Marthalen

Weinländer zeigen Wut und Wohlwollen

Der Besuch von Bundesrätin Doris Leuthard machte den Weinländer Widerstand gegen ein Endlager sichtbar. Die Ministerin merkte davon wenig: Sie nutzte einen Seiteneingang und erhielt dort ein Geschenk, das es in sich hat.

Die einen protestieren, andere reagieren gelassen auf die Pläne, im Weinland allenfalls ein Lager für radioaktiven Abfall zu bauen.

Die einen protestieren, andere reagieren gelassen auf die Pläne, im Weinland allenfalls ein Lager für radioaktiven Abfall zu bauen. Bild: Heinz Diener

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Jürg Rasi wirkt angespannt. Der Landwirt steht am Mittwochabend in der Dunkelheit vor der Mehrzweckhalle Mar­tha­len und wartet auf Bundesrätin Doris Leuthard. Er will ihr ein Geschenk überreichen, weiss aber nicht, wo sie ankommt. Polizisten wollen es ihm nicht verraten.

Rasi ist nicht alleine gekommen. Hinter ihm sind die Umrisse von Traktoren sichtbar. Eine Gruppe Männer steht davor. Alle schweigen, keiner lächelt. Der Besuch von Doris Leuthard hat ihnen vor Augen geführt, dass es bei der Suche nach einem Lager für Atommüll langsam konkret wird. Dies, obschon es bis zu einem Entscheid über ein mögliches Tiefenlager im Weinland noch einige Jahre dauern wird (Box).

Landwirte haben Angst

Einer der Bauern heisst Stephan Rapold. Er kultiviert in Rhein­au Kartoffeln und Rüebli. Jetzt macht er sich Sorgen um seine Lebensgrundlagen. «Wir haben in der Gegend saubere Quellen und Flüsse», sagt er. «Wenn beim Tor zum Endlager etwas schiefgeht, ist es damit vorbei.» Zudem befürchtet er, dass er seine Produkte nicht mehr verkaufen könnte.

Wenig später steigen die Bauern in ihre Fahrzeuge. Sie hupen und stellen für die Kamerateams ihre Scheinwerfer ein. In etwa einer halben Stunde soll Bundesrätin Doris Leuthard eintreffen.

Nebenan, in einem trockengelegten Brunnen, spielen sich derweil Szenen ab, über die man normalerweise lachen würde. Ein Mann hat sich als Fass verkleidet und tanzt unermüdlich im Kreis. Um ihn herum stehen Frauen und Männer, die rhythmisch auf gelbe Fässer trommeln.

Doch nichts an diesem Bild ist lustig, die Trommler meinen es ernst. Allen voran das tanzende Fass selber: Beat de Ventura. Er ist von der Gruppe Klar Schweiz und setzt sich für den Atomausstieg ein. «Wir wollen ein Zeichen setzen und dann der Bundesrätin intelligente Fragen stellen», sagt er. Unterstützt wird die Aktion auch von den Kernfrauen. Sie treffen sich jeden Donnerstag, um auf dem Gelände des geplanten Tiefenlagers Mahnwache zu halten, heute wollen sie aufrütteln: «Uns graut es vor einem unsicheren Endlager», sagt Elsbeth Keller. Die 73-jährige Kernfrau hat zudem Angst, dass die Ener­gie­wende zu spät kommt und vorher ein Unfall passiert. «Ich will jetzt Infos der Bundesrätin», sagt sie.

Kägi denkt, das ist Fasnacht

Während die Gruppe von rund 20 Personen beim Haupteingang protestiert, tut sich etwas auf der anderen Seite des Gebäudes. Ein Auto fährt vor, ein Mann steigt aus. Es ist SVP-Regierungsrat Markus Kägi. Als er das Trommeln hört, fragt er ironisch: «Ist das die Fasnacht?» Valentin Kramer hört den Satz nicht. Der 64-Jährige aus Mar­tha­len hat sich zwar tatsächlich verkleidet, aber nicht zum Spass. Er trägt eine Tafel mit der Aufschrift «Wir wollen gar kein Endlager für Atomabfall im Weinland». Politisch sei er nicht aktiv. «Jetzt braucht es aber Widerstand.»

Rasi weiss inzwischen, wo die Bundesrätin ankommen wird. Für ihn geht es beim Thema Endlager um die Existenz. Sein Hof liegt nahe der Stelle, wo es wohl gebaut würde. Mit seiner Frau hat er sich vor dem Seiteneingang positioniert, in der Hand ein Paar Gummistiefel mit Blumen und einer Schnapsflasche drin. Dieses «Geschenk» ist eine Anspielung an 2009, als Leuthard im Kanton Jura mit Stiefeln beworfen wurde. Im Weinland seien die Gepflogenheiten zwar anders, sagt Rasi. Er könne aber nicht garantieren, dass die Stimmung so bleibe. Bundesrätin Leuthard nimmt die Stiefel lachend entgegen und rät Rasi freundlich, sich doch demokratisch einzubringen. Die Halle ist zu diesem Zeitpunkt voll. Die Protestierenden sind schon drin, die Ankunft der Bundesrätin haben sie verpasst. Als Zeichen des Widerstands tragen etwa 30 von rund 350 Anwesenden eine gelbe Mütze. Viele scheinen der Bundesrätin wohlgesinnt. Sie wird mit warmem Applaus begrüsst und auch wieder so verabschiedet. Nach dem Anlass sagt Hans-Ulrich Vollenweider stellvertretend für andere, er habe einen guten Eindruck gewonnen. «Es sind intelligente Leute am Werk.» Auch Nagra-Geschäftsleiter und Podiumsteilnehmer Thomas Ernst ist zufrieden: «Die Leute konnten sich äussern.» Die Weinländer SP-Co-Präsidentin Käthi Furrer sieht es anders. Sie wollte wie viele andere unbedingt noch etwas sagen, die Diskussion wurde aber abgeklemmt. Sie hätte die Leute zum Widerstand aufgerufen, sagt sie. «Der macht den Prozess sicherer.»

(Landbote)

Erstellt: 12.11.2015, 19:03 Uhr

Wie es weitergeht

Inbetriebnahme circa im Jahr 2050

Der Bundesrat soll ungefähr im Jahr 2027 entscheiden, in welcher Region ein Tiefenlager für Atommüll gebaut wird. Danach stimmt auch das Parlament dar­über ab. Und auf nationaler Ebene kann ein Referendum ergriffen werden. Die Inbetriebnahme eines Tiefenlagers ist ungefähr im Jahr 2050 vorgesehen. Aktuell läuft die Standortsuche, die in drei Etappen gegliedert wird. In der ersten Etappe wurden mögliche Gebiete identifiziert. Diese Phase ist heute abgeschlossen und es läuft die zweite Etappe. Dabei können die betroffenen Regionen mitwirken und die Gebiete werden miteinander verglichen. Voraussichtlich 2018 wird der Bundesrat entscheiden, ob er den beiden derzeit vorgeschlagenen Standortgebieten Jura Ost und Zürich Nordost (Weinland) zustimmen will. Im selben Jahr soll dann die dritte Etappe beginnen. Dabei will die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) die verbliebenen Gebiete vertieft untersuchen. roh

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