Weisslingen

Cricketspieler kam 6000 Kilometer zu Fuss

Der Flüchtling Nawroz Jabarkheel spielt im Schweizer U19 Cricketteam mit. Der Trainer kommt aus Weisslingen. Die Mannschaft hat einen grossen Traum.

Cricketspieler Nawroz Jabarkheel in Pfäffikon.

Cricketspieler Nawroz Jabarkheel in Pfäffikon. Bild: Marc Dahinden

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Mit fünfzehn kam Nawroz Jabarkheel als Flüchtling in die Schweiz. «Zwei Jahre lang habe ich hier nach einer Cricket Mannschaft gesucht, vergeblich», sagt der 19-jährige Afghane. Er wohnte damals bereits in der Genossenschaft Lindenbaum in Pfäffikon, in der Wohn- und Ausbildungsstätte für junge Leute.

Nur durch Zufall bemerkte seine Betreuerin, dass Nawroz gerne Cricket spielen würde. Sie vermittelte ihm den Kontakt zu Patrick Henderson in Weisslingen, dem Trainer der U19 Cricketmannschaft. Am ersten Samstag nach dem Anruf in Weisslingen ging Nawroz zum Training.

Cricket wird schweizerisch

Cricket erlebt in Mitteleuropa derzeit einen Aufschwung. Gestern und vorgestern traf sich in St. Moritz die Weltelite des Crickets zu einem Turnier. Als Stadion diente der gefrorene St. Moritzersee. Das Turnier im Oberengadin wird Cricket weiter bekannt machen. Seit 2018 ist Cricket eine von Swiss Olympic anerkannte Sportart.

«In Deutschland hat sich die Zahl der Cricketspieler durch die Flüchtlinge aus Afghanistan verdoppelt»

Wegen des britischen Einflusses auf ihr Land spielen viele Afghanen begeistert Cricket. So wie Nawroz. «In Deutschland hat sich die Zahl der Cricketspieler durch die Flüchtlinge aus Afghanistan verdoppelt», sagt Henderson. In seiner Schweizer U19 spielen drei Afghanen. Einer davon ist Nawroz, ein wichtiger Spieler in der Mannschaft.

Letzten November verstauchte sich Nawroz den Fuss, ausgerechnet beim Mattenlauf. Der Unfall kam zum ungünstigsten Zeitpunkt, wie Nawroz erzählt. Er wollte als Sponsorläufer am Kyburglauf teilnehmen. Die U19 brauchen Geld für ihren Traum.

Cricket-Ticket in die Karibik

Die Lehrlinge und Bewohnerinnen im Lindenbaum zeigten sich nun voll solidarisch. Fünf von ihnen liefen statt Nawroz im Kyburglauf mit und sammelten 1 700 Franken.

Eine der Hauptstädte des Cricketsspiel ist das ehemals britische Barbados. Die Schweizer U19 hatte laut Henderson das Glück, dass sie für ein Turnier auf die Karibikinsel eingeladen wurde. Die Teilname kostet die Mannschaft rund 15 000 Franken, sagt Trainer Henderson: «9000 Franken haben wir schon zusammen». Im Frühling organisiert die U19 am Genfersee eine Marathonwanderung und hofft laut Henderson, so die Kasse weiter zu füllen.

Zu Fuss durch Vorderasien

Nawroz träumt, wie er sagt, kaum von der Karibik — aber davon, an einem internationalen Cricket Turnier teilzunehmen, davon, sich mit Teams aus der ganzen Welt zu messen. Wenn er tatsächlich nach Barbados fliegt, dann hat er einen weiten Weg über Kontinente hinweg hinter sich.

Ich orientierte mich am Müll, den Flüchtlinge vor mir zurückgelassen hatten»

Nawroz Familie floh vor dem Terror und dem Krieg in Jalalabad in Ostafghanistan nach Peschewar in Pakistan. Vor allem dort lernte Nawroz das Cricketspiel. Beidseits der Grenze leben Paschtunen, eine Volksgruppe, der auch Nawroz’ Familie angehört. Dennoch wurden die afghanischen Flüchtlinge diskriminiert. Nawroz’ Eltern gaben ihrem Sohn Geld für die Flucht in die Schweiz.

Es reichte bis in den Iran, erzählt Nawroz. Mithilfe eines Kollegen gelangte er in die Türkei, wo er drei Monate in einer Metallfabrik arbeitete. Der magere Fabriklohn brachte ihn bis nach Budapest. Die ganze Strecke lief der 15-Jährige zu Fuss, durch Steppen und Wälder. «Ich orientierte mich am Müll, den Flüchtlinge vor mir zurückgelassen hatten. Es waren damals viele Menschen unterwegs», sagt Nawroz. «In Ungarn hatte ich dann vier Tage lang nichts zu esssen. Schliesslich bin ich in den Zug gestiegen und in die Schweiz gefahren.»

Drei afghanische Freunde

Das Training bei Patrick Henderson gefiel Nawroz auf Anhieb. Ausserdem traf er dort die zwei anderen Afghanen des Teams, die seine Freunde wurden. Alle drei sind Bowler (Werfer): «Ihre Würfe sind unglaublich schnell», sagt Henderson.

Nawroz kann sich nicht mehr erinnern, warum er die Aufgabe des Bowlers in der Cricketmannschaft übernommen hat: «Das hat sich so ergeben». Auch die Erinnerungen an die ersten Jahre in der Schweiz scheinen schon verblasst. Nur ein erster Eindruck bleibt unvergessen: «Es regnet so schön in der Schweiz.» (Der Landbote)

Erstellt: 09.02.2018, 18:42 Uhr

Cricket

Cricket funktioniert ähnlich wie Baseball. In den Ländern des ehemaligen britischen Empires ist es eine der beliebtesten Mannschaftssportarten. Heute haben Länder wie Indien, Pakistan und sogar Barbados im Cricket mit der alten Kolonialmacht gleichgezogen.

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