Flaach

«Alle haben einen Bezug zum Sterben»

Der letzte Tag im Pflegeheim. Das Theaterkabarett Strohmann-Kauz zeigt im TAFF, wie er sein könnte: zutiefst menschlich und nicht ohne Spass.

Das Duo Strohmann-Kauz spielt zwei Rentner, die ihre «Milchbüechlirächnig» machen.

Das Duo Strohmann-Kauz spielt zwei Rentner, die ihre «Milchbüechlirächnig» machen. Bild: PD

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Erleichtert verlässt man das Theater. Man ist noch unter den Lebenden, genauso wie Ruedi und Heinz oder besser, Strohmann-Kauz. Und das ach so verflixte, anstrengende und manchmal nervige Leben ist doch schön. Sogar im Pflegeheim, halb dement und körperlich gehandicapt, lässt es sich noch politisieren, streiten, angreifen – das führen die Kabarettisten Matthias Kunz und Rhaban Straumann in «Milchbüechlirächnig» bestens vor. «Neunzig Prozent gehen zuversichtlich aus dem Stück», sagt Matthias Kunz. «Wir spielen darauf hin, dass dies der letzte Tag für die beiden Rentner sei, aber es endet hoffnungsvoll.»

«Es kamen nach der Vorstellung schon Zuschauer zu uns, die erzählten, sie seien am Nachmittag auf einer Beerdigung gewesen, und das hätte ihnen jetzt gut getan.»Matthias Kunz, Theaterkabarett Stohmann-Kauz

Für die Wahrnehmung des Stücks sei es entscheidend, wie man mit dem eigenen Alter umgehe, sagt der Berner; ob man Probleme mit dem Altern habe oder es mit Humor trage. «Es kamen nach der Vorstellung schon Zuschauer zu uns, die erzählten, sie seien am Nachmittag auf einer Beerdigung gewesen, und das hätte ihnen jetzt gut getan.»

«Wegen der Gagen macht man es nicht.»Matthias Kunz, Theaterkabarett Stohmann-Kauz

Anders erlebten es die mehrfach ausgezeichneten Künstler bei ihrer Premiere in Landshut. Dort seien zwei Besucher aus der dritten Reihe aufgestanden und hinaus gegangen. «Das verunsichert einen schon, wir fragten uns: Laufen gleich noch mehr raus?» Es blieb jedoch dabei und der erste Auftritt in Deutschland wurde zu einem grossen Erfolg. «Am nächsten Tag erhielten wir eine Mail», erzählt Kunz, «sie hätten sich schlecht auf den Abend vorbereitet, entschuldigten sie sich. Sie wollten lachen, denn die eigene Mutter lag im Sterben.»

Eine der Fiugren: Der geldgierige Bestatter

Es gibt mehr als genug zu lachen in «Milchbüechlirächnig». Die Produktion macht neugierig aufs Alter – und verknüpft dabei verschiedene Aspekte der Bühnenkunst. Die Theaterkabarettisten spielen mehrere Figuren, so auch einen geldgierigen Bestatter und einen polnischen Pfleger, der nur beschränkt der deutschen Sprache mächtig ist.

Einige kennen die Protagonisten bereits aus dem ersten Stück des Duos, «Landfroue-Hydrant». Dort hatten sie eine Nebenrolle, ergänzten sich aber sehr gut und wurden hier von den Autoren in den Mittelpunkt gestellt. «Das Schöne an dem Thema ist, dass alle einen Bezug dazu haben, über die Eltern, Grosseltern, oder weil man sich selbst schon Gedanken über das Altersheim macht.»

Der Trailer zum neuen Programm von Strohmann-Kauz.

Eine vorbereitende Recherche bei Ärzten, Psychiatern und Physiotherapeuten war für die beiden selbstverständlich. «Das Thema Alter wird immer akuter, es spielt uns in die Hände.» So adaptierten sie es auch für den deutschen Markt und stellten es an der Künstlerbörse in Freiburg im Breisgau vor. «Der deutsche Kabarettist Jess Joachimsen hat uns geholfen, zwanzig Minuten des Stücks zu übersetzen. Als dann drei, vier Buchungen kamen, mussten wir es komplett übertragen und mit deutschen Themen unterfüttern.»

Es sei ein neuer Kulturraum, ein Abenteuer, sagt Kunz, aber sie fänden es spannend. «Wegen der Gagen macht man es nicht», ergänzt er, aber die Reaktionen seien viel ausgeprägter. «Es gibt mehr Zwischenapplaus, die Leute klatschen, wenn es ihnen gefällt. Sie reagieren viel stärker auf Politisches als die Schweizer. Wir haben die Vermutung, weil es ihnen in der Altenpflege schlechter geht als uns.»

Ruedi und Heinz machen weiter

«Milchbüechlirächnig» zeigt: Man darf die Rechnung nicht ohne den Wirt machen. Und daran knüpft auch das nächste Stück von Strohmann-Kauz an. Ruedi und Heinz besetzen das geschlossene Restaurant im Dorf und leisten Widerstand. «Ganze Landstriche veröden, weil sie keine Läden und keinen Service Public mehr haben.

Davon sind die Alten besonders stark betroffen, weil sie weniger mobil sind und weniger Zugang zu Technik haben.» Seit zwanzig Jahren kennen sich Matthias Kunz und Rhaban Straumann inzwischen, und sie wachsen immer mehr in ihre Rollen hinein. «Ich wüsste nicht, was ich sonst machen soll», kommentiert es Kunz. Zum Glück.

Strohmann-Kauz: Samstag, 25. Mai, 20 Uhr. Theater Alti Fabrik, Wesenplatz 4, Flaach. Tickets: Fr. 35/18 (Lehrl., Stud.). Reservation per Tel./SMS: 078 637 71 83. www.altifabrik.ch

Erstellt: 20.05.2019, 11:44 Uhr

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