Endlager

Zürich zieht rote Linie für die Nagra

Seit vielen Jahren läuft im Weinland die Debatte darüber, wo das Tor zum Endlager gebaut würde. Die Nagra schlägt dabei einen Standort zum zweiten Mal vor – obwohl der Kanton Zürich diesen schon einmal klar abgelehnt hat.

Blick auf das Gebiet Isenbuck-Berg im Vordergrund, im Hintergrund rechts ist Benken zu sehen, links ein Stück des Rheins.

Blick auf das Gebiet Isenbuck-Berg im Vordergrund, im Hintergrund rechts ist Benken zu sehen, links ein Stück des Rheins. Bild: Heinz Kramer

Seit Mai ist der Winterthurer Martin Neukom (Grüne) als Baudirektor auch für das Endlagerdossier zuständig. Zwei der drei in der engeren Auswahl stehenden Standortregionen liegen hauptsächlich im Kanton Zürich – das Unterland und das Weinland. Voraussichtlich 2022 gibt die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) bekannt, wo sie das Endlager für die radioaktiven Abfälle bauen will.

Seit seinem Amtsantritt als Regierungsrat fordert Neukom: Keine atomaren Anlagen über dem Grundwasser. Doch beim Thema Endlager ist Grundwasser nicht gleich Grundwasser – es gibt wichtige und weniger wichtige Vorkommen. Das zeigt die seit Jahren andauernde Diskussion um die Platzierung des oberirdischen Tors zum unterirdischen Endlager. In der Anlage werden die in Castorbehältern herantransportierten radioaktiven Abfälle in die kleineren Endlagerbehälter umgepackt.

Auch Winterthur betroffen

Erst im Frühling machte die Nagra einen Standortvorschlag für das Tor zum Endlager, den die Baudirektion des Kantons Zürich ablehnt – nicht zum ersten Mal (Vorschlag D auf Karte). Die Bundesbehörden und die Nagra hingegen sehen kein Problem darin, selbst über sehr wichtigen Grundwasservorkommen nukleare Anlagen zu bauen.

Um diese aktuellen, neu aufgebrochene Meinungsverschiedenheit zu verstehen, muss man in die jüngere Vergangenheit zurückgehen. Im Jahr 2012 machte die Nagra erste Standortvorschläge für den Bau des Tors zum Endlager im Weinland. Die Vorschläge A und D auf der Karte, die links respektive westlich der grün markierten Linie liegen, befinden sich im strategischen Interessengebiet Trinkwasserversorgung. Kern dieses Gebiets ist der mächtige Rheingrundwasserstrom, der für den Kanton Zürich von grösster Wichtigkeit ist. Auch Winterthur besitzt dort das Recht, das Grundwasser zu nutzen. Etwa im Jahr 2035 soll sogar eine Wasserpipeline bis nach Winterthur gebaut werden.

Im Mai 2012 schrieb der Kanton zu den beiden Standortvorschlägen im Interessengebiet: «Der Nutzungskonflikt mit dem Grundwasserschutz ist schwerwiegend.» Wegen möglicher Beeinträchtigung wichtiger strategischer Trinkwasserreserven seien die Vorschläge der Nagra ungeeignet. Auch die Weinländer Regionalkonferenz lehnte daraufhin alle Vorschläge ab, sei es wegen des Grundwassers, der Nähe zu Siedlungen oder der Sichtbarkeit in der Landschaft. Die Nagra musste in der Folge alternative Vorschläge für den Bau des Tors liefern.

Auch Randgebiete schützen

Fürs weitere Verständnis wichtig ist, dass das vom Kanton Zürich festgelegte strategische Interessengebiet Trinkwasserversorgung grösser ist als der eigentliche Rheingrundwasserstrom. Damit will der Kanton auch die Zuströmgebiete schützen, also jene Randgebiete, von denen aus Grundwasser in Richtung des Rheingrundwasserstroms strömt respektive sickert.

Wohin sickert das Wasser?

Wegen der Kritik legte die Nagra 2013 in einer Zusatzrunde neue Standortvorschläge für das Tor zum Endlager vor, die nicht mehr innerhalb des strategischen Interessengebiets lagen. Dazu gehörte auch jener im Gebiet Isenbuck-Berg nordwestlich von Marthalen (C auf der Karte). Dieser Standort, wo auch der Hinkelstein als Mahnmal gegen das Endlager steht, galt lange Zeit als gesetzt. Doch weil dieser Ort sehr nahe an der Grenze des strategischen Interessengebiets Trinkwasserversorgung liegt, verlangte die Weinländer Regionalkonferenz mit Unterstützung des Kantons zusätzliche Untersuchungen der dortigen Grundwassersituation.

Diese Abklärungen durch die Nagra ergaben ein neues, überraschendes Ergebnis: Unter dem Standortvorschlag Isenbuck-Berg (C) wurden zwar neue Grundwasservorkommen entdeckt (3 und 4 auf der Karte). Doch diese Vorkommen sind laut der Nagra nicht mit dem Rheingrundwasserstrom (1) und damit auch nicht mit dem strategischen Interessengebiet Trinkwasserversorgung verbunden. Das bedeutet, dass im allerschlimmsten Fall, etwa bei einem nicht beherrschten Brand im Tor zum Endlager, verseuchtes Löschwasser unterirdisch nicht direkt in dieses Gebiet sickern würde.

Kanton machte Kompromiss

Ursprünglich lehnte der Kanton das Tor zum Endlager als nukleare Anlage über jedem nutzbaren Grundwasservorkommen ab, in der Fachsprache Gewässerschutzbereich Au genannt. Damit sind also auch Vorkommen ausserhalb des strategischen Interessengebiets Trinkwasserversorgung gemeint, auf der Karte ebenfalls als blaue und hell orange Fläche eingezeichnet.

Doch nach den ersten Nagra-Standortvorschlägen, die alle über Grundwassergebieten lagen, führte der Kanton 2012 die Unterscheidung zwischen unterschiedlich wichtigen Grundwasservorkommen ein: das sehr wichtige strategische Interessengebiet Trinkwasserversorgung zum einen und die weniger wichtigen übrigen Gewässerschutzbereiche Au.

Dies sei, sagte ein Kantonsvertreter damals, «im Sinne eines Kompromisses, als Handbietung» zu verstehen. Denn beim Bau des Tors zum Endlager seien Interessenkonflikte fast unvermeidbar – eine Lösung sei nur mit Kompromissen möglich. Im Klartext: Der Kanton duldete den Nagra-Standortvorschlag C, da dieser zwar über einem neu entdeckten, aber weniger wichtigen Grundwasservorkommen liegt.

Grundwasser vs. Sichtbarkeit

Doch im Mai 2019 schlug die Nagra überraschend den alten Standort D zum zweiten Mal vor, obschon dieser im strategischen Interessengebiet Trinkwasserversorgung liegt. Die Nagra begründet den erneuten Vorschlag mit ihren Grundwasseruntersuchungen, welche die Regionalkonferenz verlangt hatte. Diese Untersuchungen hätten gezeigt, dass auch das Grundwasservorkommen im Oberboden-Schotter (2 auf Karte) nicht direkt mit dem Rheingrundwasserstrom (1) verbunden sei. Denn dieses Vorkommen liege höher als der mächtige Grundwasserstrom und sei von diesem nach unten abgetrennt.

Zwar bevorzugt die Nagra weiterhin den Bau des Tors zum Endlager am Standort C über dem neu entdeckten Grundwasservorkommen 3 und 4. Doch wegen dieses Vorkommens könne sie die Gebäude der Anlage weniger tief in den Untergrund bauen, sodass sie von Marthalen und Benken stärker sichtbar wären – daher ihr neu-alter Vorschlag D, der von den Dörfern aus weniger gut zu sehen wäre.

Und was meint der Kanton Zürich dazu? Diesmal bleibt er bei seiner Linie und bietet keinen Kompromiss beim Grundwasserschutz an. Die von der Nagra ins Feld geführte fehlende unterirdische Verbindung zwischen dem Oberboden-Schotter (2) und dem Rheingrundwasserstrom (1) sei nicht zweifelsfrei erwiesen, die Trennung beruhe nur auf Indizien. Der Kanton bleibt also dabei: Er lehnt den von der Nagra wieder ins Spiel gebrachte Standortvorschlag D weiterhin klar ab.

Erstellt: 14.11.2019, 17:49 Uhr

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