Bauma

«Wir haben rechtzeitig fusioniert»

Die ehemalige Gemeindepräsidentin von Sternenberg, SP-Kantonsrätin Sabine Sieber Hirschi, zieht nach der Fusion mit Bauma ein positives Fazit. Sie sieht aber auch Nachteile.

Auf den ersten Blick hat sich in Sternenberg nach der Fusion nichts geändert.

Auf den ersten Blick hat sich in Sternenberg nach der Fusion nichts geändert. Bild: Johanna Bossart

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Frau Sieber Hirschi, was hat sich in Sternenberg seit der Fusion Anfang 2015 mit Bauma verändert?Sabine Sieber Hirschi: Oberflächlich gesehen nicht viel. Wenn man durchs Dorf geht, ist alles gleich geblieben. Der Abfall wird abgeholt, das Wasser hochgepumpt und die Steuerformulare kommen in die Haushalte.

Letztere sehen aber anders aus.
Da hat sich tatsächlich etwas geändert. Der Steuerfuss ist tiefer. Die Wassergebühren sind massiv gesunken. Wenn man also nur den schnöden Mammon betrachtet, die Finanzen, dann ist wohl jeder Sternenberger zufrieden.

Gibt es auch negative Folgen?
Man sieht sich weniger, man spürt sich weniger. Die Gemeindeversammlungen fehlen. Ebenso die Zukunftswerkstätten, die vor der Fusionsabstimmung oft stattgefunden haben und stets gut besucht waren. Wir müssen uns jetzt deutlich mehr Mühe geben, um uns zu treffen.

Als SP-Mitglied ist Ihnen Geld wohl weniger wichtig als dersoziale Zusammenhalt. Also überwiegen doch die Nachteile?
Lassen Sie mich kurz ausholen: Ich persönlich hatte im Herbst 2015 ein Aha-Erlebnis, als die Zürcher Gemeinden ihre Budgets für dieses Jahr präsentierten. Die ersten sind damals in den individuellen Sonderlastenausgleich hineingerutscht, der auch Sternenberg geblüht hätte. Finanzschwache Gemeinden beklagten sich lautstark, sie bekämen zu wenig Geld und es laufe schlecht. Das war für mich der Moment, als ich gedacht habe: «Doch, wir haben genau zum richtigen Zeitpunkt fusioniert.»

Sie konnten sich noch eigenständig für eine Fusion entscheiden?
Nein, das nicht. So eigenständig waren wir nicht. Aber wir haben die beantragten und nötigen Gelder vom Kanton noch erhalten. Jetzt wäre das schwieriger. Am Schluss geht es eben doch ums Geld. Denn dieses ist nötig, um als Gemeinde die nötigen Leistungen zu erbringen.

Also wiegen finanzielle Aspekte doch schwerer als das Soziale?
Ja. Für mich schon. Aber ich war als Gemeindepräsidentin auch für die finanzielle Situation Sternenbergs verantwortlich. Jemand ohne politische Verantwortung kann das durchaus anders sehen. Daran haben wir lange gearbeitet: Wir wollten die Leute auch emotional mitnehmen. Es gibt aber heute noch solche, die sagen, wir hätten eigenständig bleiben sollen.

Sind diese auch bereit, die Folgen der Eigenständigkeit zu tragen und mehr Steuern zu bezahlen?
Eher nicht. Es sind zudem weniger jene mit hohen Steuerrechnungen, die so denken.

Gibt es bereits Anstrengungen, die fehlenden Gemeindeversammlungen zu kompensieren und Begegnungen zu fördern?
Ja, die gibt es. Es gab bald nach der Fusion ein Quartierfest. Auch den 1. August feiern wir nach wie vor gemeinsam. Es braucht nun einfach grössere Anstrengungen, damit Begegnungen stattfinden. Das steht und fällt mit Einzelnen.

Das ist in vielen Gemeinden nicht anders. Trotzdem: Ist seit derFusion Identität verlorengegangen? Fühlen Sie sichweiterhin als Sternenbergerin?
Ja, eindeutig. Das wird auch so bleiben. Vielleicht sieht das eine nächste Generation einmal anders. Aber andernorts zeigt sich, dass Orte trotz Fusionen ihre Identität behalten. Ein Beispiel sind Wildhaus und Unterwasser im Toggenburg. Die Frage ist: Wie stark engagieren sich Leute von hier oben in Bauma?

Bislang konnte Sternenberg immer einen Gemeinderat stellen.
Das liegt daran, dass wir momentan jemanden haben, der das machen will.

Wäre es ein Problem, falls das nicht mehr der Fall wäre?
Nein. Es spielt keine grosse Rolle, woher die Gemeinderäte kommen. Die behördliche Ebene ist weniger entscheidend. Wichtiger ist, wie stark sich Privatpersonen aus Sternenberg engagieren oder ob sich auch Vereine zusammenschliessen. Das braucht noch Zeit. Erst wenn das geschehen wird, ist der Zusammenschluss wirklich vollzogen.

Gehen die Sternenberger noch an die Gemeindeversammlung?
Es besteht die Gefahr, dass das etwas einschläft. Prozentual gesehen, ist die Beteiligung der Sternenberger aber nach wie vor hoch. Entscheidend ist für mich aber eine andere Frage: Über was konnten wir in Sternenberg überhaupt noch abstimmen? Wo waren eigenständige Entscheide möglich? In den 20 Jahren, in denen ich im Gemeinderat war, gab es nur wenige solche Beschlüsse. Immer wenn ein Entscheid finanzielle Auswirkungen hatte, mussten wir diesen dem Kanton zur Prüfung vorlegen. Vieles ist zudem gesetzlich vor­geschrieben, etwa die Sanierung eines Schiessstandes.

Ist die Eigenständigkeit kleiner Gemeinden ein Mythos?
Ich denke ja. Zumindest wenn sie finanzschwach sind. Wenn genug Geld da ist, sieht das anders aus.

Ist Sternenberg ein politischlinker Ort geblieben?
Ja, wir haben seit den 80er- und 90er-Jahren viele Alternative und Aussteiger hier oben. Die Abstimmungsergebnisse waren oft ähnlich wie jene in der Stadt Zürich. Auf das waren wir auch ein bisschen stolz. Das ist jetzt leider vorbei. Jetzt werden wir vom bürgerlichen Lager in Bauma überstimmt. Das ist ein Verlust.

Sternenberg ist im Sommer für viele ein Naherholungsgebiet. Ist das ein Szenario für Bauma und das ganze Tösstal?
Wir sind schon auf diesen Weg eingebogen. Pro Zürcher Berggebiet setzt sich dafür ein, dass «Natürli» als Marke nicht nur für Käse steht, sondern auch für hohe Qualität bei Tourismus, Wohnen, Kultur oder Gastronomie. Zurzeit wird zudem an einem Naturpark gearbeitet. Dank diesem könnte man weitere Fördergelder erhalten und Vermarktungsmöglichkeiten gewinnen.

Wären weitere Gemeindefusionen im Tösstal ein Vorteil, um die Region besser zu positionieren?
Es gibt bereits eine starke überregionale Zusammenarbeit mit Pro Zürcher Berggebiet.

Ist eine grosse Gemeindefusion im Tösstal derzeit denkbar?
Das ist momentan kein Thema. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Bauma das vorantreiben würde. Und Bauma spielt zusammen mit Turbenthal dabei eine entscheidende Rolle. Es bewegt sich nur dann etwas, wenn der Kanton weiter Druck macht. Und das wird früher oder später passieren.

Mit gutem Grund?
Ja. Wieso sollen finanzstarke Gemeinden im Kanton so viel Geld in diese Region schütten, wenn man es auch anders organisieren könnte? Die Gemeinde Sternenberg hat über Jahrzehnte profitiert, dass Zürich uns Geld geschickt hat. Nun ist das anders und wir mussten uns bewegen. Nur noch sparen kann für eine Gemeinde keine Perspektive sein. Gute Steuerzahler wechseln den Wohnort, wenn etwa der Strassenunterhalt nicht mehr genügt oder die Schule Leistungen abbaut. Dann wird es schwierig.

Sind die heutigen Strukturenzukunftsfähig?
Bauma hat mit rund 5000 Einwohnern eine gute Grösse. Andernorts, wie zum Beispiel inFischenthal, wird es schwierig.

(Der Landbote)

Erstellt: 09.08.2016, 18:43 Uhr

«Am Schluss geht es eben doch ums Geld.»
Sabine Sieber Hirschi, SP-Kantonsrätin

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