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Die Kunstkeramik lag mehrfach in Scherben

Seit 44 Jahren gibt es die Ziegler’sche Tonwaren­fabrik nicht mehr, aber in so manchem Haushalt stehen nochObjekte der einst bedeutenden Schweizer Keramikproduktion.

Ziegler-Keramik ist bei Sammlern begehrt. Die Vielfalt der Erzeugnisse kennt wohl keiner so gut wie Daniel Grütter, Kurator im Museum zu Allerheiligen.
Ziegler-Keramik ist bei Sammlern begehrt. Die Vielfalt der Erzeugnisse kennt wohl keiner so gut wie Daniel Grütter, Kurator im Museum zu Allerheiligen.
Marc Dahinden

Der Winterthurer Industrielle Jakob Ziegler (1775–1863) hatte die Ziegler’sche Tonwarenfabrik gegründet; ganz im Unternehmergeist seiner Zeit pachtete er die städtische Ziegelhütte von Schaffhausen und begann am Rhein mit dem Bau von Anlagen, die sich bald auch auf das linke Ufer erstreckten. So kaufte er der Gemeinde Flurlingen den Steinbruch ab und errichtete Nebenbetriebe, eine Baumwollweberei mit 50 Webstühlen (1836), eine Kochgeschirr- und Fayenceproduktion sowie die neuartigen tönernen Wasserleitungsröhren.

Seiner wichtigen Errungenschaft, unter Druck gepressten und innen glasierten Tonröhren, stand das Volk zunächst skeptisch gegenüber und bevorzugte weiterhin die hölzernen Teuchel. Die Behörden wussten hingegen, was sie am Fabrikanten hatten und machten ihm die Auflage, «einerseits dem Bedürfnis des Bauamts an Ziegelware zu allen Zeiten in hinreichendem Masse Genüge zu leisten, andererseits keine andere als unverdorbene, gut gebrannte Ware zu liefern».

Bereits der Vater, Johann Ziegler-Biedermann, war ein Entrepreneur, der – ursprünglich französischer Prediger in Zürich – in London Medizin und Chemie studierte und 1778 mit Sebastian Clais und Jakob Sulzer die erste chemische Fabrik der Schweiz gründet. Sie spezialisieren sich auf die Herstellung von Vitriol, das in der Färberei, Imprägnierung, Desinfektion, Schädlingsbekämpfung bis hin zum Brechmittel eingesetzt wird. Auch Ziegler-Biedermanns mechanische Baumwollspinnerei in der Hard bei Wülflingen ist ein Pionierbetrieb.

Die Familie lebt im Haus Zum Steinberg in Winterthur. Der Sohn wächst also in einem unternehmerischen Umfeld auf und weitet die Aktivitäten aufs Ausland aus: In Paris gründet er ein Atelier zur Herstellung von künstlichem Mineralwasser (Selterswasser); in der Region ent­wickelt er die alte Bleicherei von Neftenbach zu einer Färberei, einer «Rothfarb».

Es ist die Epoche, in der Firmen ihre Produkte stolz auf den internationalen Leistungsschauen aus­stellen, und auch die Ziegler’sche Keramik heimst Preise und Medaillen für ihre Innovationen ein. Die Menschen wollen inzwischen industriell her­gestellte Dachziegel, architek­tonische Verzierungen, ebenso Waschgarnituren, Abortbecken und Pissoirs. Ziegler präsentiert einen neugotischen keramischen Tauf­stein, der unter anderem von der Kirchgemeinde Bassersdorf 1855 erworben wird. Auch Vereine geben bemalte Krüge und Becher in Auftrag, und auf bür­gerlichen Schreibtischen liegen Briefbeschwerer aus Ton, die Löwen oder den gefallenen Winkelried darstellen. Ziegler Keramik gehört zur Aussteuer von Bräuten, und später erwerben die Familien bemalte Kinderteller. Zu den beliebtesten Mustern auf Geschirrausstattungen gehört das Bauerndekor, Blumenranken auf weissem Steingut, das von circa 1883 bis 1957 produziert wird. Bekannt ist ebenfalls das üppigere blaue Dekor Ticino mit Blumen und einem verzierten Rand.

Eine Auswahl dieser Zeitdokumente ist in der Dauerausstellung des Museums zu Allerheiligen in Schaffhausen zu sehen. Viel mehr noch kann der Kurator für Kulturgeschichte Daniel Grütter hinter den Kulissen im Depot zeigen. Die letzte Sonderausstellung liegt drei Jahre zurück, als die Geschichte der Tonwarenfabrik Ziegler Schaffhausen (1828 bis 1973) aufgearbeitet wurde. Denn der Betrieb machte eigentlich alles richtig, wurde aber vom Lauf der Geschichte überrollt: Natürlich gab es schon immer Konkurrenz unter den Töpfern; sie zählen zu den ältesten Gewerbe­betrieben in der Region und las­sen sich bis ins Mittelalter belegen. Die Winterthurer Töpfer standen dabei mit den Schaff­hauser Hafnern im Wettkampf um die begehrten Plätze auf den Zürcher Jahrmärkten.

Die Ziegler’sche Tonwaren­fabrik musste sich nicht nur immer wieder von Rückschlägen wie verheerenden Bränden oder der Bombardierung von Schaffhausen durch die Amerikaner am 1. April 1944 erholen. Entscheidender für den Niedergang war die Billigkonkurrenz aus Deutschland und Frankreich respektive dem Elsass, später dann der globale Markt. Weitere Innovationen wie die Einführung der Stahldrucktechnik für die naturgetreue Wiedergabe von touristischen Motiven auf Sou­venirs oder die Produktion von Rohkeramik und Unterglasurfarben zum Selberbemalen konnten den Ertragsrückgang nicht aufhalten. Fünf Generationen hielt das Unternehmen stand, bis es ab 1964 per ausserordentlichem Generalversammlungsbeschluss schrittweise abgebaut wurde. Trotzdem, so mancher, der einmal in Grossmutters Schrank nachschaut oder mit einem offenen Auge durchs Brockihaus geht, dürfte noch Ziegler-Keramik entdecken.

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