Feuerthalen

Wenn sich eine Persönlichkeit verabschiedet

Annette Kuhn spielt selber auf der Bühne – und sie ist Gründerin des Raums für Sprachspielkultur «Änet am Rhy».

Nach dem Hirnschlag sagte der Vater: «Ich war im Wallis.» Annette Kuhn erzählt seine Geschichte.

Nach dem Hirnschlag sagte der Vater: «Ich war im Wallis.» Annette Kuhn erzählt seine Geschichte. Bild: PD

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«Papa geht ins Wallis» ist die Metapher für die Verwirrung des Vaters von Annette Kuhn nach einem Hirnschlag. So einfach kann man eine komplexe Geschichte erzählen. Und weil viele Menschen vergleichbare Situationen erlebt haben – ein Angehöriger ist auf einmal nicht mehr derselbe –, deshalb rührt sie das Stück an. «Das anschliessende Erzählen der Zuschauer gehört oft dazu», sagt die Schauspielerin, «‹das kenne ich›, ist zum Beispiel eine häufige Reaktion». Skurrile und komische Momente gehören zur Aufführung, die Annette Kuhn in Eigenregie erarbeitet hat. Unterstützt wird sie bei der Vorstellung in der Stammheimer Hirschenbühne vom Winterthurer Schauspieler Robin Sauser.

Annette Kuhn. Bild: PD

«Ich kreiere, konzipiere und schreibe gerne selber, bin aber keine Theaterschaffende», sagt Annette Kuhn. Neben der schauspielerischen Ausbildung, die sie in Zürich und Freiburg im Breisgau erlangte, kann die Schaffhauserin auf eine Lehrerausbildung zurückblicken, auch davon profitiert sie in ihren heutigen Projekten.

«Ich habe in den vergangenen zwei Jahren sehr viel Zeit in der Notaufnahme, in der Reha und mit meiner Familie verbracht; da lernt man die Eltern und Geschwister anders kennen.»Anette Kuhn, Schauspielerin

Von der Psychiatrie-Patientin bis zur Prostituierten hat sie sich schon in viele Rollen geworfen, ist in Werbespots und TV-Produktionen aufgetreten. Aber jetzt dieses ganz persönliche Stück: «Ich habe in den vergangenen zwei Jahren sehr viel Zeit in der Notaufnahme, in der Reha und mit meiner Familie verbracht; da lernt man die Eltern und Geschwister anders kennen.» Mehrere Male hat der Hirnschlag ihren Vater ereilt. Im Moment gehe es ihm ganz gut, aber Rückfälle seien jederzeit möglich. «Das ganze System ist am Rotieren und möchte, dass es wieder so wird wie vorher», sagt sie, «doch es gibt einen Punkt, wo der Patient entscheiden muss, ob er überhaupt möchte, dass es wieder so wie vorher ist.»

Ähnliche Schicksale

Die fragmentarischen Szenen hält die Violinistin Rebekka Gather aus Basel mit Klängen und kurzen Texten zusammen. Das rund 75 Minuten lange Stück wird durchgespielt, die Musik hat dabei eine tiefe Bedeutung. «Man lernt andere Menschen mit ähnlichem Schicksal kennen», erzählt Annette Kuhn. Dabei gab es eine Zeit, in der sie es sehr schön fand, zu Besuch in der Reha zu sein, sich die Ruhe zu nehmen und zu akzeptieren, was sich verändert hatte. «Es gab viele schräge Situationen, wo man sich fragte, wer spinnt jetzt eigentlich», lacht sie, und diese Absurdität möchte sie auch in ihrem Stück transportieren.

«Ich war im Wallis»Vater von Kuhn nach seinem ersten Schlaganfall

«Ich war im Wallis», waren die Worte ihres Vaters, als er nach dem ersten Hirnschlag wieder erwachte. Warum er das sagte, konnte er nicht erklären – aber er konnte später selbst darüber lachen. Wortloses Verstehen trat an die Stelle von ausgesprochenen Gewissheiten. Annette Kuhn begann auch, über Gehirnforschung zu lesen und sich mit philosophischen, den existenziellen Fragen zu beschäftigen.

Austausch mit anderen

Doch die Verarbeitung eigener Erfahrungen ist nur eine Facette des vielfältigen Schaffens der 45-Jährigen. Soeben hat sie den Raum für Sprachspielkultur «Änet am Rhy» gegründet. Es ist der ehemalige Gasthof zum Hirschen in Feuerthalen, den sie als Räumlichkeit für professionelle Produktionen öffnet. «Es geht nicht darum, meine eigenen Sachen zu zeigen», betont sie, viel wichtiger ist ihr der Austausch mit anderen, auch internationalen Künstlern. Neben «Spielend Deutsch lernen», der Arbeit mit einer privat unterstützten Gruppe jugendlicher Flüchtlinge, bietet sie auch einen Basiskurs Theater und Improvisation an. «Es ist eine frische, offene Gruppe für Leute, die lernen und ausprobieren wollen zu spielen, ohne auf ein konkretes Stück hin zu arbeiten», so die Initiatorin, «mehr als Neugierde und Lust muss man nicht mitbringen».

Der als Verein organisierte Spielort wird von Darstellern und Musikern getragen, die beispielsweise für «Herzanlässe», private und betriebliche Feste, zur Verfügung stehen. Dabei kommt ihr die Infrastruktur des Hauses, das Restaurant, eine grosse Küche und der Gewölbekeller entgegen. «Wir könnten einen Apéro mit einem kulturellen Beitrag anbieten.» Auch das Repertoire ihres szenischen Erzähltheaters TellMi soll sich Jahr für Jahr erweitern. «Oder geschlossene Gruppen, die einen Workshop machen wollen, sind sehr willkommen», ergänzt Annette Kuhn und hält sich mit weiteren Ideen bewusst zurück: «Ich schlafe schon etwas wenig zurzeit.»

Papa geht ins Wallis: Donnerstag, 25. April, 20 Uhr. Hirschenbühne, Steiggasse 4, Oberstammheim. (Landbote)

Erstellt: 15.04.2019, 14:04 Uhr

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