Zum Hauptinhalt springen

Wo die Musik zum Wohle aller spielt

Wirtschaftsförderung der anderen Art betreibt die Familie Hatt seit über 100 Jahren. Damit kommt Kultur aufs Land; die Gäste wissen das Angebot zu schätzen.

Im historischen Tanzsaal von 1915 des Gasthauses zum Bahnhof wird seit Generationen gefeiert, so wie die Hatts (hier Peter und Elke) seit Jahrhunderten Wirte in Henggart sind.
Im historischen Tanzsaal von 1915 des Gasthauses zum Bahnhof wird seit Generationen gefeiert, so wie die Hatts (hier Peter und Elke) seit Jahrhunderten Wirte in Henggart sind.
Johanna Bossart

Wer in Henggart aufwächst , kommt am «Bahnhöfli» kaum vorbei. «Von der Wiege bis zur Bahre» wird das traditionreiche Lokal für Taufen, Geburtstage, Hochzeiten und Trauerfeiern genutzt. Die Familie Hatt wirtschaftet seit dem 18. Jahrhundert am heutigen Ort. Vorfahre Heinrich Hatt baute den Landgasthof zu einer Tanzbühne aus, später sorgte ausserdem die Kegelbahn für Unterhaltung im Dorf. Mit dem sonntäglichen Vergnügen kurbelte er nicht nur seinen Umsatz an, auch so manche Ehe soll gestiftet worden sein. Die Vereine bekamen einen Saal für ihre Abendunterhaltungen. Der findige Land- und Gastwirt, und spätere Gemeindepräsident für 33 Jahre, hatte die Zeichen erkannt.Um das möglich zu machen, musste sein Urgrossvater einige Schmach über sich ergehen lassen, erzählt der heutige Wirt, Peter Hatt: «Er verschenkte das Land für den Bahnhof, worauf die Bauern ihn mit Mistgabeln verfolgten. Zwei Nächte musste er auswärts schlafen, bis sich die Situation beruhigte.» Die Eisenbahn galt vor hundert Jahren noch als lautes Ungetüm, das Feuer spuckte und nichts Gutes brachte. «Heute profitieren wir davon.»

Hatt gab das Land gratis, knüpfte es aber an die Auflage, dass kein anderes Buffet im Bahnhofsgebäude eingerichtet werden dürfe. Bald gewöhnten sich die Henggarter an die neumodische Einrichtung und der Bahnhofsvorstand läutete, wenn er Durst hatte und etwas serviert bekommen wollte. Auch den Gästen signalisierte er mit der Glocke, dass sie zügig austrinken sollten, weil sich die Bahn näherte. Nach getaner Arbeit, Zuckerrüben und Kartoffeln verladen, fanden sich die Arbeiter im Gastraum ein.

Die stimmungsvolle, 1925 gestaltete Weinstube kann heute noch gemietet werden. Hatt ist hier nicht nur — wie seine Frau Elisabeth, mit der über 60 Jahre verheiratet war — auf einem Ölgemälde verewigt, sondern auch als Holzschnitzerei.

Neben alten Urkunden, die die Erfolge des Winzers auf den Schweizer Landesausstellungen belegen, fällt die Glasmalerei ins Auge; das Wappen der Hatts (Bild) und die Henggarter Rose. Ein grosser grüner Kachelofen steht auch schon fast ein Jahrhundert dort. Im alten, mit Holz getäfelten Festsaal haben bis zu 140 Menschen Platz. Zwar ist alles renoviert und mit modernen Möbeln und Lampen ausgestattet, doch wer darauf achtet, erkennt noch immer den hölzerne Empore, auf der die Musiker sassen, wenn sie aufspielten. Der junge Peter Hatt kennt noch Zeitgenossen, die davon berichteten wie sehr sie dabei geschwitzt hätten, weil die Wärme von den Tänzern aufstieg.

Zurzeit steigt die Auslastung mit Kulturveranstaltungen wieder, denn der Verein Jazz in the Mill hat das Gasthaus zum Bahnhof zu seinem neuen Spielort erkoren. Sowohl für die Wirte als auch für die Musikfreunde eine Win-win-situation: Die Bühne liegt viel verkehrsgünstiger als die Alte Mühle Gütighausen und bringt eine weitere, wenn auch nicht unbedingt jüngere Klientel ins Haus. Denn weiterhin sind die Konzertbesuchern des Jodlerklubs Tannhütte treue Gäste. «Gerade waren wir wieder viermal hintereinander mit der Jodel- und Theaterunterhaltung ausgebucht», berichtet der Wirt. Sicherlich trägt der urchige Saal seinen Teil zur Stimmung bei. «Ab Oktober kommt zusätzlich die Leuebühne Andelfingen nach Henggart», freut sich Hatts Allgäuer Frau Elke. Da ist auch die Küche wieder gefragt, die sich seit der Übernahme durch die Junioren mehr in Richtung feine Speisen bewegt. So ist die Familie Hatt seit Generationen ein «geheimer» Kulturtäter in der Region, indem sie den Kreativen die Bühne gratis überlässt — und auf einen angemessenen Gastronomieumsatz hofft. Wie es aussieht, scheint die Rechnung für alle Seiten aufzugehen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch