Puppentheater

Der Tod tanzt Richtung Ewigkeit

Wo geht das Leben hin? Was kommt danach und was, wenn nichts? Werner Bühlmann stellt mit dem Tösstaler Marionettentheater die grossen Fragen des Menschseins. Das Stück, sein Lebenswerk, hat am Sonntag fulminant Premiere gefeiert.

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Schatten huschen im Licht der Scheinwerfer den Wänden entlang. Figuren aus Holz ziehen zwischen den Kirchenbänken hindurch, gross wie Menschen sind sie. Ihre Glasaugen funkeln, fast so, als könnten sie sehen, was sich hier abspielt: Der Teufel ist zugegen und auch der Tod und mit ihnen Hunderte von Theaterbesuchern. Premiere von «Himmel und Höll», so heisst das neue Stück des Tösstaler Marionettentheaters.

Wuchtig und berührend

Die katholische Kirche Oberegg AI ist voll, die Besucher der Vorstellung werden am Ende stehend applaudieren, verdientermassen ihrem starken Chor aus Laiensängern und, ebenso verdientermassen, den Künstlern aus Winterthur und dem Tösstal, die hierhergekommen sind an diesem Sonntagabend. Die Darbietung ist gleichermassen wuchtig und berührend. Theatermann, Autor und Regisseur Werner Bühlmann (65) aus Winterthur ist eine raffinierte, wenn auch komplexe Erzählstruktur gelungen. Er schont den Zuschauer weder mit inhaltlichen noch mit formalen Referenzen: ein Welttheater, das Leben als vorüberziehendes Schauspiel, dessen Tradition in der Antike wurzelt. Darin zentral der Totentanz, ein Stoff, der die Kulturgeschichte seit jeher durchzieht: der personifizierte Tod und seine Macht im Leben der Menschen. Das Passionsspiel, das christliche geistliche Drama um Leiden und Sterben Jesu. Und: die Handlung, gelenkt von Sagenmotiven aus Jeremias Gotthelfs Novelle «Die schwarze Spinne», in der ein Bauernvolk die unerhörte Begebenheit ertragen muss, dass eine Plage in Gestalt der alles zerstörenden schwarzen Spinne wütet, nachdem eine Bewohnerin dem Teufel als Pfand für dessen Hilfe in der grossen Not der Dorfbewohner ihr ungetauftes Kind geopfert hat. Die Verantwortung hierfür tragen alle, Sündenbock wird die Mutter.

Die Mutter als Mutige, die hinsieht und wider alle Vernunftdas Verbotene tut, macht Bühlmann zur Heldin. Sie, die letztlich mit dem Leben bezahlt, dass sie sich dem Bösen gestellt hat. «Wegsehen tut man aus Angst», sagt er, dabei gebe es guten Grund, Herz und Augen zu öffnen: «Es wimmelt da draussen nur so von schwarzen Spinnen.» Ob er die Politik meine? «Ja, auch.» Es sei die Kraft der Kunst, dass sie nachwirke. «Wenn ein paar Leute in der Kirche über sich und ihre Endlichkeit nachgedacht haben, dann bin ich glücklich.»

Denn alle Lust will Ewigkeit

Leicht könnte einen die Dichte an Verweisen erschlagen, die durch Licht und Schatten, Freude und Leid und das gesamte menschliche Dasein führen. Die sorgfältige Textgrundlage, die eine konservative Vorstellung von Moral mit humoristischen Passagen bricht, macht das Dargebotene eingängig und hält den aufgeladenen Stoffen entgegen.

«Es wimmelt da draussen nur so von schwarzen Spinnen.»Werner Bühlmann, Regisseur und Autor «Himmel und Höll»

Für einen der stärksten Momente der eineinhalb Stunden etwa scheint eingangs des Stücks die Welt stillzustehen: Sopranistin Anke Steffan singt Hildegard von Bingens «O vis aeternitatis», die abstrakte Ewigkeit in Klang übersetzt, mystisch und erhebend: Steffans Stimme füllt ruhig und rein die grosse Kirche.

Aber dann ist da auch der Gehilfe dunkler Mächte, der «Teufelsbraten», grossartig inszeniert vom Toggenburger Schauspieler Simon Keller. Er holt das Publikum ab, plagt es hier, schmeichelt ihm da: Geschmeidig und verführerisch schleicht sich das Laster aufs Parkett des Todestanzes, kriecht durch die Handlung als Kontrahent der Moral. Er sei«. . . ein Spiegel nur des Schattens eurer eigenen Natur», eine Projektion des Teuflischen, das gemäss Bühlmann in jedem Zuschauer schlummert, die ganze Bandbreite eben von Gut bis Böse. Bühlmann sagt, er wolle dem Betrachter Identifikationsflächen vorlegen, seine eigenen Ängste und Freuden im Publikum anstossen. «Ich erinnere mich gut an schlimme Träume als kleiner Junge», sagt er. Abgründe begleiten ihn. Es sei keine vier Jahre her, dass ihn eine Krise übermannt habe: «Dann hab ich mit geschlossenen Augen die schwarze Spinne gesehen und gewusst, dass ich dafür bereit bin.» Bühlmann sagt, «Himmel und Höll» könne als sein Lebenswerk betrachtet werden, der Durst nach Antworten habe Regie geführt.

«Ich bin kein Prediger von der Kanzel herab», sagt er. «Antworten habe ich eben keine. Aber ich will Fragen aufwerfen.» Ein jeder in den Reihen sei die weise Seherin im Stück und eben auch der triebhafte Satansbraten, denn, wie der Chor mit Friedrich Nietzsches «Also sprach Zarathustra» kommentiert: «Alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit.»

Lebendig und leicht

Rund fünfzig Menschen sind in die Produktion insgesamt involviert, jeweils ein Laienchor vor Ort und der zwanzigköpfige Sing- und Sprechchor des Tösstaler Marionettentheaters (Leitung: Peter Girschweiler), der sieben Puppen und ihren Schauspielern gegenübersteht. Ihre Bühnen werden in den nächsten Wochen die Kirchen der Region sein (siehe Kasten), am Freitag die reformierte Kirche Kollbrunn, wo einer der zentralen Akteure des Abends als Organist arbeitet: der talentierte Matias Lanz, der für «Himmel und Höll» neben der Orgel vor allem am Cembalo musiziert, unaufdringlich und doch mit grosser Präsenz, lebendig und voller Leichtigkeit. So, wie man es von seinem Instrument gar nicht recht gewohnt ist. Lanz, der eben einen Master an der Zürcher Hochschule der Künste absolviert hat, spielte die Musik des Lausanner Komponisten Pierre Andrey, die Bühlmann in Liedtexten versprachlicht hat.

Das Grauen der Endlichkeit

Warum aber zeigt Bühlmann sein Stück ausgerechnet zuerst im Appenzell Innerrhoder Oberegg? Weil es formal dem katholisch geprägten Passionsspiel folgt? Weil er eine Verbindung nach Appenzell hat? Nein. Es war eine rein zufällige Begegnung, die Bühlmann hier hoch gelockt hat. Zwei Jahre ist es her, dass er den Oberegger Schulleiter bei einem Ausflug in dessen Gemeinde auf der Strasse in ein Gespräch über Totentänze und andere Abgründe verwickelte, zwanzig Minuten später stand der Premierentermin, eine Geschichte, wie sie das Leben schreibt.

Der Tod, der tanzt bei Bühlmann in Richtung Ewigkeit: «Ich glaube, dass dem Menschen zuletzt, ganz einsam am Rande der Klippe, noch etwas bevorsteht», sagt er. Das müsse jeder für sich beantworten, in jeder Kultur, in jeder Religion und auch ohne jede Religion. Er für sich halte dem Atheisten seine Überlegungen entgegen, wenn der sage, dass Religion nur die Antwort auf das Grauen der eigenen Endlichkeit sei: «Der Mut, dem Grausamen zu begegnen, ihm etwas zu entgegnen, der mündet vielleicht in ein Gefühl von Verantwortung», sagt er. Zu ahnen, dass da noch etwas komme, scheine ihm die unausweichlichste, ehrlichste Antwort, die er kenne. (Landbote)

Erstellt: 13.03.2018, 09:17 Uhr

Von Kirche zu Kirche

«Himmel und Höll» mit dem Tösstaler Marionettentheater: Fr, 16. März, 19.30 Uhr: Kollbrunn, ref. Kirche; Mi, 28. März, 19.30 Uhr: Winterthur, ref. Kirche Veltheim; Do, 29. März, 19.30 Uhr: Winterthur, ref. Kirche ­Veltheim; Fr, 30. März, 16 Uhr: Elgg, ref. Kirche. Eintritt frei, ­Kollekte.

Mit Susanne Odermatt, Sarina Jenni, Ursula Egli, Simon Keller, Seraphin Schlager, Werner Bühlmann, Beno Koch und Iris Müller. Regie, Puppen (in Zusammenarbeit mit seiner Tochter) und Text: Werner Bühlmann. Musik: Pierre Andrey. Cembalo und Orgel: Matias Lanz. ­Solistinnen: Anke Steffan, Serina Jenni. (mek)

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