Elgg

«Sünde ist kein populärer Begriff mehr»

Auf künstlerische Vielfalt bedacht, präsentiert die Kulturkommission das SEN-Trio aus Zürich.

SEN-Trio: Eine Formation, die sich nicht leicht einordnen lässt. Foto: PD

SEN-Trio: Eine Formation, die sich nicht leicht einordnen lässt. Foto: PD

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Frau Andersen, ich habe ihren Kollegen, den Poeten Jens Nielsen kontaktiert, dann gäbe es noch den Pianisten Hans Adolfsen. Warum hat man jetzt Sie, die Sängerin, vorgeschickt, um mit der Presse zu reden?
Ulrike Andersen: Die anderen fanden, da könnte ich mich noch weiterentwickeln.

Sie wurden nach Ihrem Auftritt an der Künstlerbörse Thun nach Elgg eingeladen. Was meinen Sie, hat der Organisator Hanspeter Herzog in Ihnen entdeckt?
Herr Herzog hat in uns vielleicht das Aussergewöhnliche gesehen, eine Spannbreite von der Opernarie über Jazz und Kurt Weill bis zum selbstkomponierten Choral.

Um was geht es in Ihrem Programm «Der Apfel ist schuld»?
In Kurzgeschichten, Gedichten und Musik behandeln wir das menschliche Scheitern, das in Sünde fallen. Sünde ist kein populärer Begriff mehr, er ist besetzt mit anderweitigen Verfehlungen, die wir aufs Korn nehmen. Menschen sagen im Anschluss an den Abend, so habe ich den Aspekt noch gar nicht gesehen. Sie bedanken sich für diesen Assoziationsspaziergang.

«Menschen sagen im Anschluss an den Abend: ‹So habe ich diesen Aspekt noch gar nicht gesehen.›»

Das Repertoire umfasst klassische, sichere Werte wie Friedrich Hollaender und Joachim Ringelnatz. Viele Kleinkünstler kommentieren hingegen Politisches oder Soziales in eigenen Liedern. Warum Sie nicht?
Der Mainstream von Kleinkunst, der ist kabarettistisch-politisch. Wir sind eher humorvoll-philosophisch drauf und versuchen, dort einzurücken, wo es allen Menschen ein bisschen weh tut. Wir tun das auf drei Ebenen: Mit dem Grimmschen Märchen vom Machandelbaum, in dem ein Vater – nicht wissend, was er da isst – seinen gekochten Sohn verspeist. Mit Jens Nielsens Gratwanderungen als Schriftsteller, die zum Schreien komisch sind, aber auch eine grosse Fallhöhe haben. Und mit Musikstücken wie «Stroganoff» von Hollaender, in dem ein Ehebruch zum Schlachtgemetzel wird. Das Reue-Medley war die Idee unseres Regisseurs Daniel Fueter.

Mit den teils absurden Texten verlangen Sie dem Publikum viel Aufmerksamkeit ab.
Das stimmt, wir nehmen durchaus wahr, wann es voll da ist und wann wir es verlieren. Ich bin auch lange mit dem Thema schwanger gegangen, aber nun ist es in der Welt. Vielleicht machen wir auch mal leichte Kost, das wird unter uns diskutiert.

Sie arbeiten auch als Gesangslehrerin an der Zürcher Hochschule der Künste.
Und da beobachte ich, dass sich junge Menschen für den Musikerberuf entscheiden, obwohl sie nicht mehr sicher sein können, ob man mit Liederabenden noch Geld verdienen kann. Das Musikrezeptionsverhalten ändert sich extrem, das Publikum überaltert. Man muss neue Gefässe finden, die dem modernen Menschen entgegen kommen.

«Ich tue nur Dinge, hinter denen ich als Künstlerin stehen kann.»

Wie bereiten Sie Ihre Schüler darauf vor?
Es ist mir wichtig, meinen Schülern mitzugeben, unbekannte Formen auszuprobieren, Nischen zu finden, wo es passt. Vielfalt zählt!

Aber es gibt auch einen kommerziellen Spagat, um zu überleben.
Viele Sänger gehen in Opernchöre, halten sich mit einem Mix an Tätigkeiten über Wasser. Ich tue nur Dinge, hinter denen ich als Künstlerin stehen kann. Es gibt zum Beispiel diese Schubladendenke, eine Solistin sei keine gute Chorsängerin, aber ich singe manchmal noch im RIAS-Kammerchor in Berlin, weil das genauso spannend sein kann wie Solo-Singen.

Haben Sie den Eindruck dass die Studierenden ausreichend auf den Markt vorbereitet werden? Das «geänderte Musikrezeptionsverhalten» ist nun auch schon lange bekannt.
Die Hochschulen, wie sie die Ausbildung strukturieren, hinken hinterher. Ihr eigenes Medienverhalten bringt die Studierenden weiter. Über Bekannte erarbeiten sie sich die Präsentationstechniken, erstellen selbst Videos oder Webseiten.

Aber das ist bedenklich, da viel Steuergeld in die Ausbildung fliesst und die Studierenden offenbar nicht auf den Markt vorbereitet werden.
Da sehe ich einen Riesenhandlungsbedarf. Aber Musik studieren die, die es müssen – aus sich selbst heraus. Ich kenne eine Lehrerin, die lobt: «Für so einen Ton bekommst du Geld.» Menschen müssen sich berührt fühlen. Man muss Gänsehaut bekommen, dann war es etwas Besonderes, das wird sich nie ändern.

Kostprobe aus dem Programm «Der Apfel ist Schuld».

Der Apfel ist schuld! Samstag, 15. Juni, 20 Uhr. Schulhaus Ritschberg, Elgg. Karten: Fr. 25/20 (erm.) www.kulturinelgg.ch (Der Landbote)

Erstellt: 13.06.2019, 12:32 Uhr

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