Henggart

Züge rollen über Biberbau in Bahndamm

Der Biber breitet sich in der Region immer stärker aus und baut ganze Bachlandschaften um. Für die Artenvielfalt ist das ein grosser Gewinn. Doch immer häufiger kommt es auch zu Konflikten mit der Bahninfrastruktur – ein aktuelles Beispiel aus Henggart.

Rechts sind der Biberdamm und der gestaute Bach zu sehen, links ein Zugang in den Bahndamm hinein.

Rechts sind der Biberdamm und der gestaute Bach zu sehen, links ein Zugang in den Bahndamm hinein. Bild: Markus Brupbacher

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Wer mit dem Zug auf der Strecke Winterthur–Schaffhausen unterwegs ist, der fährt unweit des Bahnhofs Henggart über das Zuhause eines Bibers. «Der Bau liegt im Bahndamm», schreibt Gemeinderat Andreas Wyler in der «Henggarter Ziit», dem Mitteilungsblatt der Gemeinde. Der Biber hat den Dorfbach, der parallel zur Bahnlinie verläuft, an ein paar Stellen gestaut.

Zusammen mit den Bundesbahnen, den Mitarbeitern des Henggarter Werkhofs und der kantonalen Biberfachstelle behalte man die Situation im Auge, «damit wir rasch reagieren können, sollte es der Biber mit seinen Aktivitäten übertreiben», schreibt Wyler weiter.

«Zu verdichtet gebaut»

Bedeutet eine rasche Reaktion, dass der vom Biber gegrabene Hohlraum sonst den Bahndamm zum Einsturz brächte? Wyler präzisiert auf Anfrage: «Der Bahndamm ist zu verdichtet gebaut, um ihn untergraben zu können, ein Biber ist dazu nicht in der Lage.» Ein Einsturzszenario beim Bahndamm bestehe nicht. Vom Biber angenagtes Gehölz, das der Bahnlinie zu nahe komme, müsse beseitigt werden. Am anderen Bachufer verläuft ein asphaltierter Rad- und Fussweg. Laut Wyler gibt es unter diesem Weg keine Biberbauten, «welche uns bekannt wären».

«Sicherheit beeinträchtigen»

Letztes Jahr veröffentlichten die SBB eine in Auftrag gegebene, knapp 60 Seiten umfassende Studie mit dem Titel «Biber und SBB-Bahninfrastruktur». Darin heisst es, dass Biber «in den Bahndamm bis unter die Geleise graben» können, was zu Absenkungen und Verdrehungen der Geleise führen könne. Und durch Biberdämme zu hoch aufgestaute Bachabschnitte können mittelfristig die Stabilität der Bahndämme gefährden. «Beides kann die Betriebssicherheit der Infrastrukturen beeinträchtigen», heisst es in der Studie weiter. Aber: Biber können einen Bahndamm «nur in Ausnahmesituationen grossflächig zum Abrutschen bringen und den sicheren Bahnbetrieb somit gefährden». Auch ein zu hoch gestauter Bach führe «nicht über Nacht» zu sicherheitsrelevanten Problemen. Bahndämme würden nicht sofort instabil – es bleibe also immer genügend Zeit für das Ergreifen von Massnahmen. Die SBB halten den sicheren Bahnbetrieb und aktiven Tierschutz für vereinbar. Der Biber und seine Bauten stehen unter Schutz.

«Grosses Potenzial»

Im Jahr 2014 siedelten in der Schweiz Biber an 27 Stellen an 16 Bächen, die entlang von Bahnlinien verlaufen. Diese Stellen gelten als sensibel und werden überwacht. «Zu Biberschäden an SBB-Infrastrukturen kam es bis heute aber noch nie», heisst es in der Studie weiter. Besiedelt der Biber alle gleisnahen Bachabschnitte in der Schweiz, so steigt die Zahl sensibler Stellen an auf 285 an 120 Bächen. Und es gebe noch ein «grosses Potenzial an biberfreien Gewässern». Überwachte Stellen gibt es, nebst jener bei Henggart, auch noch bei Aadorf, Unterstammheim, Waltalingen oder Hettlingen.

Ähnlicher Fall bei Hettlingen

Der von Bibern bereits besiedelte Bachabschnitt bei Hettlingen liegt auch an der Bahnlinie Winterthur–Schaffhausen und ist nur knapp zwei Kilometer von der Henggarter Stelle entfernt. In der erwähnten Studie vom August 2018 ist der Hettlinger Fall drin, jener von Henggart noch nicht. Der von Bibern bewohnte, sensible Hettlinger Bachabschnitt ist 650 Meter lang und verläuft nur wenige Meter parallel entlang der SBB-Geleise – wie in Henggart. Biber würden in Hettlingen laut Studie «fast sicher» in einem solchen Bereich des Bahndamms Bauten anlegen, wodurch Massnahmen zum Schutz des Damms nötig würden. Auch liegt hier die Distanz zwischen dem Wasser und der Oberkante der Bahnschwellen bei unter drei Metern. Würde diese Distanz durch stauende Biber unter zweieinhalb Meter sinken, wären zum Schutz des Bahndamms Massnahmen zu ergreifen.

Mit Wasser vollgesaugt

Damit sich ein Bahndamm nicht zu stark mit dem gestauten Bachwasser vollsaugt, aufweicht und damit instabil wird, muss der Wasserspiegel gesenkt werden. Dafür werden Rohre durch den Biberdamm verlegt, sodass mehr Wasser abfliesst. Und gegen unerwünscht grabende Biber werden oft Gitter eingebaut, um das Nagetier zu stoppen. Langfristig aber sollen gleisnahe Bäche bei Revitalisierungen möglichst von den Bahndämmen weg verlegt werden.

Erstellt: 07.05.2019, 18:03 Uhr

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