Porträt

Ein Leben für das selbstbestimmte Sterben

Bis zu zehn mal pro Woche gibt Jakob Riediker grünes Licht für eine Freitodbegleitung mit Dignitas. An ein Jenseits glaubt der 80-jährige Hausarzt aus Effretikon nicht. Seine Zeit im Diesseits nutzt er deshalb so gut wie möglich.

Der Effretiker Hausarzt Jakob Riediker streitet nicht ab, ein Workaholic zu sein. Frei nimmt er sich nur, um Zeit für seine Dignitas-Patienten zu haben.

Der Effretiker Hausarzt Jakob Riediker streitet nicht ab, ein Workaholic zu sein. Frei nimmt er sich nur, um Zeit für seine Dignitas-Patienten zu haben. Bild: Madeleine Schoder

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Die feine Linie zwischen Leben und Tod manifestiert sich in Jakob Riedikers Praxis als Patientenliege: Wer darauf Platz nimmt, dem rettet er das Leben, oder macht es ihm zumindest angenehmer. Wem aber ein Dossier gewidmet ist, das er unter dieser Liege in einer Aktenschublade aufbewahrt, der gehört zu den Sterbewilligen. Während die meisten Menschen finden, der Tod komme immer zu früh, empfinden diese Patienten den Abschied vom Leben als Erleichterung. Wann es soweit ist, legen sie selber fest. Mit Datum und Uhrzeit. Doktor Riediker hilft ihnen dabei.

Grünes Licht fürs Sterben

Seit bald 15 Jahren arbeitet der Effretiker Arzt mit dem Verein Dignitas zusammen. Deren Motto «menschenwürdig leben, menschenwürdig sterben» bezeichnet er auch als persönliches Leitmotiv für die Ausübung seines Berufes. Die Suizidhilfeorganisation schickt ihm Dossiers von Patienten, die an einer unheilbaren Krankheit leiden und ihr Dasein als nicht mehr lebenswert empfinden. Riediker ist zuständig für die Beurteilung der Krankheitsgeschichte. «In den allermeisten Fällen stimmt die Diagnose und es wurde bereits alles Therapeutische versucht, keine Chance auf Heilung oder Linderung.» Und dann gibt er grünes Licht für die Freitodbegleitung durch Mitarbeitende von Dignitas, in Spitzenzeiten bis zu zehn mal pro Woche.

«Sobald meine Asche verstreut ist, soll ein grosses Sommerfest für alle Verwandten und Freunde organisiert werden.»

«Nein, ein Leben nach dem Tod gibt es sicher nicht», sagt der Arzt, der rein optisch auch als Darsteller des Alpöhis im Heidifilm eine gute Figur machen würde. Im Gegensatz zum Alpöhi ist er jedoch stets gut gelaunt, seine Augen leuchten, er lacht und scherzt. Was ist für ihn das Wichtigste im Leben? Jetzt grummelt er doch ein wenig wie der Alpöhi in seinen wilden, grauen Bart. Lange Pause. «Man soll etwas Vernünftiges tun, etwas, zu dem man ja sagen kann.»

Von früh bis spät in der Praxis

Seinen Lebenssinn hat er in der Arbeit gefunden. Der Prototyp eines Machers. Trotz seinen 80 Jahren denkt er nicht ans Aufhören. «Das wäre doch stinklangweilig.» Noch immer empfängt der Allgemeinpraktiker jeden Wochentag von früh bis spät Patienten, widmet sich danach oft bis Mitternacht der Schreibarbeit und öffnet selbst am Samstagmorgen seine Praxis. «Mehr als einen Patienten pro Viertelstunde dürfen mir die Arztgehilfinnen aber nicht einschreiben.» An zwei Halbtagen lässt er sich vertreten, denn sonst hätte er nur am Wochenende Zeit für seine Dignitas-Patienten.

Wer von ihm grünes Licht bekommen hat, kann sich jederzeit bei Dignitas melden, wenn er sein Leben endgültig nicht mehr ertragen will. Das kann eine halbe Woche oder Jahre später sein. Rund zwei Drittel meldet sich gar nie mehr, lebt weiter oder stirbt dann doch eines natürlichen Todes. Bevor seine Patienten durch Dignitas in den Freitod begleitet werden, müssen sie ihn für zwei Gespräche treffen. Jeder Schritt wird dokumentiert.

Beim ersten Termin beurteilt er, ob die Krankheitsgeschichte mit der Person übereinstimmt, ob sie urteilsfähig ist und ob sie sich unabhängig für den Suizid entschieden hat. Der Arzt erklärt dem Patienten ausführlich, wie eine Freitodbegleitung abläuft. Beim zweiten Gespräch geht es vor allem darum, offene Fragen zu klären. Wer nicht mehr sprechen kann, kommuniziert mittels technischer Hilfsmittel, etwa mit einem Sprachcomputer.

Suizidversuche verhindern

«Fast alle fragen, ob sie ganz bestimmt nicht reanimiert werden.» In Deutschland werde ein solcher Wunsch trotz Patientenverfügung oft ignoriert. «Der Patient darf dort einfach nicht sterben.» Ein Grossteil der Sterbewilligen komme deshalb aus dem nördlichen Nachbarland, aber auch aus anderen Staaten, in denen Freitodbegleitungen verboten sind. Das Schweizer Strafgesetzbuch lässt Beihilfe zum Selbstmord zu, solange dies nicht aus eigennützigen Motiven geschieht. «Andernorts wird vielen Menschen das Recht verweigert, menschenwürdig und auf sichere Art zu sterben», sagt Riediker. Durch seine Arbeit mit Dignitas verhindere er Suizidversuche, die bei Laien in drei Viertel der Fälle auf der Notfallstation enden würden – meist mit zusätzlichen Schäden. «Manchmal, leider nur sehr selten, kann ich mit meiner Beratung dem Patienten das Weiterleben erleichtern.»

«Fast alle fragen, ob sie ganz bestimmt nicht reanimiert werden. In Deutschland wird ein solcher Wunsch trotz Patientenverfügung oft ignoriert. Der Patient darf dort einfach nicht sterben.» 

Was bleibt von einem Menschen, wenn er stirbt? «Nur die Auswirkungen von dem, was er im Leben gemacht hat», sagt Riediker. Er spricht gerne darüber, was er aufgebaut hat, was er geleistet hat. In den 70er-Jahren, kurz nach Eröffnung seiner eigenen Praxis in Effretikon, habe er regelmässig bis zu 120 Stunden pro Woche gearbeitet. Heute besitzt der Arzt mehrere Liegenschaften in der Region und zudem Ferienhäuser auf Mallorca. Seine Ferien nutzt er, um die Häuser in Schuss zu halten. Ist er ein Workaholic? «Ja, das könnte man schon so sagen.»

Das leistungsorientierte Denken hat er als Jugendlicher vom Vater übernommen. Dieser betrieb eine mechanische Werkstatt, bewirtschaftete nebenbei 100 Obstbäume und hielt Geissen. Wenn «Köbi» nicht im Gymnasium war, dann fütterte und molk er die Tiere. Die Wochenenden und Ferien verbrachte er in der väterlichen Werkstatt. Hobeln, Fräsen, Schleifen, Bohren. «Ich habe alles gemacht, was ein Mechaniker auch macht.» Als er nach dem Medizinstudium das Staatsexamen als einer der besten seines Jahrgangs ablegte, habe der Vater gefragt, ob er sich nicht ein bisschen mehr Mühe hätte geben können.

Keine Angst vor dem Tod

Wenn er eines Tages selber die feine Linie zwischen Leben und Tod überschreitet, werden nicht nur seine Häuser bleiben. Er wird auch eine Ehefrau, acht Kinder und elf Enkel hinterlassen. Angst vor dem Tod habe er keine, sagt er. Sein Testament hat er bereits verfasst. «Sobald meine Asche verstreut ist, soll ein grosses Sommerfest für alle Verwandten und Freunde organisiert werden.» Eine Abdankung in der Kirche will er nicht, ausgetreten ist er schon lange.

Verheiratet ist er zum zweiten Mal. Vier Kinder hat er von der ersten Frau, geschieden ist er schon lange. «Ihr hat es nicht gepasst, dass ich so viel gearbeitet habe.» Seine Ex-Frau komme aber immer noch gerne zu Familientreffen. Mit seiner zweiten Frau ist er bis heute verheiratet. Sie arbeitet an zwei bis drei Tagen pro Woche als Arztgehilfin in seiner Praxis, wohnt aber nicht mit ihm zusammen. «Wenn sie hier ist, sind wir beide am Arbeiten.» Ihre Freizeit verbringe sie ohne ihn.

Auf Äusserlichkeiten gibt der Arzt nicht allzu viel. Wer seine Praxis betritt, fühlt sich in die 70er-Jahre zurückversetzt. Die meisten Möbel habe er gebraucht gekauft und nie ersetzt. «Warum sollte ich auch?» Nur das Labor sei auf dem neuesten Stand. «Kaum eine andere Allgemeinpraxis deckt ein so breites Spektrum an qualitätskontrollierten Analysen ab.»

Er geht zur Patientenliege, holt einen Brief, humpelnd. Zu viel in den Bergen «umegcheibet» sei er in seiner Militärzeit. Ein Knie ist bereits operiert. «Das andere kommt dann auch mal noch.» Das Schreiben in seinen Händen stammt von einem anderen Effretiker Arzt. Dieser bittet die Kollegen am Platz, seine Patienten zu übernehmen, weil er in Pension geht und keinen Nachfolger gefunden hat.

«Ein Leben nach dem Tod gibt es sicher nicht.»

Riediker fühlt sich verpflichtet, jeden Patienten anzunehmen. Und ein bisschen fühlt er sich auch unersetzlich. Die Suche nach einem Nachfolger hat er aufgegeben. Es gebe kaum mehr Ärzte, die als Einzelkämpfer eine Allgemeinpraxis in einer Kleinstadt übernehmen und so intensiv wie er arbeiten wollen. «Die Jungen haben alle das Gefühl, eine 40-Stunden-Woche wäre ungefähr richtig.»

Das letzte Medikament

Wenn er den Sterbewilligen für das letzte Gespräch gesehen hat und alle Bedingungen erfüllt sind, stellt Riediker ihm ein Rezept aus. Für ein sehr stark wirkendes Narkosemittel. Dignitas-Mitarbeitende holen das Medikament in der Apotheke ab, damit es nicht in falsche Hände gerät. Dann bereiten sie den lebenssatten Patienten auf seine letzte Reise vor. «Sie nehmen sich dafür viel Zeit und machen das sehr sorgfältig und gewissenhaft», sagt er. Wer das Narkotikum nicht mehr auf üblichem Weg einnehmen kann, dem werden technische Hilfsmittel zur Verfügung gestellt. In jedem Fall muss der Patient jedoch selbst veranlassen, dass das Mittel in seinen Körper gelangt. Innert weniger Minuten schläft er für immer ein. Dann kommen Kantonspolizisten, ein Gerichtsmediziner und ein Staatsanwalt, um die Legalität des Prozederes zu überprüfen.

Ein bis zwei Mal pro Woche scheidet auf diese Weise einer von Riedikers Patienten aus dem Leben. «Nur so kann ich ihnen als begreifender Arzt noch helfen.»

Erstellt: 24.08.2017, 16:34 Uhr

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