Bauma

Wo Trachten auf neue Menschen warten

Seit rund einem Jahr betreibt das Heimatwerk Züri Oberland in Bauma eine Trachtenbörse. Die Occasionstrachten stammen meist aus Hinterlassenschaften und sind vor allem bei jungen Menschen beliebt.

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Zeig mir was du trägst und ich sag dir, wer du bist: Bei kaum einem anderen Stück Stoff scheint dieser Satz besser zu passen als bei der Tracht. Sie ist ein Code zum Überziehen. «Früher hatte jede Region eine andere Tracht», sagt Markus Dobrew, Geschäftsführer vom Heimatwerk Züri Oberland in Bauma, das sich für den Erhalt der Handweberei einsetzt.

Doch diese Prachtzeiten sind vorbei. Waren die Trachten in den 80er- und 90er-Jahren noch populär, schwindet die Verbreitung seither. «Es ist eine Nische für Liebhaber geworden», sagt Dobrew. Für diese Liebhaber wurde es deshalb immer schwieriger, ihre begehrten Stücken zu finden. Nur alle paar Jahre organisierte die Zürcher Trachtenvereinigung eine Börse. «Der Aufwand war denn auch immer sehr gross, all diese Trachten zu transportieren», sagt Dobrew.

Nicht auf ältere fokussiert

Deshalb hat das Baumer Heimatwerk vor gut einem Jahr im ehemaligen Lagerraum, einem über 150-jährigen Keller, eine fixe Börse mit rund 100 Trachten eingerichtet. «Wir wollten den Keller sowieso gerade umbauen und so ist ein würdiger Ort für die Trachten entstanden», sagt Dobrew. Im Trachtenkeller finden sich auch noch handgewebte Trachtenstoffe sowie der gesamte Fundus der Zürcher Trachtenvereinigung, den das Heimatwerk in Obhut nehmen durfte. «Dieser besteht unter anderem aus zahlreichen Hinterlassenschaften», sagt Dobrew. Viele Nachkommen würden sie nicht mehr anziehen, aber auch nicht wegwerfen wollen. «Denn es steckt eine enorm hohe Wertigkeit und wahnsinnig viel Handarbeit dahinter.» Viele würden sie gratis abgegeben, damit sie in guten Händen landen. «Viele Leute schätzen es, dass nun ein Ort existiert, an dem man sich darum kümmert und ein Austausch mit Gleichgesinnten stattfinden kann.»

Es sind vor allem junge Leute, die in der Trachtenbörse stöbern, sagt Dobrew. «Das hat mit dem Generationenwechsel zu tun.» Viele seien interessiert, möchten aber nicht gleich eine Tracht für bis zu 5000 Franken massschneidern lassen. «Es sind Leute, die damit tanzen oder jodeln gehen. Aber auch Zünfter, die sich fürs Sechseläuten eindecken.» Die meisten seien nicht so trachtenaffin. Auch die steigende Beliebtheit des Oktoberfests und der damit verbundene Dirndl-Trend sind Gründe: «Einige wollen lieber mit einer hiesigen Tracht ans Fest gehen und kaufen deshalb bei uns ein.» Die Trachtenbörse ist auch ein wenig Mittel zum Zweck, denn mit der Zeit steigen die Begehrlichkeiten: «Und dann lässt man sich eine eigene Tracht schneidern oder kauft Zubehör.» Ältere Generationen seien indes nicht die Hauptzielgruppe: «Die machen vieles selber.»

Auf Spurensuche

In Bauma werden die Trachten bei der Annahme ganz genau angeschaut und wenn nötig ergänzt. «Wir fühlen uns dem traditionellen Trachtenwesen und dem Erhalt dieses Wissens verpflichtet», sagt Dobrew. Denn: «Es gibt sehr spezifische Ausprägungen an einer Tracht und wir versuchen herauszufinden, woher sie stammt und ob sie korrekt erhalten geblieben ist.» Dazu nimmt das Heimatwerk jeweils Kontakt mit den kantonalen Trachtenkommissionen auf. Es ist ein bisschen wie bei einem Oldtimer, der auf seine Originalteile untersucht wird.So muss der Rock bei gewissen Trachten etwa eine halbe Handbreite über die Schürze hinausragen. Mittlerweile sind im Kanton Zürich Trachten aus der ganzen Schweiz zu finden, weil die Mobilität innerhalb der Schweiz zugenommen hat.

Das Heimatwerk fertigt auch neue Trachten an, die sich an den traditionellen Vorbildern orientieren. «Dabei lernen wir auch von der Machart der alten Trachten.» Zwar sei die Genossenschaft bereits über 90-jährig, damit das Wissen erhalten bleibe, müsse aber immer wieder im Archiv nachgeschaut werden. «Dieses Traditionelle gilt es zu respektieren und zu bewahren», sagt Dobrew. Eine Tracht habe sich erst über mehrere Generationen hinweg entwickelt. «Das macht die Kraft der Tracht aus.» Man sehe etwa auf Bildern, dass Andere das Gleiche schon vor über hundert Jahren angehabt hätten. «Ich reihe mich damit in etwas ein und fühle mich dabei wohl. Das strahlt eine Kraft aus, die fasziniert.»

Der Trachtenkeller in Bauma wird demnächst weiter umgebaut: Der Öltank im Keller soll weichen. «Dann haben wir noch mehr Platz für die Trachten», sagt Dobrew. Abgesehen von den Trachten orientiert sich das Heimatwerk bei seinen Produkten aber in die weite Welt hinaus. So werden an den Handwebstühlen in Bauma etwa Kindertragetücher für eine Schweizer Firma produziert, die ihre Produkte nach Dubai und San Francisco verkauft.

Erstellt: 18.03.2019, 17:16 Uhr

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