Embrach

«Sprechende Bücher» in der Bibliothek

Ein Genussmensch, eine Transfrau, eine geflüchtete Frau aus Eritrea, ein vielseitiger Politiker, ein Bachelorette-Kandidat und eine Schweizer Muslimin erzählten in der Embracher Bibliothek aus ihrem Leben.

Im kleinen Kreis erzählten ungewöhnliche Persönlichkeiten aus ihrem Leben.

Im kleinen Kreis erzählten ungewöhnliche Persönlichkeiten aus ihrem Leben. Bild: Paco Carrascosa

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«Willkommen in der lebenden, lebendigen Bibliothek», hiess es am Donnerstagabend in Embrach. Zwanzig Personen fanden sich ein, um sich in die Gedankenwelt eines Menschen einzulassen, mit dem man im normalen Alltag nie oder nur selten in Berührung kommt. Als «lebendige Bücher» sassen in der Runde drei Personen aus dem Embrachertal, nämlich als Genussmensch der Ölproduzent Nicola Di Capua, der vielseitige Politiker Erhard Büchi, sowie Levin Schneider der durch die Sendung «Bachelorette» bekannt geworden war. Die anderen drei Personen stammen aus dem Raum Zürich.

Als erste berichtete Esin aus ihrem vielschichtigen Leben. Die Muslima ist in der Schweiz geboren und aufgewachsen und fühlt sich dennoch nicht restlos zugehörig. Kulturelle Unterschiede zu ihrer türkischen Herkunft führen ihr vor Augen, dass sie oft zwischen den Kulturen hin und her gerissen ist. Die Suche nach ihrer eigenen Identität ist das zentrale Thema der jungen Frau, die in dritter Generation in der Schweiz lebt.

«Manchmal spüre ich den Schmerz noch heute.»Nicola Di Capua

Die Eritreerin Senait berichtete von ihren Erfahrungen als Flüchtlingsfrau. Seit zwölf Jahren lebt die Mutter zweier Kinder in der Schweiz und musste mitunter durch eine harte Schule. Erst als sie den F-Ausweis, der ihr gewisse Sicherheit bot, bekam, wurden die Umstände besser. Senait musste lernen, sich gegen Menschen abzugrenzen, die sich vordergründig als Freunde ausgaben. Ein Prozess den sie eindrücklich schilderte. Durch ihre Erfahrungen will sie anderen helfen, sich zurechtzufinden.

Von ganz anderen Sorgen und Freuden berichtete Mona, die Transfrau in der Runde. Sie, die früher als Mann lebte, geht konsequent ihren Weg. Rückschläge oder Vorurteile können sie nicht beirren.

Nicola Di Capua, der Genussmensch, berichtete, wie er aus Italien in die Schweiz kam und wie ihn die Drohungen einer Lehrerin verfolgten, weil er Linkshänder war. «Manchmal spüre ich den Schmerz noch heute», bekannte er. Dennoch machte er sich einen Namen als Ölproduzent und schuf das Teatro Di Capua, das weit über die Region bekannt ist. «Ich bin mit meinem Leben zufrieden, so wie es ist», sagte er.

Bachelorette und Raiffeisen

Erhard Büchi, Gemeindepräsident und ehemaliger Präsident einer Genossenschaftsbank, erzählte wie die Bank als kleine Organisation jahrelang nur einem bestimmten Personenkreis bekannt war. «Durch die wirtschaftlichen Umwälzungen und Fehler der international agierenden Grossbanken, mauserte sich die Raiffeisenbank allmählich zu einer ernst zu nehmenden Grösse», berichtete Büchi. 26 Jahre gehörte er der Bankenleitung an. Beruflich machte er Karriere als Seminarleiter und wusste es zu schätzen, wenn in den Luxushotels die Technik in den Seminarräumen ebenso gut funktionierte wie der aufmerksame Service.

Levin Schneiders Leben, Studium und Arbeit auf einer Bank, hatte kaum etwas gemeinsam mit dem Werdegang der anderen Erzählenden, es verlief bisher glatt. Dennoch faszinierte der junge Mann durch seine offenen Worte, wie er mit 21 Kandidaten öffentlich am TV um die Bachelorette buhlte. «Es war eine interessante Erfahrung die mein Leben bereicherte», hielt er fest.

Nur wenig Publikum

Beim anschliessenden Apéro kamen die Menschen miteinander ins Gespräch, Gedanken wurden vertieft und eventuelle Irrtümer ausgeräumt. «Schade, dass nur wenig Publikum den Weg hierher fand», bedauerte Roland Zehnder, Ressortvorsteher Gesellschaft der Gemeinde Embrach, welche zusammen mit dem Verein JASS den Anlass organisierte. «Vielleicht sind die sprechenden Bücher noch zu wenig bekannt», mutmasste er. Trotzdem war es für alle beteiligten ein inspirierender Abend, mit Einblicken in die Gedankenwelt von Menschen, die man sonst nie gehabt hätte.

Erstellt: 15.11.2019, 15:46 Uhr

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