Naturparkprojekt

Mehr Aufträge, aber auch Frust

Die Pläne für einen Naturpark im Zürcher Oberland polarisieren. Wie sieht es in den bereits bestehenden Naturpärken Gantrisch und Schaffhausen aus? Bewohner und Nachbarn haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht.

Der Naturpark Schaffhausen soll nächstes Jahr mit 13 Gemeinden definitiv in Betrieb gehen.

Der Naturpark Schaffhausen soll nächstes Jahr mit 13 Gemeinden definitiv in Betrieb gehen. Bild: Renato Bagattini / zvg

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Die Idee klingt eigentlich harmlos und hat doch bereits eine entschlossene Gegnerschaft: ein Naturpark im Zürcher Oberland. Es sei Standortförderung. Der Park biete Chancen für das Gewerbe, die Landwirtschaft, den Tourismus. So lauten die Argumente der Befürworter. Ihre Vision ist ein Naturpark in 13 Gemeinden von Turbenthal über Hofstetten bis Bäretswil. Die Gegner befürchten Auflagen, Einschränkungen und Einbussen. An einem Podium in Hinwil brachten sie kürzlich ein Beispiel aus dem Berner Naturpark Gantrisch vor. Die dortigen Landfrauen hätten unter dem neuen Label beim Guetsliverkauf eine Umsatzeinbusse von drei Millionen Franken hinnehmen müssen. Wie gestaltet sich das Leben als Parkbewohner tatsächlich? «Ich muss sagen, ich merke schon einen Unterschied», sagt Barbara Bitterli, Mitglied der Gantrischfrauen und Guetslibäckerin.

Mit den Aufträgen kamen auch mehr Vorschriften

Seit neun Jahren verkauft Bitterli ihre Produkte über die Frauengruppe. Während der Weihnachtszeit bringen 22 Frauen jeweils gut vier Tonnen «Güezi» an Frau und Mann. Seit 2012 befindet sich der Naturpark Gantrisch in seiner zehnjährigen Betriebsphase, seit dann können sich Produzenten aus dem Gebiet für das Naturparklabel berwerben.

Kam es tatsächlich zu Einbussen? «Nein, das glaube ich nicht», sagt Bitterli, die ihre Guetsli unter dem Label verkauft. Es hätten zwar nicht alle Frauen mitgemacht, aber einen Rückgang habe sie nicht festgestellt und schon gar nicht in dem Ausmass wie behauptet. Für sie persönlich lohne sich die Vereinbarung. «Die Parkleitung bevorzugt Betriebe mit Label, so erhalte ich mehr Aufträge.» Sie habe gerade 130 Schachteln Guetsli an Swissmilk liefern können.

Das Label bedeute aber auch zusätzlichen Aufwand, sagt die gelernte Köchin, denn es gilt, die Vorschriften einzuhalten. Wer sich bewirbt, muss Buchhaltung, Rezepte und Lieferanten offenlegen und mit Besuchen des Lebensmittelinspektors rechnen. Produkte aus einer Zutat müssen zu 100 Prozent im Park hergestellt werden, gemischte Produkte zu 80 Prozent. «Ich finde das aber richtig», sagt Bitterli.

«Ohne die Parkorganisation hätten wir diese Aufträge kaum erhalten.»Ruth Nussbaum, Landwirtin im Naturpark Gantrisch

Auch Ruth Nussbaum verkauft Lebensmittel unter dem Label des Naturparks Gantrisch. Ihre Familie betreibt einen Bauernhof mit Metzgerei in Wattenwil BE. Mit dem Label könnten sie ihre Wurst- und Fleischwaren neu auch in eine Käserei und in die

regionale Landi liefern. «Ohne die Parkorganisation wären wir kaum an diese Geschäfte gelangt», sagt sie. Ob dank des Labels mehr Leute bei ihnen in der Metzgerei einkaufen würden, könne sie nicht sagen. «Aber es dünkt uns eine gute Sache.» Umstellungen habe es für sie keine gegeben, die meisten Zutaten kommen vom eigenen Hof, die restlichen hätten sie schon vorher regional bezogen.

Lange engagiert, nun ausgeschlossen?

Wer nicht mitmache, dem nütze ein Naturpark nichts, er schade aber auch nicht, lautet ein weiteres Argument der Initianten von Pro Zücher Berggebiet. Landwirt und Alt-Kantonsrat Gottfried Werner aus Beggingen SH widerspricht dieser Aussage.

Im letzten Jahr schrieb der Naturpark Schaffhausen zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft Kulturlandschaft Randen und der Vereinigung der Randenbauern einen Wettbewerb für die bunteste Buntbrache aus. Werner ist langjähriges Mitglied in beiden Organisationen. Die Gemeinde Beggingen und damit auch Werners Buntbrache gehören jedoch nicht zum Gebiet des Naturparks. Die Teilnahme am Wettbewerb wurde ihm verweigert. Ihm selbst mache das nichts aus, sagt Werner, aber es verärgere ihn, dass die Mitgliedschaft in anderen Organisationen anscheinend nichts mehr zähle. «Seit Jahrzehnten setze ich mich auf dem Randen für die Natur ein und jetzt wollen plötzlich andere bestimmen.»

Zuerst dagegen, dann Chancen entdeckt

Einen Sinneswandel hat die Gemeinde Buchberg SH hinter sich. Zuerst verwarf der Gemeinderat das Projekt, dann änderte er seine Meinung und im letzten Dezember stimmte die Gemeindeversammlung für einen Beitritt zum Naturpark Schaffhausen. Gemeindepräsident Hanspeter Kern sagt, die Präsentation des Projekts zu Beginn habe einfach nicht überzeugt. «Es wurden Sachen vorgestellt, die dann nicht zustande kamen.»

«Auch mit viel Goodwill sehe ich kein Projekt, das nicht auch ohne den Naturpark möglich gewesen wäre.»Pentti Aellig, Präsident SVP Schaffhausen

Im Laufe der Zeit jedoch seien die Chancen, die der Park biete, sichtbarer geworden. «Wir beteiligen uns in der Hoffnung, dass die Leute aus dem Dorf etwas auf die Beine stellen.» Dass ein Naturpark die Strukturen und finanziellen Möglichkeiten habe, solche Initiativen zu unterstützen, sei positiv. Vier Franken pro Kopf und Jahr für die Mitgliedschaft seien zudem nicht weltbewegend. Es gehe auch nicht ums Geld, das verteilt werde, sondern darum, eine Anlaufstelle zu haben. «Vielleicht wären die Projekte auch ohne einen Park möglich, aber wenn niemand etwas anfängt, passiert auch nichts.»

«Alle bezahlen, wenige profitieren»

Anders sieht das Kerns Parteikollege und Präsident der Schaffhauser SVP Pentti Aellig: «Auch mit viel Goodwill sehe ich kein Projekt, das nicht auch ohne den Naturpark möglich gewesen wäre.» Unter den acht abgeschlossenen Projekten sind etwa ein Tourismuskonzept und das Weinbaumuseum Hallau. Am meisten stört Aellig, dass alle Schaffhauser den Park über Steuergelder und den kantonalen Genererationenfonds finanzieren, aber aus seiner Sicht nicht alle profitieren.

2013 hatte die Schaffhauser SVP in einem Positionspapier den sofortigen Abbruch des Projekts gefordert. Die Argumente waren dieselben, die auch die Gegner im Zürcher Berggebiet zitieren: Autonomieverlust, neue Regulierungen, Aufbau eines bürokratischen Apparats.

Es sei zu früh, um zu beurteilen, ob die Befürchtungen eingetroffen seien, sagt Aellig. Der Naturpark Schaffhausen befindet sich im letzten Jahr der vierjährigen Errichtungsphase, 2018 soll er definitiv in Betrieb gehen. Ein positiver Ausgang ist für Aellig nicht komplett ausgeschlossen: «Wenn in drei Jahren alle begeistert sind, sinkt wahrscheinlich auch der Widerstand. Aber es könnte genau so gut in die andere Richtung gehen.»

«Pragmatismus ist wichtiger als Grenzen»

Kommt der Naturpark in den Gemeinden Bäretswil, Bauma, Bichelsee-Balterswil, Eschenbach SG, Fischenthal, Fischingen TG, Hinwil, Hofstetten, Schlatt, Turbenthal, Wald, Wila, Wildberg zustande, würde er pro Kopf und Jahr ungefähr 50 Rappen kosten. Wollte sich jemand wie Landwirt Werner ausserhalb des Parkperimeters an einem Projekt beteiligen, sagt Michael Dubach, Geschäftsführer von Pro Zücher Berggebiet: «Pragmatismus ist mir wichtig.» Man könnte in so einem Fall beispielsweise eine andere Finanzierung diskutieren. «Wir müssen einfach transparent arbeiten.» (Landbote)

Erstellt: 13.03.2017, 20:49 Uhr

Nachgefragt

«Sonst werden wir zu Gegnern»

Pro Natura Gerhard Fischer ist EVP-Kantonsrat und Präsident von Pro Natura Zürich. Ein Park ohne Zugeständnisse an die Natur kommt für ihn nicht infrage.



Die Naturschutzorganisation Pro Natura hat im Jahr 2000 die Naturparkidee schweizweit ­angestossen. Was halten Sie von den Plänen im Zürcher Oberland?
Gerhard Fischer: Wir von Pro Natura sind dem Projekt gegenüber positiv eingestellt, solange es dar­um geht, die Natur zu fördern. Ein Naturpark ist attraktiv.

Die Initianten argumentieren aber vor allem mit der Standortförderung.
Es kann nicht nur darum ­gehen. Sollte es tatsächlich auf reines Marketing hinauslaufen, werden wir uns genau überlegen, ob wir so was unterstützen wollen. Es kann nicht sein, dass die Natur durch Massnahmen der Standortförderung noch mehr unter Druck gerät. Beide Anliegen müssen Hand in Hand gehen.

Was schwebt Ihnen vor?
Im Gebiet des geplanten Naturparks existieren bereits Naturschutzflächen, und auf freiwilliger Basis könnte man noch weitere aufwerten. Es ist klar, dass es keine neuen Gesetze geben wird, aber wir müssen der bedrohten Artenvielfalt Sorge tragen.

Denken Sie denn, dass sich dafür Landeigentümer finden lassen?
Die Landwirtschaft hat unheimlich Angst. Ich habe auch schon Stimmen vernommen, die fordern, dass die Natur in dem Projekt gar nicht vorkommen dürfe. Dann gehören wir aber auch zu den Gegnern. Es wird sicher nicht einfach, die Landwirte ins Boot zu holen. Pro Natura wäre aber auch bereit, ihre eigenen Naturschutzflächen im Gebiet weiter aufzuwerten. Das brächte auch weitere Arbeitsplätze. Grundsätzlich unterschätzt man, welchen Rückhalt Naturschutz in der Bevölkerung geniesst.

Die Gegner argumentieren, dass der Park nur Arbeitsplätze schaffen will, um sich selbst am Leben zu erhalten.
Dabei sind Natur und Biodiversität gerade in der Landwirtschaft so wertvoll. Ich bin selbst Bauer und weiss, wovon ich rede. Auch auf einem kleinen Betrieb ist viel möglich, etwa eine schöne Blumenwiese. Das wird von bäuerlicher Seite gerne unterschlagen und ärgert mich. Es braucht keine riesigen Betriebe und Projekte, um etwas zu erreichen.

Wie will sich Pro Natura im ­Projekt Naturpark einbringen?
Ich selbst bin Mitglied der Begleitgruppe und werde das Projekt so weiterhin unterstützen. Wenn man allerdings plant, uns aussen vor zu lassen, werden wir auf die Gegenseite wechseln. Dann hat das Projekt nichts mehr mit Natur zu tun und könnte auch Kommerzpark heissen.

Also ganz konkret: Wollen Sie mehr Naturschutzflächen?
Mehr Naturschutz ist immer wünschenswert. Aber es braucht nicht immer mehr Flächen, sondern es würde auch viel bringen, die bisherigen Flächen aufzuwerten. Viele haben keine Qualität. Darin könnten wir die Landwirte unterstützen. Es geht nicht dar­um, jemanden unter Druck zu setzen, sondern die Biodiversität zu stützen. Die bisherigen Flächen zu verbessern, wäre ein grosses Plus.

Der Naturpark Gantrisch ist mit 26 Gemeinden bereits seit 2012 in Betrieb. Im Zürcher Oberland wird noch diskutiert. (Bild: Renato Bagattini / zvg)

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