Wila

Ein Idealist macht Fäkalien fruchtbar

Jojo Linder vertreibt mit seiner Firma Kompost-Toiletten und will so wortwörtlich die Erde verbessern. Das Geschäft mit dem Geschäft wächst rasant.

Firmengründer Jojo Linder aus Wila hatte die Idee für heimelige Kompotoi-Toiletten.

Firmengründer Jojo Linder aus Wila hatte die Idee für heimelige Kompotoi-Toiletten. Bild: Marc Dahinden

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Beim Spielplatz Schochen in Wila steht ein spezielles WC-Häuschen aus Holz. Gespült wird darin nicht mit Wasser, sondern mit einer Kelle voller Sägespäne. Ein Blick in die Schüssel zeigt: Das stille Örtchen wird rege genutzt. Ein ordentlicher Haufen liegt da unten. Dennoch stinkt es nicht nach Fäkalien. Und es kommt noch besser, wie der Erfinder dieses Systems, Jojo Linder, erklärt: Der gärende Inhalt ist ein wertvoller Rohstoff. Er landet nach seiner Weiterbehandlung als natürlicher Dünger auf Feldern. Darauf gedeihen Pflanzen, die wiederum gegessen werden. Der Kreislauf schliesst sich.

Damit erfüllt das System einen Grundsatz der Permakultur, auf die sich Jojo Linder spezialisiert hat. Der 34-Jährige lebt diese, wo immer das möglich ist. So hat er bei sich zu Hause einen Lehrpfad über Wildbienen eingerichtet, um damit aufzuzeigen, dass ein Leben in nachhaltigen Kreisläufen möglich ist. Seit drei Jahren wohnt er mit seiner Familie in einem alten Bauernhaus in Wila und ist schon Präsident des örtlichen Naturschutzvereins geworden. Die Familie wollte auf dem Land leben, aber nicht weiter als eine Stunde von Zürich weg ziehen.

Auftritt im Fernsehen

Momentan hat Linder wenig Zeit für die Wildbienen. Die Kompost-Toiletten erfordern mehr Aufmerksamkeit. 2016 gründete er mit dem Umweltingenieur Marcos Garcia Tomé die Firma Kompotoi. Nach einer längeren Entwicklungsphase vergrössert sich das Geschäft rasant. Seit Anfang Jahr konnten sie neue Filialen in Basel, Bern und Graubünden eröffnen. Nächstes Jahr wollen sie in die West- und Ostschweiz expandieren. 500 Stellenprozente konnte die junge Aktiengesellschaft im vergangenen Jahr anbieten. Ende dieses Jahres könnten es doppelt so viele sein. Verschiedene Medien berichteten bereits über die junge Firma, die für eine zusätzliche Expansion auf der Suche nach Investoren ist. Sie hat deshalb an der Sendung von TV24 für Startups teilgenommen, die ab 21. Mai ausgestrahlt wird.

Angefangen hat alles in Indien. Jojo Linder beobachtete dort als Entwicklungshelfer, wie eine Firma Kompost-Toiletten aufstellte. Als er zurück in die Schweiz kam und vor einem mobilen Plastik-Chemie-WC stand, dachte er sich: «Das kann es doch nicht sein.»

Den ersten Auftrag erhielt er von einem Bekannten, der für einen Anlass mit rund 500 Leuten eine mobile Toilette suchte.

Den ersten Auftrag erhielt er von einem Bekannten, der für einen Anlass mit rund 500 Leuten eine mobile Toilette suchte. Jojo Linder und sein heutiger Geschäftspartner improvisierten und bauten aus Täfer eine erste Kiste. Die Idee kam bei den Gästen gut an. Es brauchte aber noch einiges, bis daraus die heutigen Toiletten entstanden. Vor allem musste ein besseres Trennsystem für Urin und Fäkalien her. Denn die Toilette ist nicht ganz vergleichbar mit einem herkömmlichen Plumpsklo, wo sich beides vermischt und dann in einem abgeschlossenen Behälter zu stinken beginnt. Ein wichtiger Faktor bei Kompotois ist zudem der Einstreu. Zu den Hobelspänen wird etwa Biokohle beigemischt, die CO2 im Boden speichern soll. Das Prinzip ist unter dem Namen Terra preta bekannt, was soviel wie schwarze Erde bedeutet. Sie ist besonders nährstoffreich und kommt hauptsächlich in von jahrhundertelang von Menschen bearbeiteten Böden im Amazonas-Gebiet vor.

Auch finanziell nachhaltig

«Wir wollen mit unseren Toiletten bessere Erde machen», sagt Jojo Linder. «Mit dem kompostieren von Ausscheidungen könnte man einen grossen Teil des Düngerbedarfs in der Schweiz abdecken.» Es wären weniger Importe nötig. Dem Idealisten mit Strohut ist aber auch wichtig, dass sein Projekt finanziell nachhaltig ist. «Ich bin überzeugt, dass man Wirtschaftlichkeit mit Sinnvollem verbinden kann», sagt er.

Der gelernte Elektriker konnte bereits mit 23 Jahren erste Erfahrungen als Geschäftsleiter sammeln. Nachdem er in einem Zürcher Skateboardladen im Verkauf gearbeitet hatte, konnte er die Filiale später führen. Nebenbei arbeitet er zudem für das Projekt Gorilla der Schtifti Foundation zur Gesundheitsförderung von Jugendlichen («mehr Uga Uga im Leben!»). An einer Universität studieren wollte er hingegen nie. «Ich war nicht so gut in der Schule.»

Erstellt: 08.05.2019, 16:49 Uhr

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