Aadorf

Die Äbtissin mit dem Waffeleisen

Eine selbstbewusste Frau sorgte im 16. Jahrhundert dafür, dass sich reformierte Orte in der Region wieder dem katholischen Glauben zuwandten. Mit harter Hand sanierte sie die Kasse des Klosters Tänikon und schuf sich auch selbst ein Denkmal: die Äbtissin Sophia von Grüt.

Die Äbtissin Sophia von Grüt (in der Mitte kniend) stiftete dem Kloster Tänikon die Bildscheibe «Mariae  Verkündigung und Sapentiae mit ihren Töchtern» (Ausschnitt), gemalt von Niklaus Blunschli, wohl 1558.

Die Äbtissin Sophia von Grüt (in der Mitte kniend) stiftete dem Kloster Tänikon die Bildscheibe «Mariae Verkündigung und Sapentiae mit ihren Töchtern» (Ausschnitt), gemalt von Niklaus Blunschli, wohl 1558. Bild: zvg

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«Da haben Sie sich aber eine richtige Powerfrau ausgesucht», kommentiert Sammlungskuratorin Christine Süry die Recherche im Historischen Museum Frauenfeld. Sophia von Grüt war die erste Äbtissin Tänikons nach der Reformation. In den Kämpfen und Wirren jener Zeit (1525 — 1550) war das klösterliche Leben erloschen, doch die einflussreichen katholischen Familien exisitierten weiter.

«Eine Schaffnerin ist um die Geschäfte, die Buchhaltung und die Zehntenabgabe der Bauern besorgt»

Sophia von Grüt wurde in eine solche geboren. Ihr Vater Joachim war «ein edler, gerader Mann und in Zürich geachtet, trotzdem er katholisch blieb», heisst es in alten Quellen. Zahlreiche Vertreter der Edeln von Grüt bekleideten geistliche Ämter, beschreibt es J. R. Rahn in einer Dokumentation der Kunstdenkmäler des Kantons Thurgau von 1898.So kam es, dass sie ihr Bruder Christof, der Abt zu Muri wurde, als Schaffnerin für das Zisterzienserinnenkloster vorschlug.

«Eine Schaffnerin ist um die Geschäfte, die Buchhaltung und die Zehntenabgabe der Bauern besorgt», erklärt Christine Süry. Sophia von Grüt bekleidete dieses Amt von 1548 bis 1550.

Harte Haushälterin

Den Job machte sie akribisch; ja geradezu ängstlich sei sie um die Finanzen besorgt gewesen. Als zwei alte, im Kloster verbliebene Konventfrauen um eine «Vermehrung ihrer Pfründen», baten, lehnte sie ab, «weil die Klostereinkünfte dies nicht gestatten». Die gewünschten Zulagen wie mehr Getreide, Hafer und zwei Eimer Wein mehr, wollten die Betagten dabei nicht selbst verprassen, sondern damit Dienerinnen entlöhnen.

Die sparsame Schaffnerin musste dann auch einen Dämpfer einstecken, denn auf dem Tag zu Zofingen entschieden die Ratsboten zugunsten der Bittstellerinnen. «Dagegen müssen sich die Pfründnerinnen ruhig verhalten und die Vorsteherin frei schalten und walten lassen, da sie ihnen genügend Trostung gegeben hat», so der Beschluss im Originalton.

Agil in der Gegenreformation

Man darf nicht vergessen, dass die Frauenkloster unter der Führung männlicher Geistlicher standen, in diesem Fall des Klosters Wettingen. «Um die Messen zu feiern, dürfte jeweils ein Pfarrer aus einer Nachbargemeinde nach Tänikon gekommen sein», vermutet die Kuratorin.

Immerhin muss Sophia von Grüt als Äbtissin so geweibelt haben, dass sie viele Kinder aus der Umgebung aus der Taufe heben durfte, berichtet die Chronik. «dies tat sie namentlich solchen Eltern gegenüber, die katholisch geworden waren und nun keine verwandten Paten erhalten konnten.»

Den Leuten muss aufgefallen sein, wie sie das heruntergekommene Kloster wieder auf Vordermann brachte, Neu- und Anbauten in Auftrag gab, Kirchenzierden, Hausrat und Silbergeschirr anschaffte und bei Stiftern einwarb. Unter anderem lieh sie sich das Geld dafür bei ihrer Mutter Veronika Schwarzmurer, die ebenfalls in den Orden eingetreten war — das heisst, «bei ihrer Tochter zu Tische ging».

Von diesen 200 Sonnenkronen bezahlte Sophia die Schulden beim Müller von Aadorf und liess in Hagenbuch eine Zehntenscheune bauen. Auf der Klosterrechnung erscheint aber auch peinlich genau vermerkt der «1 fl. dem Knechte, als sie das Muoterli holten». Dafür mussten die Konventfrauen darben: Die sparsame Kost und die strenge Askese wurden häufig beklagt, es hiess, der Klostermüller habe es besser als sie.

Der Äbtissin war ihre Wirkung bewusst, beziehungsweise dachte sie selbst daran, dass sie die Nachwelt nicht vergisst. Für den Kreuzgang des Klosters stiftete sie eine Glasmalerei nach einem zeitgenössischen Holzschnitt von Albrecht Dürer (Bild oben), die heute im Historischen Museum Frauenfeld bewundert werden kann.

Dort, im Schloss Frauenfeld, befindet sich auch das reich mit Intarsien und Schnitzereien verzierte Täferzimmer, das Sophia von Grüt für die Wohnung des Kaplans im Zisterzienserinnen-Kloster anfertigen liess. Im Depot lagert ausserdem ein kurioses Stück, ein Waffeleisen, das Sophia mit ihrem Namen anfertigen liess. Damit wurden im Kloster Hostien gebacken.

Das Waffeleisen mit dem «Logo» der Sophia von Grüt. Bild: Melanie Duchene.

Diese trugen dann Sophias Namen, einen Verweis auf sie als Äbtissin und das Wappen derer von Grütt: einen Holzstock. «Sicherlich hat sie die Hostien nicht selber gebacken, dafür ist das Gerät viel zu schwer», sagt Christine Süry und muss das Waffeleisen beim Fototermin selbst immer wieder absetzen.

Kur in Baden

Die aktive Ordensfrau schonte sich und ihre Gesundheit nicht und musste daher eine Kur in Baden machen. Es zeugt von ihrem Ansehen, dass ihr Geschenke wie ein Schaf, ein «Gitzi», Teile von einem Reh und Fische in die Sommerfrische geschickt wurden. Die Kurkosten trug natürlich das Kloster.

Prägend blieb der Bekehrungseifer der Äbtissin, durch den sie fast die ganze Umgebung des Klosters Tänikon wieder zum alten Glauben zurückbrachte — trotz aller Gegenbemühungen der Mutterpfarrei Elgg seit 1551, heisst es in der Chronik.

www.historisches-museum.tg.ch

(Der Landbote)

Erstellt: 23.11.2017, 15:29 Uhr

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