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Die Etrusker schätzten ihre Frauen

«Endlich!», könnte man sagen, sind die Etrusker nach 60 Jahren wieder nördlich der Alpen zu sehen. Das Museum Allerheiligen zeigt die hervorragende Sammlung Ebnöther mit Ergänzungen aus internationalen Museen.

Bei den Etruskern war die Gleichberechtigung schon relativ weit: Ein Satyr und eine nackte Athletin als bronzener Griff einer Ciste (kostbarer Behälter für Toilettenartikel) aus dem 4. Jh. v. Chr.
Bei den Etruskern war die Gleichberechtigung schon relativ weit: Ein Satyr und eine nackte Athletin als bronzener Griff einer Ciste (kostbarer Behälter für Toilettenartikel) aus dem 4. Jh. v. Chr.
Ny Carlsberg Glyptothek Kopenhagen

Eröffnet wird die Ausstellung mit einer wunderschön gearbeiteten Hüttenurne, aus Ton modelliert und mit Bronzeplättchen belegt, die auf den ersten Blick an frühe chinesische Gegenstände erinnert. Als einziges Volk in Italien pflegten die Etrusker ihre Toten zu kremieren. Doch das Morbide war nicht ihr Ding. Lebenslustig, weltoffen, gar hedonistisch sollen sie gewesen sein, die Etrusker. Geheimnisvoll sind sie jedenfalls bis heute. Dies nicht zuletzt, weil ihre Sprache, von der es schriftliches Zeugnis gibt, noch nicht richtig entschlüsselt ist, obschon einige Buchstaben bis heute ihre Bedeutung erhalten haben. Man kann dies in der Ausstellung an einer Schrifttafel mit bruchstückhafter Übersetzung nachverfolgen.

Ursprung heutiger Wörter

Auch von der Sprache haben sich Elemente in unsere Zeit hinübergerettet, obschon das Etruskische keine indogermanische Sprache war. Alltägliche Wörter wie Taverne, Käse und Wein haben ihren Ursprung in Mittelitalien und in einer Zeit, bevor die Römer zur Weltmacht aufstiegen. In Etrurien also. Schon der Zeitgenosse Herodot machte sich Gedanken über ihren Ursprung und verlegte diesen gedanklich nach Ostasien. Darüber, wo sie wirklich hergekommen sind, wird gerätselt. Entsprechend dem ersten Fundort wird die Kultur auch Villanova genannt.

Noch vor Rom erwacht

Achthundert Jahre vor unserer Zeitrechnung entwickelte sich jedenfalls in der heutigen Toskana, in Umbrien und Latium ein Volk, das neben den rivalisierenden Griechen zu einer Hochkultur fand und diese in einer eigenständigen Lebensweise und mit hervor­ragenden Kunstwerken zum Ausdruck brachte. Dabei waren sie immer empfänglich für neue Einflüsse aus dem gesamten Bereich ihres Handelsnetzes, das bis nach Südschweden reichte.

Kulturtransfer, Sinnlichkeit und Offenheit waren die wesentlichen Elemente der etruskischen Kultur. Assoziationen, die an frühe chinesische oder südamerikanische Einflüsse erinnern, liegen laut dem Kurator der Ausstellung, Werner Rutishauser, in der Wahl der Materialien und Techniken, die gewisse Formen begünstigen und so einen schein­baren Einflussbereich evozieren. Wer die Töpferscheibe beherrscht oder das Bronze­schmieden, wird immer wieder gleiche Grundformen entwickeln, die quasi im Material verborgen liegen.

Die Ausstellung, die auf der Schaffhauser Sammlung Ebnöther beruht, wird mit hervorragenden Exponaten aus internationalen Partnermuseen ergänzt.

Trotzdem kein Matriarchat

Die Schau gliedert sich in verschiedene Lebensbereiche. Gelage, Symposion, Krieg, Schrift und Sprache und die Frau in Etrurien sind einige davon. Und gerade das Letztgenannte lädt bis heute gerne zur Konstruktion von matriarchalen Theorien ein. Werner Rutishauser rückt Wunschbilder und Realität etwas auseinander, auch wenn er auf eine kleine sinnliche Bronzeskulptur weist, wo eine nackte Frau, die gerade vom Sport kommt, einem nackten Mann die Hand auf die Schulter legt.

Eine Darstellung, wie sie bei den Griechen nie möglich gewesen wäre, da dort die Geschlechter viel getrennter lebten. Daraus aber gleich abzuleiten, dass eine völlige Gleichberechtigung geherrscht habe, wie es in manchen Theorien kolportiert wird, ist nach Rutishauser verfehlt. Aber eine besondere Stellung hatten die Frauen schon: Sie durften ihre Männer bei Gelagen begleiten und an ihrer Seite, köstlich geschmückt, den Wein aus grossen Schalen trinken.

Beeindruckender Goldschmuck

Den Bezug zu Schaffhausen bringt die Ausstellung nicht nur dadurch, dass der grösste Teil der Exponate aus einer lokalen Sammlung stammt, sondern auch durch den hiesigen Maler Enrico Wüscher-Becci, von dem ein grossformatiges Faksimile einer etruskischen Grabmalerei gezeigt wird. Vom sagenumwobenen Goldschmuck sind in der Ausstellung einige Preziosen zu bewundern. Fiebeln in einzigartiger Granulationstechnik, winzige Goldkügelchen zu einem berückenden Muster geformt, zeugen vom hohen handwerklichen und gestalterischen Können der etruskischen Goldschmiede. Ebenso beweisen die Töpferwaren eine tiefe Materialkenntnis und das Beherrschen anspruchsvoller Brenntechniken.Eine Erklärung, warum die Etrusker eine so ganz besondere Faszination ausüben, mag neben der Sinnlichkeit ihrer Kunstwerke auch in deren Modernität liegen. So sind in der Ausstellung religiöse Gegenstände zu sehen, die auch aus der Werkstatt eines Surrealisten des 20. Jahrhunderts stammen könnten.

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