Endlager

Wenn ein Castorbehälter von der Eisenbahnbrücke stürzen würde

Die Atomzüge ins Weinland würden über die gut 30 Meter hohe Brücke bei Andelfingen rollen. Was passiert, wenn es dort zu einem Unglück kommt?

Die Eisenbahnbrücke bei Andelfingen über die Thur müssten die Castro-Transporter passieren. Eine Gefahr?

Die Eisenbahnbrücke bei Andelfingen über die Thur müssten die Castro-Transporter passieren. Eine Gefahr? Bild: wikipedia

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Ein Zug mit hochradioaktiven Abfällen fährt auf die 33 Meter hohe Thurbrücke bei Andelfingen. Ob wegen Sabotage, eines Unfalls oder Terroranschlags entgleist der Zug und ein Castorbehälter stürzt in die Tiefe. Auf den ersten Blick graut einem vor einem solchen Szenario.

Was, wenn der Behälter nach dem Aufprall undicht ist, Radioaktivität austritt? Und das mitten in oder direkt neben der Thur? Auf den zweiten Blick wird allerdings deutlich, wie robust Castorbehälter gebaut sind und was für strengen Belastungstests sie unterzogen werden.

Auf Asphalt oder ins Wasser

Eine mögliche Verunsicherung rührt daher, dass bei solchen Tests immer wieder von einer Fallhöhe von nur 9 Metern die Rede ist. Schliesslich sind Eisenbahnbrücken, wie eben jene über die Thur bei Andelfingen, oft viel höher. Diese Bedenken nimmt beispielsweise das deutsche Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung in der Broschüre «Die Beförderung radioaktiver Stoffe» auf.

«Seit über 40 Jahren hat es weltweit keinen Unfall mit schwerwiegenden Folgen bei der Beförderung radioaktiver Stoffe gegeben.»Deutsches Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung

Bei einem Fall aus 9 Metern Höhe werde eine Aufprallgeschwindigkeit von 47 Kilometern pro Stunde (km/h) erreicht. Fällt aber ein Castorbehälter von der 33 Meter hohen Andelfinger Eisenbahnbrücke, «schlägt er nach 2,6 Sekunden mit rund 92 km/h auf», rechnet das Eidgenössisches Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) für den «Landboten» nach. Je grösser die Höhe, desto grösser die Fallgeschwindigkeit und damit die Energie beim Aufprall.

Doch warum bleibt ein Behälter auch nach einem Sturz aus einer solchen Höhe dicht? Im 9-Meter-Falltest stürzt der Behälter auf ein Fundament aus massivem Beton und Stahl, das nicht nachgibt. Damit überträgt sich die Energie des Falls voll auf den Behälter – oder anschaulicher: Ob man vom 9 Metern ins Wasser oder auf einen asphaltierten Platz springt, macht einen grossen Unterschied auf den Körper.

Beim Sprung in einen See wird ein Grossteil der Fallenergie aufs Wasser übertragen, wodurch der Körper nicht oder kaum verletzt wird. Der unnachgiebigere Asphalt hingegen wirkt nicht abfedernd – der Springer verletzt sich massiv.

Schärfste Beanspruchungen

Das bedeutet also, dass der Fall eines Castorbehälters im Test aus 9 Metern einer weitaus grösseren Höhe in der Realität entspricht – aber welcher? Damit vergleichbare Schäden am Behälter entstehen, müsste dieser mit einer Geschwindigkeit zwischen 65 und 120 km/h auf harten Fels oder Beton aufschlagen.

Im Beispiel der Andelfinger Eisenbahnbrücke liegt die Aufprallgeschwindigkeit bloss bei den erwähnten 92 km/h. Das heisst, dass erst ab 120 km/h ein grösserer Schaden am Behälter zu erwarten ist. Prallt der Castorbehälter auf harten Erdboden oder Wasser, müsste die Fallgeschwindigkeit zwischen 100 und 300 km/h betragen – und der Behälter wäre immer noch dicht.

«Die Fallprüfung aus 9 Metern Höhe auf ein unnachgiebiges Fundament entspricht schärfsten Unfallbeanspruchungen», schreibt das deutsche Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung.

Der «Dorntest»

Nebst dem 9-Meter-Falltest müssen die Castorbehälter weitere Dichtigkeitstests bestehen, um für den Transport hochradioaktiver Abfälle zugelassen zu werden. Da ist zum Beispiel der sogenannte Dorntest: Der Behälter fällt aus 1 Meter Höhe auf einen zylindrischen Dorn aus Baustahl mit einem Durchschnitt von 15 Zentimetern.

Der mindestens 20 Zentimeter hohe Dorn steht senkrecht und ist starr mit dem Fundament verbunden.

Atomtransporte wie dieser, unterliegen strengen Sicherheitsvorschriften. Trotzdem bleibt ein geringes Restrisko.

Oder: Der Behälter muss mindestens 30 Minuten lang Temperaturen von mindestens 800 Grad Celsisus aushalten, und zwar von allen Seiten. Das Feuer darf in dieser Zeit nicht gelöscht werden. Auch ins Wasser werden die Castoren getaucht, und zwar für mindestens 8 Stunden bei einem Druck, der einer Wassertiefe von mindestens 15 Metern entspricht. Selbst massive Kollisionen mit anderen Zügen oder Flugzeugabstürze werden in den Belastungstests simuliert.

Es gebe ein «strenges und einheitliches» System internationaler Regeln und Vorschriften für den Transport radioaktiver Stoffe, schreibt das deutsche Bundesministerium. Daher sei das «Restrisiko» vertretbar. Weit mehr als 150 Millionen Behälter seien in den letzten 40 Jahren weltweit befördert worden. «Ohne dass ein Unfall mit schweren Folgen durch radioaktive Strahlung eingetreten ist.»

Sieben Mal mehr Transporte

Aktuell gibt es im Weinland die Forderung, dass die «heisse Zelle» des Endlagers nicht in der Region, sondern beim atomaren Zwischenlager im aargauischen Würenlingen gebaut wird, wo die hochradioaktiven Abfälle derzeit gelagert sind.

In der Hochsicherheitsanlage werden die Abfälle aus den Castorbehältern in die kleineren Endlagerbehälter gepackt. Die Weinländer Regionalkonferenz argumentiert mit der Beeinträchtigung des Landschaftsbilds durch die grosse Anlage sowie mit Sicherheitsbedenken. Aktuelle Planungen gehen von jährlich 5 bis 9 Castorzügen aus, die während 15 Jahren via Winterthur Richtung Marthalen fahren würden.

Würde die «heisse Zelle» nicht im Weinland gebaut, würde sich die Zahl der Castortransporte laut der Nagra versiebenfachen. Denn die kleineren Endlagerbehälter müssten mit viel zusätzlichem Material verpackt werden, um gleich sicher wie Castorbehälter transportiert werden zu können. Dieses zusätzliche Verpackungsmaterial ist der Grund für die Versiebenfachung der Transporte.

(Der Landbote)

Erstellt: 01.06.2018, 13:05 Uhr

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