Flaach

«Wir haben bereits einen grossen Baum verblättert»

Schweigend, aber mit eloquenten Textblättern, ist das Kleinkunstduo aus Luzern «Ohne Rolf» bekannt geworden. Nun zeigen sie ihre «erlesene Komik» im TAFF. Jonas Anderhub erzählt, was den Zuschauer beim Programm «Seitenwechsel» erwartet.

«Ohne Rolf» kommt mit seinen Textblättern nach Flaach.

«Ohne Rolf» kommt mit seinen Textblättern nach Flaach.

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Herr Anderhub, auch wenn Sie es gewiss schon hundert Mal erklärt haben: Was ist der Hintergrund des Namens «Ohne Rolf»?
Jonas Anderhub: Wir heissen so, weil es ohne Rolf stattfindet. Weil das zu denken gibt. Die ganze Geschichte würde zu lange dauern.

Verraten Sie mir, wie so ein Programm entsteht.
Im ersten Schritt sitze ich mit meinem Spielpartner Christof Wolfisberg zusammen und wir denken uns eine neue Ebene aus. Dazu tragen wir nach Lust und Laune Ideen zusammen, erst mal getrennt. Im nächsten Schritt bringen wir das Material dramaturgisch in eine Reihenfolge. Unser Regisseur Dominique Müller, war bei allen vier Programmen und dem gesamten Schreibprozess dabei. Am Schluss feilen wir zu dritt an Kommas und kleinste Details: ob auf einem Plakat, ein Hmm, ein Tja oder Soso stehen soll. Es ist teilweise absurd.

Man könnte meinen, Ihre Kunst, eine geistreiche Konversation über Textblätter zu führen, sei
leicht zu kopieren.
Uns haben schon Leute für Geburtstagsfeiern und Faschingsvereine mit unseren eigenen Texten nachgemacht, sogar Jongleure in einem Varieté vor zahlendem Publikum. Das war der Punkt, wo unser Management mal nachgefragt hat und es auch zurückgezogen wurde. Mittlerweile haben wir aber gemerkt, es ist auch Werbung für uns. Wenn jemand es kopiert, soll er möglichst sagen: aufgrund einer Idee von Ohne Rolf.

«Uns reizt das Retro-Ding.»Jonas Anderhub, 
Duo «Ohne Rolf»

Zu «Seitenwechsel» habe ich nichts auf Youtube gefunden.
Was man bei Youtube sieht, das sind meist Fernsehausschnitte. Wir haben vermieden, selbst etwas hochzuladen, weil kurze Ausschnitte wenig Sinn machen. Wir erzählen eine abendfüllende Geschichte und möchten, dass die Zuschauer ins Theater kommen. Ausserdem ist bei uns ist der Aspekt Überraschung zentral.

Sie setzen pro Aufführung rund 1000 Blätter ein. Hat’s da schon mal Rückmeldungen von Baumschützern gegeben?
Wir haben ausgerechnet, dass wir einen grossen Baum bereits verblättert haben. Anfeindungen gab es aber nie. Es ist Papier, das von Papierfirmen nicht mehr gebraucht wird, das sonst weggeworfen würde. Und die Plakate halten bis zu fünf Jahre. Das Retro-Ding mit dem Papier reizt uns. Man könnte ja auch mit Screens arbeiten, aber die Erwartung, was kommt als nächstes, würde da verloren gehen. Bei «Seitenwechsel» präsentiere ich jedoch selbst eine Idee, wie wir umweltfreundlicher werden könnten. Mit Juteblättern oder ganz kleinen Plakaten.

Der Deutsche Kleinkunstpreis und der Deutsche Kabarettpreis waren sicher Höhepunkte für Sie. Fragt man sich: Was kann da noch kommen?
Preise üben überhaupt keinen Druck auf uns aus, sondern die Frage, was kommt als nächstes, nach den Plakaten. Nach vier Programmen müssen wir uns nun zusammensetzen und überlegen, auf was wir Bock haben. Denn das ist das Wichtigste, dass wir dabei Spass haben und das machen, was wir selbst am liebsten sehen würden. Als wir am Anfang nur 20 Minuten Programm hatten, haben Kollegen abgewinkt und gesagt, das wird nicht einen ganzen Abend tragen. Aber es hat eben doch geklappt.

Sie haben ihr erstes Programm auch auf Chinesisch und Französisch präsentiert. Hat der Humor da 1:1 funktioniert oder mussten Sie Textzeilen austauschen?
Das Französische war sehr naheliegend, weil Christof zweisprachig aufgewachsen ist. Trotzdem haben wir die Übersetzung abgegeben. Wir blieben nahe an der deutschen Urfassung und haben es circa 20 Mal in der welschen Schweiz gezeigt. Die chinesische Fassung haben wir mit acht Leuten gemacht: Übersetzung, Redigieren, humortechnisch überarbeiten, nochmals sprachlich, zurückübersetzen. Das hat hervorragend funktioniert und das Publikum hat sehr positiv reagiert. Die Chinesen haben gedacht, wir können ja gut chinesisch sprechen, weil man die Texte selbst liest und den Ton im Kopf «hört». Für die Leute bleibt in Erinnerung, dass wir einen Abend lang akzentfrei Chinesisch gesprochen haben. Für zwei noch dazu fast blonde Europäer war das eine tolle Leistung.

Sie führen das internationale Experiment aber nicht weiter.
Tatsächlich kam eine Anfrage aus dem Iran, um es auf Farsi zu übersetzen, aber dort ist es politisch zurzeit etwas instabil. In Deutschland und Österreich müssen wir übrigens rund zehn Plakate auswechseln, damit Begriffe wie «Poulet» auch verstanden werden.

Wo könnte die Zukunft von «Ohne Rolf» liegen?
Wir haben beide eine Theaterausbildung und uns reizt nach wie vor, ein Stück zu schreiben. Wir dachten nie an Kleinkunst oder Comedy, es sollte so zeitlos wie möglich sein. Kleinkunst ist ohnehin ein schwieriges Wort, gerade wenn man mit A1-Plakaten auf der Bühne steht. Aber im Ernst: Beckett, mit seinen simplen, klaren Dialogen, war eine Inspirationsquelle für uns. Wir könnten uns auch vorstellen, als Regisseure für Theaterklassiker zu agieren, wo die Schauspieler blättern oder eigene Stücke auf diese Art aufführen.

«Seitenwechsel»: Das Duo «Ohne Rolf» kommt morgen, 15. Sept. um 20 Uhr ins Taff (Wesenpl. 4) nach Flaach. Tickets unter www.altifabrik.ch/tickets oder unter 078 637 71 83, CHF 35.-, erm. CHF 18.- www.altifabrik.ch (Der Landbote)

Erstellt: 13.09.2018, 13:27 Uhr

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