfeiertages eine Unwetterlage droht. Allerdings war es – wie so oft bei Gewittern – nicht möglich genauere Angaben über Zeitpunkt und Ort der Unwetter abzugeben.

Am Dienstagabend hat es in Winterthur gehagelt – vor allem an Autos entstand erheblicher Schaden.Quelle: AXA/Youtube (landbote.ch)

Erstellt: 02.08.2017, 21:25 Uhr

Verhageltes Winterthur

Schadenbilanz

Zwar ist Winterthur vom extremen Unwetter, das in der Nacht auf Mittwoch im Weinland wü­tete, verschont geblieben. Allerdings wurde die Stadt und einige umliegenden Dörfer nur einige Stunden zuvor ebenfalls von einem Hagelsturm heimgesucht. Und auch dieser hatte es in sich.

Laut Meteo Schweiz gingen am frühen Abend des Bundesfeiertages allein in der Stadt Winterthur innert kurzer Zeit rekordverdächtige 37 Liter Wasser pro Quadratmeter nieder. Vieles davon in Form von Hagelkörnern, die vereinzelt gar die Grösse von Golf­bällen aufwiesen. Die städtische Feuerwehr stand deshalb am Dienstagabend von 18 Uhr bis um Mitternacht im Dauereinsatz. «In 21 von insgesamt 23 Fällen rückten wir wegen der Folgen des Starkregens und Hagels aus», sagt Raffaela Landert, Kommunikationsverantwortliche bei Schutz und Intervention Winterthur.

Wegen der Wassermassen liefen zahlreiche Keller voll und mussten ausgepumpt werden. Zudem wurden auf dem Stadtgebiet vereinzelt umgestürzte Bäume und abgebrochene Äste von den Strassen und Wegen entfernt. Die Strasse nach Brütten musste zeitweise gesperrt werden, da dort Bäume umzustürzen drohten. Verletzt worden ist niemand, es entstand aber teils beträchtlicher Sachschaden.

Hunderte Schadenmeldungen

Der Versicherungskonzern Axa Winterthur hat bis Mittwochnachmittag 500 Schadenmeldungen an Motorfahrzeugen registriert. «Allein 300 Meldungen erhielten wir aus der Stadt Winterthur», sagt Axa-Sprecherin Mirjam Eberhard. Insgesamt geht der Konzern von 1500 Schadenmeldungen aus mit einer geschätzten Schadensumme von rund 4,5 Millionen Franken. Allianz Suisse rechnet mit rund 1000 versicherten Schadenfällen und einem Schadenvolumen von rund 3 Millionen Franken.

Hagel-Drive-in in Seuzach

Für die betroffenen Fahrzeughalter eröffnen sowohl die Axa als auch die Allianz in Seuzach demnächst ein Hagel-Drive-in, in denen die Versicherungskunden ihr Auto Fachleuten vorführen können. Die Versicherer hoffen so auf schlanke Prozesse und eine schnelle Abwicklung der Schäden.

Ein erstes Fazit zum Hagelsturm in Winterthur zog auch die kantonale Gebäudever­sicherung. Bisher registrierte man 100 Schadenmeldungen. «Da viele Leute derzeit in den Ferien ­weilen und den Schaden bisher nicht bemerkten, rechnen wir letztlich mit bis zu 500 Schadenmeldungen», sagt Claudio Hauser, Bereichsleiter Naturgefahren. «Wir gehen derzeit von einer Gesamtschadensumme von bis zu 3 Millionen Franken aus.»

Beschädigt worden sind aufgrund des Hagels vor allem Lamellen­storen, Hausfassaden und Dächer.

Thomas Münzel

Superzelle

Gefährliches Wetterphänomen

Gemäss dem Wetterdienst Meteonews handelte es sich bei dem Gewitter, das in der Nacht über den Norden des Kantons Zürich zog, um eine Superzelle.

Meteoschweiz hat sich unlängst in einem Wetterblog ausführlich mit dieser speziellen Gewitterform auseinandergesetzt.

Superzellen sind in etwa das heftigste, womit hierzulande bezüglich Wettererscheinungen zu rechnen ist. Es handelt sich dabei um extrem intensive Gewitterzellen, die einige Merkmale aufweisen, welche «normalen» Gewittern fehlen.

Der Aufwindbereich (wo das Gewitter die warme Luft «aufsaugt») und der Abwindbereich (wo die kalte Luft wieder zu Boden «stürzt»), sind besonders ausgeprägt und räumlich klar voneinander getrennt. Es ist mit Sturm- oder Orkanböen zu rechnen.

In Superzellen ändert der Wind mit zunehmender Höhe auch die Richtung. Diese sogenannte «Windscherung» führt dazu, dass die Zellen rotieren. In extremen Fällen bilden Superzellen Tornados aus, also verheerende Wirbelstürme, die schwerste Schäden am Boden anrichten können.

Langlebige Unwetter

Wegen ihrer markanten vertikalen Ausdehnung (bis über 15 Kilometer Höhe) haben Superzellen zudem oftmals grossen Hagel, mindestens aber intensiven Regen im Gepäck.

Superzellen weisen noch ein weiteres Merkmal auf: Sie sind ausgesprochen langlebig und können über grosse Distanzen ziehen. Gemäss Meteoschweiz können sie drei bis 12 Stunden, im Extremfall sogar bis 24 Stunden hinweg auf den Radarschirmen verfolgt werden. (mst)

Artikel zum Thema

Unwetter nach bisher heissestem 1. August

Gewitter Kurz vor 18 Uhr zog eine erste Gewitterfront mit heftigen Windböen, Hagel, Blitz und Donner über die Region. Tagsüber war es in der Schweiz so heiss wie noch nie an einem 1. August. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Zoologie Tierisch nützliche Daten

Salzkammergut Weltbekannt dank «weissem Gold»

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!