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Samstags gehört die Turnhalle den Teenies

Jugendliche haben wenige Freiräume, besonders auf dem Land. Einer der letzten ist die Turnhalle. Ein ­Besuch des ­Projekts Midnight Sports am vergangenen Samstagabend in Bauma, Turbenthal und Rikon.

Entspannung und Bewegung: Im Eingangsbereich der Turnhalle Berg in Rikon können sich die Jugendlichen erholen, in der Halle Sport treiben.
Entspannung und Bewegung: Im Eingangsbereich der Turnhalle Berg in Rikon können sich die Jugendlichen erholen, in der Halle Sport treiben.
Jonas Gabrieli

Fast niemand will an diesem verschneiten Samstagabend im Januar ins Tösstal reisen. Die S26 nach Bauma ist so gut wie leer. Wer um diese Zeit etwas erleben will, der fährt in die Stadt.

Vier Jugendliche, die in Kollbrunn zusteigen, widerlegen diese These. An den Füssen tragen sie sauber geputzte Sneakers. Sie diskutieren über die aktuellsten Games, in Rikon steigen die Teenager wieder aus. Der Bahnhof ist beleuchtet, ansonsten ist hier um 20 Uhr nicht viel los. Insbesondere für Jugendliche. Die S26 setzt ihre Fahrt fort. Je länger die Reise dauert, desto grösser werden die Schneeberge auf den Feldern.

Auch in Bauma hängen keine Jugendlichen am Bahnhof rum. Es ist wohl zu kalt. Und: Es gibt ein Alternativprogramm. Während der Shuttlebus nach Sternenberg seine Fahrt leer antreten muss, haben sich in der Turnhalle beim Sekundarschulhaus gut zwanzig Schüler der Oberstufe eingefunden. Das Midnight, ein Projekt der Stiftung Idée Sport, die mit Sport präventiv gegen Gewalt und Sucht vorgehen will, findet heute Abend statt.

Bauma: Mit dem Golfschläger in der Hand

Beim Eingang zur Turnhalle, hinter einem zum Tisch umfunktionierten Schwedenkasten, steht die 15-jährige Suria. Sie begrüsst ihre gleichaltrigen Kollegen und kontrolliert, ob sich jeder mit Namen, Geschlecht, Jahrgang und Wohnort in eine Liste einträgt. Die Stiftung erfasst so Statistiken zu den einzelnen Standorten. Im nationalen Durchschnitt besuchten im letzten Jahr 95 631 Jugendliche das Projekt, im Schnitt 41,7 pro Standort. Suria ist ein sogenannter Juniorcoach, sie geht noch zur Schule und arbeitet an diesem Abend für ein kleines Taschengeld im Team mit. Martin Schiller, Projektkoordinator von Idée Sport, sagt: «Midnight ist ein Angebot von Jugendlichen für Jugendliche, sie sollen das Angebot als Teilnehmer oder Coach nach ihren Bedürfnissen gestalten.»

Neben Suria steht Adrian, 22 Jahre alt. Der Student trägt eine blaue Wintermütze mit einem Bommel, seine lockigen Haare schauen darunter hervor, dazu kurze, gelbe Hosen, orange-blaue Nikes und ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift «Coach» auf dem Rücken. Er ist der Abend­leiter. In der Hand hält er lässig einen Golfschläger. «Falls die Teilnehmer sich nicht benehmen», sagt Adrian und lacht. Er schiebt nach, dass er im Geräteraum ein Minigolf eingerichtet habe. In der Turnhalle schiessen sich die Teenager währenddessen mit Bällen ab: Alle gegen Alle. So heisst das Spiel. Die Stimmung ist gelöst und friedlich. Aus den Boxen schallt amerikanische Rapmusik. Nicht immer war es so ruhig: «Als ich vor acht Jahren noch als Teilnehmer dabei war, gab es öfters noch Probleme weil Leute bekifft oder angetrunken waren», erinnert sich Adrian. Er glaubt, dass viele damals noch nicht wussten, was das Midnight sein will, und nur den Jugendtreff kannten.

Elton (12) und Denis (13) sitzen in der Umkleidekabine und ziehen gerade ihre Turnschuhe aus. Später werden sie in der Halle auf ihren Socken rumrutschen. Die Freunde schätzen es sehr, dass sie durch das Projekt einen Ort haben, wo sie Freunde treffen können: «So ist etwas los», sagt Elton.

Die 14-jährige Jenny spielt gerne Fussball, trainiert in einem Verein. Trotzdem treibt sie auch am Samstagabend Sport, «weil es hier cool ist». Ähnlich sehen das ihre Klassenkameradinnen Fllenxa («Zu Hause ist es langweilig») und Sabrina («Am Wochenende ist hier sonst wenig los»). Draussen am Kiosk sitzt Kenny. «Capri-Sonne verkaufe ich am besten», sagt er. Es herrscht striktes Alkoholverbot, Zigaretten dürfen auf dem Gelände nicht geraucht werden. Kaum hat Kenny den Kassenschlager genannt, schlendert Teilnehmer Hugo mit Schweissperlen auf der Stirn zu ihm und kauft eine Tüte mit Fruchtsaft. Als Hugo jedoch mit dem Getränk in die Halle läuft, mass­regelt Kenny seinen Kollegen: «Keine Getränke in der Turnhalle, das gibt Flecken!»

Dominique Hohle beobachtet die Szene. Der 25-Jährige studiert Sport und unterrichtet in Basel. Daneben leitet er seit diesem Sommer das Projekt in Bauma. Dabei geht es vor allem darum, die Leitung an die Jugendlichen abzugeben. Er selber hilft bei Fragen oder wenn ein Gleichaltriger nicht mehr schlichten kann. Die Mithilfe ist beliebt: «Diesen Sommer wollten 16 Teenager bei uns einsteigen.» Wichtig ist Hohle, dass die Jugendlichen sich ausleben können: «Das ist kein Schulanlass.»

Turbenthal: Purzelbäume in der dunklen Discohöhle

Rotes Discolicht projiziert farbige Punkte an die Wand der gegenüberliegenden Mehrzweckhalle in Turbenthal. Es deutet sich bereits an, dass dieses Projekt anders umgesetzt ist als in Bauma. Die Halle ist abgedunkelt, zwei Scheinwerfer erhellen den Raum punktuell. Beim Eingangsbereich liegen Stapel mit Informationsbroschüren über den Konsum von Tabak und Cannabis bereit. Abendleiter Randy Hamilton im leuchtend orangen Shirt steht bei der Eingangstür. Er ist mit seinen 18 Jahren bereits ein alter Hase, arbeitet er doch seit der ersten Oberstufe beim Projekt mit.

Angelique aus der 3. Oberstufe steht hinter der Musikanlage neben den halbmeterhohen Boxen. «Hier aufzulegen, ist eine ziemliche Verantwortung, denn für viele spielt die Musik eine wichtige Rolle in ihrem Leben», sagt sie. Bisweilen habe es aber noch keine Proteste gegeben. Sie legt Rap auf. Im Geräteraum hinter ihr ist es dunkel, Matten sind über Barren gelegt und bilden so eine kleine Höhle. Einzig rote Discolichter beleuchten den Raum. Die Pupillen der Jugendlichen sind aufgrund der Dunkelheit wohl ähnlich gross wie diejenigen der japanischen Manga-Figur, die auf einem aufgehängten weissen Leintuch aufgemalt ist.

Luna und Ambar schlagen auf der grossen Matratze Purzelbäume: «Das Midnight ist eine tolle Abwechslung, sonst gehe ich jeweils zu ihr nach Hause», sagt Luna. Beide schauen fast jede Woche vorbei, Sport treiben sie laut eigener Aussage allerdings selten. Von Purzelbäumen einmal abgesehen.

Das kann man von Josh und Gregory nicht behaupten. Alle paar Sekunden werfen sie Körbe oder versuchen sich im Korb­legen. Regelmässig streift der Ball durchs Netz. Andere streifen mit ihrem Finger über den Touchscreen ihres Smartphones. «Es gibt kein Handyverbot», sagt Andrea Brüngger, Projektleiterin in Turbenthal, und fügt an: «Indem die Jugendlichen Freiheit erfahren, werden sie erwachsen.» Brüngger, die in der Ausbildung zur Primarlehrerin steckt, findet es ein sinnvolles Projekt: «Für viele Jugendliche ist es der erste Arbeitsplatz. Die Teenager lernen dabei, Aufgaben und somit Verantwortung zu übernehmen.»

Rikon: Salto-Korbleger im hellblauen Hemd

In Rikon ist der Eingang zur Turnhalle schnell gefunden. Er leuchtet grün, blau und gelb. Projektleiter Pascal Brunner sitzt ­nahe beim Eingang und sagt: «Im Einzugsgebiet von Rikon fehlt ein Jugendtreff, wir wollen deshalb ein Angebot bereitstellen, das nicht nur die sportlichen Jugendlichen abholt.» Einige Jugend­liche liegen wenige Meter von Brunner entfernt auf Matratzen. Die Gesichter werden vom Display des Handys beschienen.

In der hell beleuchteten Halle schlägt der 13-jährige Livio Saltos und versucht dabei, den Basketballkorb zu treffen. Er trägt ein hellblaues Hemd, den Kragen adrett gefaltet, trotz akrobatischen Luftsprüngen via Trampolin. Sein Outfit widerspiegelt auch seine Interessen: «Ab und zu habe ich Lust auf Sport, dann möchte ich mich wieder ein wenig auf den Matratzen ausruhen, das ist das Tolle hier.» Die Freude an der Freiheit ist auch für Silvan ein wichtiger Grund, um ins Midnight zu gehen: «Ich spiele Handball und Fussball in Vereinen, dort muss ich trainieren, hier kann ich machen, was ich will.»

Das Projekt in Zell hat auch schon unruhigere Zeiten erlebt, in denen zwischen verschiedenen Gruppierungen Streit ausgebrochen war. «Es ist wichtig, Kontakt zu den Schlüsselpersonen herzustellen», sagt Projektleiter Brunner. Damit meint er jene, die regelmässig vorbeischaune. So könne eine soziale Kontrolle unter den Jugendlichen entstehen.

Eine Dreiviertelstunde vor Mitternacht ist das Midnight beendet. Das Team macht sich nun ans Putzen der Halle. Die Teenager aus Kollbrunn, die zu Beginn des Abends in der S26 waren, verabschieden sich von ihren Kollegen und machen sich auf den Weg in Richtung Bahnhof. Draussen warten einige noch auf ihre Kameraden. Um die Wartezeit zu verkürzen, diskutieren sie, ob Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo der beste Fussballer der Welt ist.

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