Rheinau

Angst vor der «Entartung der Gesellschaft»

Eine angehende Historikerin forscht an der Universität Freiburg zur Situation in der Pflegeanstalt Rheinau um 1900. Als man feststellte, dass Alkoholmissbrauch kein moralisches Laster, sondern eine Krankheit ist, führte dies auch zu einem Umdenken bei den Behandlungskonzepten.

Klöster wurden ab Mitte des 19. Jahrhunderts oft als «Irrenanstalten» umgenutzt. So geschah es auch in Rheinau.

Klöster wurden ab Mitte des 19. Jahrhunderts oft als «Irrenanstalten» umgenutzt. So geschah es auch in Rheinau. Bild: Winterthurer Bibliotheken, Sammlung Winterthur

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Wie sind Sie auf das Thema Ihrer Masterarbeit gekommen?
Marianne Naunheim: Im Moment laufen zahlreiche interessante Forschungen zur schweizerischen Sozialgeschichte, nicht nur an meiner Universität. Man beschäftigt sich insbesondere mit der Geschichte der Psychiatrie, den administrativen Versorgungen und der Fürsorge. Ich habe schnell gemerkt, dass Rheinau ein besonders spannender Ort in diesem Kontext ist. Auch mit Blick auf das neu entstehende Museum möchte ich einen kleinen Beitrag zur Institutionsgeschichte leisten.

Wie gehen Sie dabei vor?
Ich schaue mir unter anderem die Patientendossiers im Staatsarchiv Zürich an. Dabei gibt es Auflagen, da sie teilweise noch unter Schutzfrist stehen. Ich untersuche die sozialen und kulturellen Umstände: Warum hat man vermeintliche Alkoholiker in die Anstalt eingeliefert und wie hat man sie behandelt? Entscheidend war dabei der Faktor Heilbarkeit.

«Rheinau galt als Landasyl für die Unheilbaren.»

Denn Rheinau hatte einen Ruf als «letzte Station».
Ja, aber ich möchte auch die Entlassungen und die Gründe dafür untersuchen. Die Ärzte und Professoren standen dabei in engem Kontakt mit dem Burghölzli in Zürich, welches eng an die Universität gekoppelt war. Rheinau hingegen galt als Landasyl für die Unheilbaren.

Sie erwähnen in Ihrer Arbeit, dass Ende des 19. Jahrhunderts Degenerationstheorien weit verbreitet waren.
In der damaligen Zeit war die Meinung bekannt, dass durch den schnellen Lebenswandel eine Entartung der Gesellschaft drohe. Insbesondere dem Alkohol schrieben einige Psychiater einen starken Einfluss auf den moralischen und sozialen Verfall zu. Man ging davon aus, dass er ein Gift sei, der das Erbgut negativ verändere. Der Alkoholismus bedrohe und schädige in diesem Sinne die Gesundheit der ganzen Gesellschaft, wenn man ihn nicht in den Griff bekomme.

Da kommt die Trinkerheilanstalt Ellikon ins Spiel.
Wer als heilbar eingeschätzt wurde, kam unter Umständen nach Ellikon. Die Gründung stammt von Auguste Forel, einem wichtigen Psychiater seiner Zeit. Die Behandlung war ein Vorläufer der Entziehungskur, denn die Ärzte waren überzeugt, dass nur die totale Abstinenz heilen kann. Diese Klinik war teurer, und wer sich nicht an das Abstinenzgebot hielt, musste wieder gehen. Wenn man entlassen wurde, war die Idee, dass man in einen Abstinenzverein eintritt und das abstinente Leben beibehält. Zunächst wurden auch Frauen zugelassen; später nicht mehr, da man sie als schwieriger therapierbar einstufte.

«Insbesondere dem Alkohol schrieben einige Psychiater einen starken Einfluss auf den moralischen und sozialen Verfall zu.»

Woran lag das?
Es gibt Hinweise darauf, dass alkoholkranke Frauen als verkommener, kränker und der Therapie weniger zugänglich betrachtet wurden als Männer.

Dabei wurden dem Alkohol durchaus auch therapeutische Effekte zugeschrieben.
Alkohol hatte eine grosse Bedeutung als Heilmittel, zur Belebung oder Betäubung von Patienten. Unter den Ärzten herrschte eine Debatte, ob Alkohol weiter als Arzneimittel eingesetzt werden soll. Manche Psychiater waren aber überzeugt, dass der Alkohol weitere Krankheiten wie die Epilepsie begünstigte.

Gab es ein typisches Patientenprofil?
Ein wichtiger Faktor für die Beurteilung war, ob sie noch arbeiten konnten. Aber auch eine funktionierende Familie war damals enorm wichtig. Wenn durch das Verhalten der Patienten Unruhe oder finanzielle Probleme in der Familie auftraten, dann wurde das als Gefahr empfunden. Fiel der Mann oder die Frau der Gemeinde zur Last oder störte das Dorfleben, beeinflusste das eine mögliche Einweisung. Es ist Teil meiner Arbeit herauszufinden, inwiefern man die fehlbaren Personen aus der Gesellschaft herausnehmen wollte.

Um die Jahrhundertwende traten dann Probleme in der Pflege auf.
Um 1900 war Rheinau stark überbelegt, es gab Hygieneprobleme. Die Ärzte tauschten sich über die Zustände aus, denn sie störten sie sehr. Der Direktor Eugen Bleuler selbst konnte zum Beispiel nicht mehr nach sogenannten ruhigen und unruhigen Patienten räumlich trennen. So war er auch federführend beim Bau von Neu Rheinau, um seine Vorstellungen umzusetzen.

Mit Ihrer Arbeit leisten Sie bereits Grundlagenforschung für das neue Museum Rheinau.
Dort entsteht ein verhältnismässig grosser Teil zur Psychiatriegeschichte, der schweizweit beispielhaft sein wird. Ich untersuche, unter welchen sozialen und kulturellen Vorstellungen ein Alkoholiker um 1900 als ein solcher definiert wurde. Es ist wichtig, dass diese Prozesse dargestellt und erklärt werden, weil sie eine Bedeutung bis in die Gegenwart haben. Wer entscheidet, was normal und wer krank ist — und ab wann man nicht mehr alleine für sich sorgen kann? Denn diese Vorstellungen verändern sich ja laufend.

(Der Landbote)

Erstellt: 01.02.2018, 12:33 Uhr

Die angehende Historikerin Marianne Naunheim forscht über die Geschichte der Pflegeanstalt Rheinau.

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