Bauma

«Foto-Ernst» lässt seine Schätze ziehen

Fritz Ernst hat sein Fotofachgeschäft in Zürich verkauft. Auch das Lager in Bauma löst er auf. Fotografin Nicole Gerber nutzt das Inventar für eine Kunstaktion und entdeckt dabei Perlen.

Das Lager in Bauma von Fritz Ernst ist für Freunde der analogen Fotografie ein Eldorado. Nicole Gerber rettet Fotoartikel vor dem Entsorgen.

Das Lager in Bauma von Fritz Ernst ist für Freunde der analogen Fotografie ein Eldorado. Nicole Gerber rettet Fotoartikel vor dem Entsorgen. Bild: Johanna Bossart

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Foto», «Foto», steht in Grossbuchstaben an der grauen Fas­sade am Industriegebäude in Bauma. Fritz Ernst nutzte eines der Stockwerke als Lager und Verkaufsstelle für Fotografie-Zubehör. Mit den Jahren ist eine Art Museum daraus geworden. Fotografen finden hier Teile, die es sonst nirgendwo mehr gibt: alte, mechanische Kameras etwa, die schwer in der Hand wiegen und klicken und surren, wenn man auf den Auslöser drückt. Alles in den Regalen ist pingelig geordnet, vieles säuberlich mit Nummern oder Preisen beschriftet.

Nun wird das gemietete Lager ausgeräumt. Denn das Fotofachgeschäft Foto-Ernst gibt es nicht mehr. Der weit über 80-jäh­rige Inhaber Fritz Ernst hat sein ­Geschäft in Zürich an der Badenerstrasse mitsamt Inventar verkauft.

Vorträge, Filmabende, Kurse

Ein grosser Teil der Sammlung kommt dadurch nach langer Zeit wieder unter die Leute. Denn die Kamerafrau und Fotografin Nicole Gerber macht aus dem «Foto-Ernst» ein Kunstprojekt. Vor drei Jahren hat sie Fritz Ernst in Zürich kennen gelernt und blieb seither mit ihm in Kontakt. Wie viele andere Fotografen war sie begeistert von seinem Laden. «Jeder wollte da hin­ein», sagt sie. Bevor Ernst sein Geschäft verkaufte, bewarb sie sich bei der europäischen Kunstbiennale Manifesta, mit der Idee, das ehemalige Fotofachgeschäft in ­eine Wunderkammer für analoge Foto­grafie zu verwandeln. Mit Erfolg. Vom 11. Juni bis 18. September sollen nun dar­in mit Erlaubnis der neuen Besitzer Vorträge, Super-5-Filmabende und Kurse in analoger Fotografie stattfinden. Zudem werden Perlen aus dem Inventar aus Zürich und Bauma ausgestellt. Ein Teil dieser «Foto-Schätze» wurde ­bereits an drei Flohmärkten in ­Zürich verkauft, wie Jürg Hauser sagt. Er ist Projektleiter der Kunst­aktion und ehemaliger Orga­nisator des Freestyle.ch. Die Leute seien teilweise über zwei Stunden lang angestanden, sagt er. «Das Interesse war riesig.» Ziel sei es, möglichst viele der Gegenstände unter die Leute zu bringen und sie damit vor der Entsorgung zu retten. Der ­Erlös aus den Verkäufen fliesse in die Kunstaktion.

Begeisterte Fotografen

Das Lager in Bauma ist schon zu einem grossen Teil ausgeräumt. Rund ein Dutzend Fotografen und Fotografinnen helfen am Montagabend dabei mit, Foto-Artikel in Kisten zu verpacken, um sie nach Zürich zu fahren. Die Aufregung ist bei allen Beteiligten spürbar. Während des Gesprächs mit Nicole Gerber kommen immer wieder Fotografen vorbei und zeigen ihr besondere Trouvaillen. «Jedes Stück ist ein Bijou», ruft ein Fotograf hinter einem Gestell hervor und präsentiert dann eine hochwertige Tragtasche mit Lederüberzug. Eine Kunstfotografin aus Rappers­wil freut sich über altes Fotopapier und einen Glas-Diaviewer. Sie sei auf der Suche nach Geräten, die einen speziellen Effekt auslösen, sagt sie. Viele der Artikel, wie ­etwa ein grosses mechanisches Vergrösserungsgerät, sind heute allerdings kaum mehr zu gebrauchen und zu reinen Liebhaber­objekten geworden.

Und was ist mit dem ehema­ligen Besitzer Fritz Ernst? Dem gehe es gut, sagt Jürg Hauser. Er habe sich gefreut, als er gesehen habe, dass so viele sein Werk schät­zen und sich für die ana­loge Fotografie interessieren. Im Jahr 2011 führte Ernst den «Zürcher Oberländer» durch das Lager in Bauma. Auf die Frage des Journalisten, wie es mit seiner Sammlung nach seinem Tod weitergehe, habe er mit einem Lächeln geantwortet: «Das geht mich dann nichts mehr an.» (Landbote)

Erstellt: 19.04.2016, 21:54 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Landboten digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!