Elgg

«Die Schwaben haben einiges angezettelt»

In «Mit dem Faust aufs Auge» spielt sich der schwäbische Kabarettist Bernd Kohlhepp rasant durch einen Theaterklassiker.

Bernd Kohlhepp zitiert in Elgg aus Goethes Faust. Foto: pd

Bernd Kohlhepp zitiert in Elgg aus Goethes Faust. Foto: pd

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In Ihrer Goethe-Adaption «Mit dem Faust aufs Auge» präsentieren Sie sehr unterschiedliche Unterhaltungsformen: Komödie, Rezitation, Stilblüten, Pantomime, Gesang. Wie würden Sie es einordnen?
Bernd Kohlhepp: Ich habe dieses Format für mich erfunden, die Classic-Comedy. So lernt man «Faust» kennen, und was der heute mit uns zu tun hat. Ein vergleichbares Stück, «Die Räuber oder so» nach Schiller, habe ich bereits im Jahr 2012 in Elgg spielen dürfen.

Sprechen Sie dabei die ganze Zeit in Reimen?
Ja, die Faust-Zitate sind natürlich in Reimform; Knittelverse, um genau zu sein. In dem Stück spiele ich einen Lehrer, der grosse Stücke auf Goethes Werk hält, die Schüler müssen Aufsätze über «Faust» schreiben, er betrauert aber auch seine eigene Familiensituation – so ergeben sich unerwartete Perspektiven.

«In Bern bin ich angehalten worden, etwas langsamer zu sprechen.»

Ihre Produktion schreit danach, vor Schulklassen gezeigt zu werden.
Ja, manchmal kommen Schulklassen, allerdings nicht vollzählig! Die Jugend wird von den Klassikern erschreckt. Diejenigen, die dann da sind, haben Vergnügen, weil dieser «Faust» unterhaltsam und respektlos ist. Die Comedy-Elemente machen es einfacher für Jugendliche. Dieses Prinzip wende ich nun auch auf moderne Klassiker an: Mein «Casablanca» hat demnächst Premiere.

Ihre Classic-Comedy hat ein ganz schönes Tempo.
(Lacht) In Bern bin ich tatsächlich angehalten worden, etwas langsamer zu sprechen.

Was ich schon immer mal fragen wollte: Man spricht von Kleinkunst – was ist dann Grosskunst?
Ich habe mir das ganz einfach gemacht: grosses Publikum, grosse Bühne, grosse Subventionen gleich Grosskunst. Kleinkunst ist die zweite Kulturebene, Grasswurzelkunst. Der Begriff hält sich hartnäckig und trifft es vielleicht gar nicht, mit Kabarett ist man besser bedient. Das umfasst auch Elemente wie Schattenspiel, Chanson, Vaudeville. Kabarett ist für mich eine Glasschale, in der verschiedene Dinge liegen, die man essen kann.

Sie haben einige Preise eingeheimst, so den Traugott-Armbrüschtle-Preis, von dem ich noch nie gehört habe.
Das war ein satirischer Preis für die Bemühungen um das schwäbische Kulturgut. Als ich ihn 1996 bekam, war er das erste Jahr nicht mehr dotiert – leider! 2012 erhielt ich den Lindauer Casino-Preis. Der bestand aus 500 Jetons, also 500 Euro, die ich im Spielkasino einsetzen musste. Da mein Bühnenkollege Uli Boettcher den gleichen Preis ein Jahr zuvor erhalten hatte, sagte ich ihm, er solle meine Jetons an der Kasse mit einlösen. Als er zurückkam, hatte er seinen Gewinn verspielt und noch 200 Euro draufgelegt; meinen Preis hatte er glücklicherweise schon vorher eingelöst.

«Mein Vater ist immer noch ein grosser Schweiz-Fan. Er liebt Emil Steinberger.»

In Ihrem Lebenslauf überrascht, dass Sie den umgekehrten Migrationsweg zu vielen Deutschen gegangen sind: 1962 geboren in Zofingen (AG), sind Sie in Tübingen aufgewachsen.
Das ist eine biografische Besonderheit. Die ganze Familie wäre gerne geblieben, aber die Krankenversicherungssituation in der Schweiz hat es nicht erlaubt. Ich war ein kränkliches Kind, so sind wir über die Grenze in die gesetzliche Krankenversicherung gewandert. Mein Vater, ein deutscher Badener, hat es schon nach einem Monat bedauert. Meine holländische Mutter sagte: Jetzt haben wir neue Möbel gekauft und bleiben da! Erst vor einem Jahr war ich wieder in Zofingen und habe meinem Vater die Fotos von unterwegs gezeigt. Er ist immer noch ein grosser Schweiz-Fan. Er liebt Emil Steinberger und hat mich so angeregt, selbst Komiker und Bühnenkünstler zu werden.

In Südwestdeutschland sind Sie für Ihren schwäbischen Lokalhelden «Hämmerle» bekannt. Sie wissen schon, dass die Schwaben in der Schweiz nicht wohl gelitten sind?
(Lacht) Die Schwaben haben einiges angezettelt, die Schlacht bei Sempach, zum Beispiel. Da haben sie dann von den Schweizern ordentlich auf die Nase bekommen. Dabei sind die Schweizer den Schwaben gar nicht so unähnlich in der Mentalität. Viel ähnlicher als Rheinländer oder Norddeutsche. Glücklicherweise unterscheidet der Schweizer nicht so zwischen Schwaben, Badenern und Allgäuern, der Begriff Sauschwabe gilt für alle. Ich komme aber mit der Mischung aus Gastlichkeit, Interesse und freundlicher Distanz, die ich in der Schweiz antreffe, sehr gut zurecht. Vielleicht sind das die eigenen Schweizer Wurzeln in mir.

Mit dem Faust aufs Auge, Samstag, 23. November, 20 Uhr. Schulhaus Ritschberg, Elgg. Karten: Fr. 25/20 (erm.) Mehr Infos : www.kulturinelgg.ch

Erstellt: 18.11.2019, 14:52 Uhr

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