Brütten

Zu gut kommt nicht immer gut an

Am Samstag zog das Stallrock-Festival Freundeder ­Rockmusik auf den Buchsächer. Für Spannung sorgte der Bandwettbewerb, in dem sich fünf ziemlich unterschiedliche Nachwuchsformationen vorstellten.

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Wann habe ich das zum letzten Mal erlebt? Als die deutsche Fussball-Nationalmannschaft gespielt hat vielleicht. «Eigentlich sind sie ja gut, aber sie haben es nicht verdient zu gewinnen», so das harte Verdikt der fünfköpfigen Jury. Und ich sitze als Jurymitglied mittendrin. Wir sind beim Stallrock-Festival in Brütten. Soeben haben fünf Schweizer Nachwuchsbands ihr Bestes gegeben; mal mehr, mal weniger professionell – und das ist genau die Crux. Die stilistisch teilweise sehr unterschiedlichen Gruppen spielen um einen Auftritt im Salzhaus mit 400 Franken Gage.Den etwas undankbaren, ausgelosten Auftakt müssen Kodact aus Zürich machen. Sie nennen sich eine Pop-Rock-Funk-Band und spielen an diesem Abend die softeste Musik. Wenn man die Augen zumacht, meint man, die Red Hot Chili Peppers seien irgendwie verfremdet worden. Öffnet man die Augen wieder, sieht man, dass Sänger Michael Goldberg sich wie Anthony Kiedis von der Vorbildband bewegt. Ihre Eigenkompositionen, die zum Beispiel «Books» heissen und die sie als Lyric Videos zum Mitlesen auf Youtube stellen, sind musikalisch anspruchsvoll. Vor den noch wenigen Zuhörern auf dem offenen Hof Buchsächer werden die fünf Musiker nicht richtig warm – oder ihnen fehlt wirklich noch an Bühnenroutine.

Ganz anders gehen es In the Need of Redemption («erlösungsbedürftig») aus Frauenfeld an. Ihr Metal-Punk stellt keine Fragen. Sie seien alle ein bisschen taub, erzählt Sänger Godot der Moderatorin Alina Dekker vor dem Auftritt, deshalb hiessen sie früher «Die tauben Nüsse». Eine gewisse Originalität kann man den vier nicht absprechen, zumindest äusserlich. Sie sind das volle Kontrastprogramm zum sensiblen Vortrag von Kodact. Dem Publikum gefällts; leichte Ansätze von Pogo in der ersten Reihe.

Im Verlauf des Abends wird es voller auf dem Stallrock-Hof, aber für den Aufwand, den Initiant Peter Hungerbühler (Bild) mit seinem OK-Team geleistet hat, hätten es auch mehr als die schätzungsweise zweihundert Gäste ohne die Aktiven sein dürfen. Der Eintritt ist frei. «Das ist so eine Sache mit der Grösse», erklärt der Vereinspräsident, «bei Festivals gibt es die Low-Budget-Variante und die ganz Grossen mit einem Riesenaufwand. Bei 400 Leuten wären wir am Anschlag.» Die Kosten werden unter anderem aus der Bewirtung gedeckt. «Man gibt das Geld lieber an der Bar aus.» Für die fiktiven zehn Franken Eintrittsgeld bekommt man eine Bratwurst und ein Bier.

Der Brüttemer Landwirt macht selbst Blues-Rock in der Band Purple Lights. Seit 2010 stellt er alle zwei Jahre das Stallrock-Festival mit dem Bandcontest auf die Beine. Ebenso organisiert der Verein den Riderock als musikalischen Bikertreff am Love-Ride. Im September steht wieder die All-in-Party der Nachwuchssektion auf dem Programm.

Der Einsatz der Dorfjugend ist Hungerbühler ein wichtiges Anliegen, er bindet bewusst Junge in die monatlichen Vereinssitzungen ein. «Eine Bar zu organisieren oder einen Sponsor anzufragen, das ist auch eine Lebensschule», räsonniert er. Mit den helfenden Händen hat er seit Freitagmittag das Festival aufgebaut. Eine Bühne mit Tontechniker und professioneller Beleuchtung bis hin zur Nebelmaschine ist da. Dazu ein Rahmenprogramm mit einer hoch­karätigen Bluesband wie John Lyons und seine Mannen, die den routinierten Einheizer gemacht haben. Mit ihren ersten lässigen Gitarrenriffs fiel auch von Peter Hungerbühler die letzte, aber kaum sichtbare Spannung ab. Er griff zum Cüpli und freute sich über seine Wunschband, die er als Letztes gebucht hatte, als die Finanzierung durch Sponsoren auf sicheren Füssen stand.

Inzwischen ist die Luzerner Gruppe Max Bailey parat. Wieder ein ganz anderer Sound, der Vergleich mit 77 Bombay Street macht die Runde. Sie werden mit viel Vorschusslorbeeren angekündigt, zu Recht, wie sich zeigt. Diese vier jungen Männer wissen, was sie wollen. Schon nach wenigen Takten bezieht Bassist und Sänger Ueli Zimmermann die Brüttemer ein. Sie präsentieren Airplay-fähige Klänge und Softrock mit Feuerzeugpotenzial. Alles sehr glatt, mainstreamig und mit bester Bühnenpräsenz.

Das Trio The Shattered Mind Machine überrascht wiederum mit einem souveränen Auftritt, man hört und sieht den Zürchern gerne zu. Ihre Spielfreude, ihr «schmutziger Rock» steckt an. «Ihr seid geili Sieche», tönt es folgerichtig aus dem Publikum. Da hat es Walter Calls Ambulance aus Benken zum Abschluss nicht leicht, auch wenn sie als einzige eine Sängerin aufbieten. Mit Alternative Metal versprechen sie Sex für die Ohren. Das klingt gut – aber der Sound weniger. Für Musikalität gibt es Abzüge in der B-Note.

Die Stunde der Juroren ist angebrochen, während sich das australische Rockduo Powder for Pidgeons parat macht. Die Gesichter sind ernst. Eigentlich weiss jeder, dass Max Bailey für ihren professionellen Auftritt die höchste Punktzahl erreicht haben. Trotzdem mag man den Jungs den Sieg nicht hundertprozentig gönnen, sondern einer amateurhafteren, authentischeren Band eine Förderung zukommen lassen. Nochmals werden die Punkte zusammengezählt und eine andere Gewichtung der Kategorien wie Performance, Songs und Publikumsreaktion erwogen. Aber die Regeln sind klar, auch wenn bei diesen fünf Bands Äpfel und Birnen verglichen werden: Sieger nach Punkten werden Max Bailey, die sich in Winterthur dem Salzhaus-Publikum vorstellen dürfen.

(Landbote)

Erstellt: 12.06.2016, 20:13 Uhr

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