Rheinau

Vom Schmetterlingsjäger, der die Psychiatrie leitete

Das Zeitalter des gutbürgerlichen dilettierenden Forschers neigte sich dem Ende zu, als Friedrich Ris seiner Leidenschaft, dem Schmetterlingssammeln, frönte. Der Leiter der Psychiatrischen Klinik war für seine Insektenkompetenz weltbekannt. Sein Erbe schlummert im Museum Allerheiligen.

Urs Weibel hütet als Kurator die Schmetterlingssammlung des Rheinauers Friedrich Ris.

Urs Weibel hütet als Kurator die Schmetterlingssammlung des Rheinauers Friedrich Ris. Bild: Heinz Diener

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So wie sie aufgespiesst sind in einem Holzkasten, die beige-braunen Nachtfalter, kann man sich gar nicht mehr vorstellen, wie sie einst die Thurauen bevölkert haben. In Reihen zu 11×8 Tieren, präpariert — vielleicht nicht für die Ewigkeit, wohl aber für spätere Generationen.

Es ist die Arbeit des dazumaligen Direktors des zürcherischen Asyls für Geisteskranke — heute bekannt als Psychiatrische Universitätsklinik Zürich in Rheinau.

«Er hat sehr exzessiv gesammelt und hatte hohe ästhetische Ansprüche»

Friedrich Ris hatte 33 Jahre lang die Leitung inne, bis er dort des Nachts einem Herzschlag erlag. «Er hat sehr exzessiv gesammelt», sagt Urs Weibel, «und hatte hohe ästhetische Ansprüche». Weibel ist Dr. sc. nat. ETH und kuratiert den Fachbereich Natur im Museum zu Allerheiligen Schaffhausen. Die Ris’sche Schmetterlingssammlung mit 13 000 Individuen gelangte als Nachlass in den Bestand des Hauses.

Daran war ein weiterer Mann beteiligt: Hermann Pfaehler (1873 — 1922), ein Apotheker aus Schaffhausen mit einer Sommerresidenz in Neftenbach. Er bewohnte das Talguet und sammelte ebenfalls Lepidoptera (Schmetterlinge). Besonders fasziniert war er vom Schwarzen Apollo. «Auch sein Einsatz ging weit über Liebhaberei hinaus», sagt Weibel.

Die Art und Weise, wie der Apotheker die Tierchen anlockte, ist naheliegend, aber aus heutiger Perspektive recht roh: Auf seiner Veranda spannte er nachts ein Leintuch auf, beleuchtete es von hinten und fing die Falter. Die Region erwies sich als reiches Sammelgebiet; heute kommt der Schwarze Apollo dort nicht mehr vor.

Als Schiffsarzt in den Tropen

Friedrich Ris trieb seine Leidenschaft viel weiter in die Welt hinaus. Schon als Bub (geboren 1867 in Glarus), interessierte er sich für Insekten und heuerte nach seinem Medizinstudium und einer ersten Tätigkeit als Assistenzarzt im Spital Winterthur als Schiffsarzt bei der Norddeutschen Lloyd an. Hin sei man mit auswanderungswilligen Polen gefahren, erläutert Urs Weibel, und zurück mit Kaffee.

Vier grosse Seereisen führten Ris nach Nord- und Südamerika, wo er die Landgänge für entomologische Exkursionen nutzte, das heisst, der Insektenkunde fröhnte. So steht es einem Nachruf von 1931 in einer Fachzeitschrift für Schweizerische Naturforschende. Sein Ruhm war so gross, dass ein berufsmässiger Tropensammler 1913 noch vom Sterbelager auf den Molukken aus verfügte, dass Ris seine Libellenausbeute erhalten sollte.

Ris erkannte bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts, dass die Entsumpfung und ähnliche Kulturmassnahmen, beispielsweise in den Thurauen, zu einer Verarmung der Insektenwelt führten. In seinen Beschreibungen habe Ris das lokale Klima, Flora und Fauna sowie das Verhalten der Menschen festgehalten, sagt Urs Weibel. Er beobachtete dies in der ganzen Schweiz, doch die Hälfte seiner erhaltenen Präparate stammt aus der Umgebung von Rheinau. Aus seinen Tagebuchaufzeichnungen wisse man, dass er auch mit dem Velo in den Randen gefahren sei.

Des weiteren hielt er sich am Husemersee und an den Räubrichseen zwischen Oerlingen und Kleinandelfingen auf. In manchen Jahren verbrachte er laut seinem Forschungstagebuch fast 80 Tage mit Exkursionen. «Er muss jeden Sonntag, Feier- und Ferientag zum Sammeln genutzt haben», fasst der Kurator zusammen. Und das Bild von einem Schmetterlingsjäger, der mit einem Netz und einem Tötungsglas mit Essig-äther bewaffnet übers Land zieht, treffe wohl zu.

Wegweisend in der Klinik

Mit seiner ledigen Schwester Elisabeth, die ihm den Haushalt führte und offenbar auch bei der Forschungsarbeit assistierte, lebte Ris auf dem Gelände in Rheinau. Ebenso gehörte die Mutter zum Haushalt. 1895 war er als Assistenzarzt angekommen, «wo er sich unter Direktor Bleuler in die Irrenpflege einarbeitete» wie es im Nachruf heisst.

1898 übernahm er die Leitung und begleitete die Erweiterungen von 650 auf 1150 Betten. Modernisierungen und Verschönerungen, auch der Klosterbauten, fielen in seine Ära.

Er wurde ebenso als wichtiger Berater in das Projekt Familienpflege einbezogen: In Rheinau und Umgebung testete der Kanton kurz nach der Jahrhundertwende erstmals, vierzig Pfleglinge in Familien unterzubringen. Ris setzte stark auf die Arbeitstherapie.

Begünstigt durch die «grosse Staatsdomäne» konnten die Bewohner der Anstalt den Boden bearbeiten, säen und ernten. Überliefert sind gemeinsame Feierabende und Erntefeste, Weihnachtsspiele, Tänze und eine Chilbi. Auf dem Karussel habe «jede Art Anstaltsvolk» mitfahren dürfen.

Die Schmetterlingssammlung ist nur ein Teil seines Erbes, seine Fliegenkollektion besitzt die ETH Zürich, und eine wichtige Libellensammlung hinterliess er dem Städel Museum in Frankfurt am Main, wo sie im 2. Weltkrieg verloren ging.

Heute als Vergleichsobjekte

Was kann man nun damit anfangen, liegen die Schmetterlinge doch verborgen im dunklen Depot des Museums, so die Frage an Urs Weibel. «Der Wert liegt darin, dass man die Tiere heute noch anschauen und mit lebenden Exemplaren vergleichen kann», sagt er.

Es gebe nur spärliche direkte Anfragen, da die Informationen auf der nationalen Datenbank Centre Suisse de la Cartographie de la Faune eingespiesen sind. Ganz nach Friedrich Ris’ Motto: «Was heute nebensächlich erscheint, kann später einmal einen Wert darstellen.»

(Der Landbote)

Erstellt: 04.01.2018, 10:40 Uhr

Friedrich Ris.

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