Embrach

Starpädagoge schwer beschuldigt

Den renommierten ­Pädagogen Jürg Jegge ­belasten seit gestern schwere ­Vorwürfe. Ein ehemaliger Schüler beschreibt in einem Buch jahrelangen sexuellen und psychischen Missbrauch.

Jürg Jegge soll jahrelang Schüler missbraucht haben: Markus Zangger (links) und Hugo Stamm präsentierten gestern im Volkshaus ihr Buch.

Jürg Jegge soll jahrelang Schüler missbraucht haben: Markus Zangger (links) und Hugo Stamm präsentierten gestern im Volkshaus ihr Buch. Bild: Keystone

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Der Lehrer, Buchautor und Liedermacher Jürg Jegge hat die ­moderne Volksschule geprägtwie kein anderer Schweizer. Als Lichtgestalt der alternativen Schulformen war er massgeblich für den Durchbruch der 68er-Pädagogik verantwortlich.Seit gestern ist der inzwischen 73-jährige Jegge mit schweren Vorwürfen konfrontiert. Ein ehemaliger Schüler beschreibt in einem heute erscheinenden Buch, wie Jegge ihn während Jahren sexuell und psychisch missbraucht haben soll. «Jürg Jegges dunkle Seite – die Übergriffe des Musterpädagogen» lautet der Titel des gestern in Zürich präsentierten Buchs. Der Autor, Markus Zangger, ist heute 58 Jahre alt.

Die darin beschriebenen Übergriffe gehen auf die Zeit von 1971 bis 1986 zurück und sind nicht erwiesen. Für eine juristische Aufarbeitung ist das zu lange her. Jegge selbst war gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Gegenüber TeleZüri sagte er, er wolle zuerst das Buch lesen.

Für den Inhalt bürgt nebst dem renommierten Wörterseh-Verlag der Journalist und Sektenexperte Hugo Stamm, welcher den Autoren beim Verfassen des Texts unterstützte. Auf 167 Buchseiten beschreibt Zangger seine Beziehung zu Jegge: wie er als Zwölfjähriger in dessen Sonderschule bei Embrach kam und von diesem während Jahren regelmässig miss­braucht worden sei.

Die «Therapie»

Zentral war bei den Missbräuchen demnach Jegges eigene ­Behandlungsmethode, die er «Du­reschnuufä» nannte: Vordergründig diente sie dazu, die angebliche sexuelle Verklemmung der Sonderschüler zu lösen, weil sie zu psychischen Leiden führe.

«Zuerst sass Jegge nur am Bettrand, um mich zu berühren», schreibt Zangger. «Später legte er sich nackt neben mich und forderte mich auf, gemeinsam mit ihm zu onanieren.» Zu dieser Zeit war er 13-jährig, Jegge 28 Jahre alt. Manchmal habe der Lehrer bei ihm «nachgeholfen».

Ihm sei diese «Therapie» peinlich gewesen, so Zangger, aber er suchte den Fehler bei sich: «Ich war nicht nur dumm und musste die Sonderschule besuchen, ich war auch schüchtern und verklemmt, ging es mir durch den Kopf.» Er habe keine andere Wahl gehabt, als zu hoffen, dass «mir Jürg helfen konnte».

Die «Therapien» hätten nach Ende der Schulzeit weiterhin stattgefunden, auch in Zanggers Erwachsenenalter, als er mit seiner späteren Ehefrau Doris zusammen war, die von alldem nichts wusste. Erst 15 Jahre später habe er sich ganz von Jegge lossagen können, schreibt Zangger. Selbst danach habe dieser «seine Tentakel» nach ihm ausgestreckt: Jegge machte Doris ein Jobangebot, welches sie annahm.

Nähe zu Schülern war bekannt

Jürg Jegge erlangte mit dem 1976 erschienenen Buch «Dummheit ist lernbar» Bekanntheit. Darin kritisiert er das damalige Schulsystem radikal, weil es Schülerin ein Schema presse, anstatt sie individuell zu fördern. Das Buch wurde 200 000-mal verkauft. Weitere Bücher folgten, Jegge kam in Zeitungen, im Radio, im Fernsehen. Der deutsche «Spiegel» nannte ihn den «neuen Pestalozzi».

Die Vorwürfe stehen im krassen Gegensatz zum bisher bekannten Bild von Jegge. Klar ist, dass dieser oft eine enge Beziehung zu seinen Schülern aufbaute. Sie besuchten ihn bei ihm zu Hause, manche nahm er nachweisbar auf Ausflüge und sogarin den Urlaub im Ausland mit.

«Es war offensichtlich, dass da etwas ablief», sagt Co-Autor Hugo Stamm. Die Behörden hätten ­Jegge Auflagen für seinen privaten Umgang mit Schülern gemacht, aber nicht ausreichend: «Die Schulbehörden haben ihre Verantwortung nicht wahrgenommen», sagt Stamm.

Zum Buch ist es nun gekommen, weil Zangger nach dem Tod seiner an Krebs erkrankten Frau begann, Tagebuch zu führen. Erst da sei ihm bewusst geworden, wie sehr ihn die verdrängten «Therapien» belasten. Das Buch sei keine Abrechnung, sagt Zangger, sondern es soll anderen Opfern Mut machen zu reden.

Der Angeschuldigte wird darin nicht konfrontiert. Stamm begründet den Umstand damit, dass man ihm keine Plattform für Entkräftungen habe bieten wollen.

Brief als Beweismittel

Als Beweis dient den Autoren erstens, dass Zangger von vier weiteren Missbrauchsgeschichten ehemaliger Mitschüler wisse. Zweitens richtete Jürg Jegge im Mai 2015 einen Brief an Zangger, als er von dessen Recherchen erfuhr. Der Brief ist im Buch abgedruckt und lässt sich durchaus als Geständnis lesen. Jegge benennt darin zwar keine Handlungen explizit, er thematisiert aber sexuelle Kontakte zwischen Kindern und Erwachsenen und fragt Zangger: «Wie hast du das alles erlebt? Hast Du, habt Ihr den Eindruck, dass das Dir, Euch geschadet hat?»

Heute würde er «so etwas» ­wegen der allgemeinen Ablehnung nicht mehr unternehmen, schreibt Jegge weiter. Doch damals sei es um eine Befreiung von Zwängen gegangen, und diese sei eben eher zu erreichen gewesen, wenn auch der Körper und seine Sexualität befreit wurden. Dasses dabei auch um seine eigenen, also Jegges «Zärtlichkeitsbedürfnisse» ging, sei nicht falsch, sondern sogar wichtig gewesen.

Jegge führt ins Feld, dass solche Ideen während der 70er- und 80er-Jahre in einem grossen Teil des politisch rot-grünen Spektrums diskutiert und ausprobiert worden seien. In der Tat erin-nert das an die Pädophilie-Debatte der Grünen in Deutschland ab 2013.

Gegen Ende des Briefs zeigt sich Jegge auch selbstkritisch: «Ob das deswegen alles falsch war, weiss ich nicht. Vieles von dem, was ich einmal für richtig gehalten habe, hat sich später als falsch herausgestellt.»

Erstellt: 04.04.2017, 21:53 Uhr

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