Regionalkultur

Politiker wollen von ihm angegriffen werden

Der Kabarettist Thomas Lötscher alias Veri hinterfragt die Schweizer Bildungspolitik. Dabei legt er sich gern mit «den Grossen» an.

Thomas Lötscher zeigt sein Kabarettprogramm UniVerität.

Thomas Lötscher zeigt sein Kabarettprogramm UniVerität. Bild: D.Kneubühl

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«Alte sollen flexibel sein», sagt Thomas Lötscher, «aber die Unternehmen setzen trotz Fachkräftemangels nur 1,5 Prozent ihres Budgets für diese Arbeitnehmer ein, also gar nichts. Für die Jungen gibt es Ausbildungen, Förderungen und Auslandsaufenthalte zuhauf.» So nimmt der 60-jährige Kabarettist auch die nachkommende Generation ins Visier: Pisastudie, Frühenglisch und Lehrplan 21 sind nur einige Stichworte, die in seinem flotten und an Gags dichten Auftritt fallen. Bissig wird er, wenn er vorschlägt, Schüler sollten nicht mehr Zinsrechnung lernen – da es ohnehin keinen Zins mehr gäbe – sondern das Rechnen am Beispiel von Flüchtlingen in übervollen Booten üben.

Sein hohes Tempo habe er entwickelt, um geschwind über seine «scharfen Schüsse» hinwegzukommen, bevor sich Leute über politisch unkorrekte Formulierungen empören können, sagt er über seine Bühnenfigur Veri. Sind die Zuschauer empfindlicher geworden? «Nein», meint Lötscher, «aber die Aussagen werden übers Internet schneller verbreitet.» Nach einer seiner Jahresrückblick-Vorstellungen sei er wegen der Tierrechte in einem Mail bedroht worden. Als er über Social Media ankündigte, er werde aus dem Leben erzählen, allerdings nicht aus seinem, sondern aus dem der Frauenrechtlerin Jolanda Spiess-Hegglin, ging der Shitstorm schon los, bevor jemand das Programm gesehen hatte. Das Gästebuch seiner Webseite hat er vor einiger Zeit abgeschafft.

Bestechung und Machtmissbrauch

«Beschimpfungen kommen eher aus der rechten Ecke», erklärt er, «denn in der Innerschweiz, wo ich herkomme, ist die Linke praktisch nicht existent.» Er glaube nicht, dass die eine oder andere Seite eine bessere Kultur pflege, die Hassreden fänden nur eher statt als früher. «Ich ziele auf die nationale Ebene, auf die Grossen.» Der Missbrauch von Macht, Bestechungen, gekaufte VR-Mandate, das sind seine Themen, und da solches eher auf der rechten Seite stattfände, kämen von dort auch mehr Reaktionen. «Alles, was ich sage, kann ich mit Beispielen belegen», versichert Lötscher, «und gewisse Politiker, Regierungsräte, freuen sich sogar, wenn sie erwähnt werden, sonst fehlt ihnen was.»

Es überrascht, dass ein Künstler, der 2004 als «Abwart Veri» so schweiztypisch startete, über viele Jahre auch in Deutschland höchst erfolgreich auftrat. Etliche Kabarettpreise konnte er in Österreich und Deutschland entgegennehmen, sogar das Radio RAI Südtirol interviewte ihn zu seinen Auftritten dort. «Der Aufwand war sehr gross und ich habe den Durchbruch nicht geschafft», sagt er selbstkritisch. «Ich konnte in schönen Häusern spielen, aber es kam keine zusammenhängende Tour zusammen.» Daraufhin beschloss er mit seiner deutschen Managerin, «Tschüss Deutschland!» zu sagen.

Sich wehren, wenn etwas nicht passt

Thomas Lötscher hat von seiner Mutter gelernt, sich zu wehren, wenn ihm etwas nicht passe. Sie sei eine starke Frau gewesen, auch ihre Mutter schon: «Wir waren sehr katholisch, doch sogar die Grossmutter sagte, ich habe keines meiner Mädchen ins Kloster gegeben, da konnte ich mich wehren.» Die Familie betrieb eine kleine Autogarage im Entlebuch, dort habe man eigentlich gelernt, dass man nicht viel sage. Dafür habe Solidarität geherrscht, die er heute vermisse.

«Wenn jemand ins Geschäft kam, der kein Geld hatte, da hat man ein Auge zugedrückt.» Nutzniesser hingegen kann er nicht ausstehen. «Natürlich mache ich mich lustig, wenn ein Spitzenmanager der CS eine Abfindung erhält, aber das ist eine private Firma», differenziert er. Wenn sich jemand bei einem öffentlichen Betrieb wie den SBB Vergünstigungen verschaffe, finde er es schlimmer. «Ich würde die Welt sozialer machen, wenn es ginge», sagt er. Damit meine er, nicht auf Sozialhilfebezügern herumzutrampeln, indem man sie beobachten könne – «im Kanton Luzern gibt es mehr Leute, die Steuern hinterziehen» – oder Drogensüchtige anders zu behandeln als Alkoholsüchtige.

Zwei, drei Programmideen wolle er noch verwirklichen, sagt er heute, aber man werde ihn nicht von der Bühne ziehen müssen. Das altersweise Abschlussprogramm habe er noch vor sich, und das werde dann «In Veri veritas» heissen.

UniVerität Freitag, 21. Februar, 20 Uhr, Schulhaus Ritschberg, Elgg. Karten: Fr. 25/Fr. 20 (erm.).www.kulturinelgg.ch

Erstellt: 13.02.2020, 15:27 Uhr

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