Pestizide

«Wüsste der Konsument, wie viel Gift auf seinem Essen ist, würde er anders entscheiden»

Chemikalien im Trinkwasser und neue Messwerte, die von einigen Kantonen unter Verschluss gehalten werden: Pestizide beschäftigen das ganze Land. Ralph Hablützel, Biobauer aus Dättlikon, arbeitet ohne die umstrittenen Stoffe.

Ralph Hablützel bewirtschaftet in Dättlikon 1200 Apfelbäume sowie weitere Obstsorten.

Ralph Hablützel bewirtschaftet in Dättlikon 1200 Apfelbäume sowie weitere Obstsorten. Bild: Madeleine Schoder

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Herr Hablützel, kürzlich hat der Bund neue Messresultate zur Pestizidbelastung des Grundwassers veröffentlicht. Er kam zum Schluss, dass dieses «verbreitet und nachhaltig» von chemischen Stoffen aus der Landwirtschaft geschädigt wird. Wie ist diese Nachricht bei Ihnen angekommen?
Ralph Hablützel: Ich war schockiert!

Obwohl Sie sich schon lange mit dem Thema befassen?
Ja, es ist viel schlimmer, als ich erwartet habe. Die Resultate zeigen, dass sich scheinbar nichts ändert. Wir müssen sofort mit umweltschädigenden Produktionsweisen aufhören.

Sie waren früher Maschineningenieur, dann konventioneller Obstbauer und heute Biobauer. Wie kam es zu dem Gesinnungswandel?
Als ich den Bungerthof hier in Dättlikon vor 12 Jahren übernommen habe, machte ich am Strickhof meine Ausbildung zum Obstbauern. Pflanzenschutzmittel gehörten zum Schulstoff, es war normal zu spritzen. Die Obstplantagen stellte ich zwar gleich zu Beginn auf Bio um, bei den Reben hatte ich aber ohne Pestizide keine Chance. Ich liess mir von der Agrargenossenschaft Fenaco jedes Jahr einen Spritzplan erstellen und setzte diesen um.

Sie hinterfragten das nicht?
Nein. Die Mittel fand ich zwar eklig, ihren Gestank brachte man nicht mehr aus den Kleidern. Und natürlich trug ich eine Maske und Handschuhe. So hatte ich es gelernt. Aber ich dachte, dass man die Mittel halt einsetzen muss, wenn man Trauben produzieren will.

Und wann kam das Umdenken?
Im Jahr 2014 spritzte ich das Mittel Moon Privilege, das gegen Pilzerkrankungen wirken sollte. Es war neu auf dem Markt und stand auf meinem Spritzplan. Im Jahr drauf zerrieselten mir die Traubenblüten zwischen den Fingern, die Triebe der Reben waren verkrüppelt. Ich hatte praktisch einen Totalausfall. Es kam später aus, dass ein Abbaustoff des Pestizids, ein so genannter Metabolit, die Reben schädigt. Ich wurde zwar von Bayer entschädigt, wie andere Bauern auch. Aber ab da habe ich mich gefragt, was all die Stoffe auslösen können. Ich begann, mich intensiv mit dem Thema zu beschäftigen.

Mit welcher Konsequenz?
2016 rodete ich alle alten Reben. Ich liess mich beraten und suchte nach resistenten Rebsorten. Auf einer neuen Parzelle, die nicht kontaminiert war, baute ich einen neuen Rebberg an. Derzeit befindet sich mein Hof in der Umstellungsphase für die Bio-Zertifizierung. Aber ich spritze seither keine chemischen Mittel mehr und arbeite nach den Prinzipien der regenerativen Landwirschaft.

«Eine Nahrungsmittelproduktion, die abhängig ist von einem permanenten Einsatz von Giften, hat keine Zukunft.»

Die Bauernverbände bekämpfen Initiativen, die im nächsten Jahr an die Urne kommen und die den Pestizideinsatz verbieten oder eindämmen wollen. Sie hingegen setzen sich für die Trinkwasserinitiative ein, welche Direktzahlungen an den Verzicht von chemischen Pestiziden und Düngern knüpfen will. Gelten Sie unter Berufskollegen als Nestbeschmutzer?
An der letztjährigen Kantonalen Obstbautagung vom Thurgauer Obstverband durfte ich zusammen mit der Initiantin Franziska Herren meinen Betrieb vorstellen. Ich produziere bereits voll nach den Kriterien der Trinkwasserinitiative. In der anschliessenden Podiumsdiskussion mit Vertretern von Bayer, Syngenta und Co. und einem Grossproduzenten waren sich alle einig: Der Hablützel ist ein Vorstadtbauer, der keine Ahnung hat wie man wirklich Obst produziert. Interessanterweise rufen mich aber immer wieder Teilnehmer der Tagung an und möchten gerne ihr pestizidfreies Hochstammobst in unsere jährliche Pestizidfrei-Kampagne mit dem Obstlieferant Öpfelchasper liefern. Es geht eben doch. Und die Preise mit Pestizidfreizuschlag sind genug Motivation, etwas Neues zu wagen.

Wie sollte sich die Landwirtschaft Ihrer Meinung nach ändern?
Es braucht einen Systemwechsel. Eine Nahrungsmittelproduktion, die abhängig ist von einem permanenten Einsatz von Giften, hat keine Zukunft. Eine giftfreie Landwirtschaft ist keine Utopie, sondern machbar. Die Zukunft der Schweizer Landwirtschaft liegt in einer Qualitätsproduktion, die sich vom Ausland abhebt. Eine pestizidfreie Produktion ist ein Alleinstellungsmerkmal, das für Mensch und Umwelt enormen Mehrwert bringt und das sich viele Konsumentinnen und Konsumenten wünschen. Kaum ein anderes Land hat so gute Voraussetzungen und so viele öffentliche Mittel, um eine solche Landwirtschaft zu realisieren, wie die Schweiz.

Die Bauernverbände sehen das anders. Sie finden, dass kommende Massnahmen des Bundes reichen.
Mit Halbwahrheiten und Fehlinformationen versuchen die Ämter, die Agrarindustrie und konservative Bauernorganisationen, die katastrophale Bilanz der Schweiz im Umgang mit Pestiziden schönzureden. Sie wollen das Bisherige bewahren. Das ärgert mich und viele andere Bauern. Wir fühlen uns nicht mehr vertreten von dieser Politik. Es muss etwas geschehen, um Wasser und Umwelt vor diesen Giften zu schützen.

Vom Ingenieur zum überzeugten Biobauern
Ralph Hablützel bewirtschaftet den Bungerthof in Dättlikon zusammen mit seiner Frau Andrea. Beide hatten einst Berufe in Industrie und Management. Weil der Kanton dem Kauf des Bungerthofs nicht zustimmen wollte, weil ihm noch Landwirtschaftsland anhängt, machte der 57-Jährige kurzerhand eine Ausbildung zum Obstfachmann und sattelte um. Er produziert Obst, Eier und Wein. Zudem arbeitet er für Vision Landwirtschaft, einer Denkwerkstatt unabhängiger Agrarfachleute, die sich für eine umweltfreundliche und dennoch wirtschaftliche Landwirtschaft einsetzt. Am Donnerstag, 5. September, um 19 Uhr wird Ralph Hablützel an der Diskussionsrunde «Stadtgmües – Nachhaltige Ernährung Stadt Winterthur» in der Saatgutausstellung teilnehmen. Weitere Infos sind zu finden unter www.saatgutausstellung-winterthur.ch. (rut)

Oft sagen Landwirte, dass der Konsument entscheide, was produziert wird.
Das stimmt einerseits. Aber wenn der Konsument wüsste, wie viel Gift auf seinem Essen ist, würde er wohl auch andere Entscheide fällen. Der Gala-Apfel zum Beispiel ist einer der beliebtesten Äpfel, die Grossverteiler wollen ihn alle. Aber diese Sorte ist sehr empfindlich. Sie muss im Bio-Landbau bis zu 30 Mal gespritzt werden, konventionell noch bis zu 15 Mal, einfach mit giftigeren Mitteln. Das kann doch nicht sein! Wir dürften eigentlich gar keine Gala-Äpfel mehr produzieren. Es gibt Sorten, die sehr ähnlich im Geschmack und viel resistenter sind. Ausserdem würde der Konsument wohl eher mal einen Fleck auf dem Apfel akzeptieren, wenn er wüsste, dass auf der makellosen Frucht etliche Chemikalien drauf sind. Da müssten auch die Grossverteiler mitmachen.

Viele klagen, sie könnten sich Bioprodukte nicht leisten.
Die Schweizerinnen und Schweizer investieren lediglich gut sechs Prozent ihres Einkommens in Nahrungsmittel. Wir sind Vorreiter bei den Flugmeilen, grossen Autos und Luxusgütern. Der Grossteil hat genügend Geld, das er für giftfreie Lebensmittel einsetzen könnte. Trotzdem dürfen wir nicht vergessen, dass es rund 300 000 Menschen in der Schweiz gibt, die Ergänzungsleistungen beziehen. Für sie sind hohe Lebensmittelpreise ein Problem und da müssen wir eine Lösung finden. Aber wenn man die vollen Kosten rechnen würde, käme Bio am Ende wohl günstiger. Denn unter anderem für das Entfernen von Pestizidrückständen im Trinkwasser oder auch für die effektiven Gesundheitskosten werden schätzungsweise 25 bis 75 Millionen Franken Steuergelder ausgegeben.

«Der Bauer erhält für sein Produkt keinen fairen Preis. Darum muss er von Direktzahlungen leben.»Ralph Hablützel, Biobauer aus Dättlikon

Zurück zu den Landwirten. Sie befürchten, dass die Preise für Bio-Produkte zerfallen, wenn alle auf Bio umstellen.
Die Lebensmittel sind heute schon zu billig. Dies unter anderem auch, weil die Folgekosten der intensiven Landwirtschaft nicht durch die Verursacher getragen werden. Natürlich könnten die Preise fallen. Da sehe ich zwei Wege. Erstens der Staat schafft einen Ausgleich. Zudem bin ich überzeugt, dass hochwertige Bio-Produkte aus der Schweiz auch auf dem europäischen Markt Chancen hätten. Der Bio-Boom in Deutschland hat erst begonnen. Schweden und Österreich haben es bereits erkannt. Warum wir nicht?

Und der zweitens?
Höhere Preise für Nahrungsmittel. Der Bauer erhält für sein Produkt keinen fairen Preis. Darum muss er von Direktzahlungen leben. Das ist oft frustrierend. Denn die Arbeit als solches lohnt sich nicht. Wenn er zusätzlichen Aufwand betreibt, um umweltfreundlich zu produzieren, muss sich das auch auszahlen. Nicht nur, wenn er bio-zertifiziert ist. Es kann aber ein politischer Entscheid sein, die Landwirtschaft mit Steuergeldern zu subventionieren, dann soll das so sein.

Sie waren früher Ingenieur. Haben Sie leicht reden mit dem Hof als Aussteigerprojekt?
Nein, das ist kein Aussteigerprojekt. Wir leben seit Jahren von unserer landwirtschaftlichen Produktion, was uns immer wieder fordert. Als Kleinbetrieb können wir uns nicht auf Direktzahlungen abstützen. Wir passen uns laufend den geänderten Marktanforderungen an und das mit Erfolg.

Erstellt: 02.09.2019, 17:07 Uhr

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