Aadorf

Eine Statue für den Durchschnitt

Statuen sind den Mächtigen und Reichen vorbehalten. Nicht so jene der Aadorferin Hildegard Kissling: Sie repräsentiert in Bern die Schweizer Bevölkerung.

Die Aadorferin Hildegard Kissling neben ihrem Abbild. Zwischen Duttwiler, Dimitri und Iris von Roten soll sie das Volk vertreten.

Die Aadorferin Hildegard Kissling neben ihrem Abbild. Zwischen Duttwiler, Dimitri und Iris von Roten soll sie das Volk vertreten. Bild: zvg / Bruno Augsburger

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Bern, Waisenhausplatz, unweit des Bundeshauses: Carla del Ponte, Alfred Escher, Gottlieb Duttweiler, Johanna Spyri, Polo Hofer, sie alle haben sich hier versammelt. Das Treffen ist etwas hölzern, handelt es sich bei den historischen Persönlichkeiten doch um Statuen aus massivem Schweizer Holz. Die Ähnlichkeit mit den prominenten Modellen ist jedoch verblüffend, im Nu erkennt man die prägenden Figuren der Schweizer Geschichte. Nur bei einer Statue stutzt man. Es ist jene der Aadorferin Hildegard Kissling. Geboren 1950, steht auf dem Sockel. Kissling? Selbst Historiker legen ihre Stirn in tiefe Falten.

Ganzes Umfeld mobilisiert

Das liegt daran, dass die 67-Jährige nicht berühmt ist. Auf die Frage, was das Aussergewöhnlichste an ihr ist, antwortet die gelernte Telefonistin: «Ich habe bereits 124 Mal Blut gespendet, ansonsten bin ich ganz normaler Durchschnitt.» Eine der insgesamt 20 Statuen sollte genau das vermitteln: Vom Volk, fürs Volk, den Durchschnitt repräsentierend. Die Statuen sind Teil der Kampagne Woodvetia von verschiedenen Verbänden der Holzbranche und dem Bundesamt für Umwelt. «Kauft mehr Schweizer Holz», würden die Holzfiguren wohl sagen, wenn sie denn nicht stumm wären. (siehe Box).

Hildegard Kissling aus Aadorf neben ihrem hölzernen Ebenbild aus Berner Bergulme im Atelier des Künstlers Inigo Gheyselinck. Bild: zvg/Bruno Augsburger

Kissling nahm an einem Wettbewerb teil, nachdem sie einen Aufruf in der Pendlerzeitung 20 Minuten gesehen hatte. Auf dem Foto umarmt sie herzhaft einen Baum. «Ich nehme sehr oft an Wettbewerben teil, deshalb habe ich mitgemacht.» Sie gewinnt auch regelmässig, bereits dreimal Gratisferien, ab und zu Haushaltsgeräte. Eine Jury zählte Kisslings Foto zu den zehn besten. Die Leserinnen und Leser von «20 Minuten» konnten den Gewinner via Online-Abstimmung küren. Kissling: «Unter den zehn Nominierten war auch ein Kind, das zu Beginn klar in Führung ging. Ich mobilisierte auf Facebook und über Whatsapp meine Freunde und Verwandten, um jeden Tag einmal für mich abzustimmen.» Sie schrieb ihre Verwandten und Bekannten weltweit an, in Australien, den USA und Namibia. Am Ende der Abstimmung Ende September hatte sie sich einen Viertel aller Stimmen gesichert und gewann.

Sechs Stunden lang grinsen

Die Skulpturen stammen vom Künstler Inigo Gheyselinck der in Turgi (AG) ein Atelier betreibt. Kissling liess ihren Körper in Zürich dreidimensional scannen und musste insgesamt sechs Stunden für ein Tonmodell ihres Kopfes stillhalten. «Es war ziemlich anstrengend, so lange in der gleichen Position zu grinsen», sagt sie. Eine CNC-Maschine fräste anhand des Tonmodells aus einer Berner Bergulme die groben Züge der Aadorferin aus. Künstler Gheysekinck nahm dann den letzten Schliff von Hand vor. Kissling war überwältigt, als sie ihre hölzernen Zwillingsschwester zum ersten Mal begegnete. «Genial, die sieht ja aus wie ich», sagte Kissling, die regelmässig im Wald Nordic Walking betreibt. Auch am Halbmarathon in Winterthur oder dem Frauenlauf Bern hat die aktive und humorvolle Rentnerin schon teilgenommen, die seit 17 Jahren in Aadorf wohnt und seit 1985 mit Peter Kissling verheiratet ist. Kinder hat das Ehepaar keine, dafür jetzt eine Statue. Diese steht zusammen mit den 19 weiteren noch bis am Donnerstag auf dem Berner Waisenhausplatz, danach soll sie während der Frühlingssession im Bundeshaus platziert werden, auch in Basel und Bad Ragaz wird sie ausgestellt. Was danach mit ihr passiert, weiss Kissling noch nicht: «In meiner Stube hat es auf jeden Fall nicht viel Platz für sie.» (Landbote)

Erstellt: 13.11.2017, 17:24 Uhr

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