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«Die Schweiz ist erst seit kurzem ein Gastland»

Die einen fanden das Glück, die anderen scheiterten. Gabrielle Alioth hat Geschichten von Auswanderern aufgespürt und im Buch «Ausgewandert» aufgeschrieben. Im Rahmen der Ausstellung «Heimat» liest sie daraus in der Bibliothek

Die Autorin Gabrielle Alioth wanderte selber aus – nach Irland, das 1984 noch exotischer war.

Die Autorin Gabrielle Alioth wanderte selber aus – nach Irland, das 1984 noch exotischer war. Bild: PD

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Gabrielle Alioth, was fasziniert Sie an Auswanderer-Geschichten?
Gabrielle Alioth:Da ich selber eine Auswanderin bin, betreffen mich diese Geschichten. Das Buch ist 2014 erschienen; man diskutierte gerade heftig über das Thema Einwanderung. Doch die Schweiz ist erst seit kurzem ein Gastland. Über Jahrhunderte hinweg wanderten Schweizer aus – und wurden in der Fremde oft gut aufgenommen. Deshalb hat das Buch auch eine politische Dimension. In einem allgemeinen Kontext: Ich glaube, wenn man ins Ausland geht, lernt man etwas über den anderen Ort, aber sehr viel mehr lernt man über sich selber.

In Ihrem Buch «Ausgewandert» haben Sie Schweizer Auswanderer aus sieben Jahrhunderten porträtiert. Was haben diese gemeinsam?
Es gibt zwei Gruppen von Auswanderern. Es gibt die einen, die sich auf eine neue Situation und eine neue Gesellschaft einlassen. Sie sind bereit, sich zu integrieren, und werden am neuen Ort oft glücklich und erfolgreich. Dann gibt es aber die anderen, die vielleicht auswandern mussten. Sie werden die Erinnerung an die Heimat nicht los und messen alles an ihr. Das ist ein Rezept für Unglück. Letztlich kommt es eben sehr auf den Auswanderer oder die Auswanderin selber an, was er oder sie mit den neuen Erfahrungen macht.

«Im Ausland lernt man etwas über den anderen Ort, aber sehr viel lernt man über sich selber.»Gabrielle Alioth, Autorin

Worin unterscheiden sich die Auswandererbiografien?
Es gab sehr unterschiedliche Situationen über die sieben Jahrhunderte hinweg. Für die Schweizer war Auswandern aber oft auch ein Zwang, weil sie keine Arbeit hatten. Viele waren Wirtschaftsauswanderer. Das ist etwas anderes, als wenn man etwa wegen des Berufs oder aus Abenteuerlust in ein anderes Land zieht. Dazu kommt: Die Welt ist heute kleiner geworden; man kann jederzeit wieder zurückkehren, auch wenn man nach Neuseeland zieht. In früheren Jahrhunderten war eine Auswanderung definitiv.

Welche Geschichte in Ihrem Buch hat Sie besonders berührt?
Ich habe mich bemüht, nicht nur die Erfolgreichen und Berühmten zu porträtieren, sondern auch einige aus der grossen Mehrheit der Leute, die nie zu Reichtum gekommen sind. Das war schwierig, da diese Geschichten ja nicht dokumentiert sind. Ich musste in meiner eigenen Familie suchen. Eine Geschichte, die mich besonders berührte, ist die meines Cousins Max Messmer. Er ist 1938 geboren und wanderte in den 50er-Jahren nach Amerika aus. Im Rahmen des Vietnamkriegs wurde er Helikopterpilot und verbrachte zwei Jahre in Vietnam. Er hatte ein spannendes, verrücktes, wildes und auch schreckliches Leben später. Messmer folgte seinem Traum, seiner Leidenschaft. Doch er ruinierte sein ganzes Leben und wurde unglücklich. Auch durch die Entwurzelung.

«Ich denke, eine Sache ist für alle Auswanderer gleich: der Zwang, sich mit einer neuen Kultur auseinanderzusetzen.»Gabrielle Alioth, Autorin

Obwohl die Entwurzelung selbst gewählt war?
Ich denke, eine Sache ist für alle Auswanderer gleich: der Zwang, sich mit einer neuen Kultur auseinanderzusetzen. Ob das freiwillig ist oder nicht, ist eigentlich egal. Wie man sich verhält, in der Konfrontation mit dem Anderen, ist ja sehr unterschiedlich. Aber die Situation ist die gleiche: Wie stark will man sich integrieren? Wie viel nimmt man mit von der Heimat? Wie verschmilzt man das Neue mit dem Alten?

Sie selber sind freiwillig nach Irland ausgewandert. Weshalb?
Das war 1984, und es war viel Abenteuerlust dabei. An der Uni Basel habe ich meinen damaligen Mann kennen gelernt. Wir dachten, wir gehen für ein paar Jahre mal ins Ausland. Eher zufällig kamen wir auf Irland, wo wir beide noch nie waren. Er wollte als Journalist Fuss fassen, und da es noch keinen deutschsprachigen Korrespondenten gab, konnte er über den Nordirlandkonflikt berichten. Eigentlich hätte ich lieber nach Australien gewollt. Doch Irland bot sich an; schliesslich war es damals noch viel exotischer als heute. Innerhalb von Europa war es wohl das Land, das sich am meisten von der Schweiz unterschied.

Was wollten Sie denn in Irland machen?
Ich war Wirtschaftswissenschaftlerin, wollte aber schreiben. Ich suchte den Freiraum; einen Ort, wo mich niemand kennt und mich niemand nach meinen Plänen fragt. Und das klappte: Ich bin Schriftstellerin geworden. Mein damaliger Mann und ich hatten Glück in Irland. Es war einfach, wir wurden sehr gut aufgenommen. Die Iren sind neugierig, man kommt rasch ins Gespräch. Wir fanden schnell Freunde und kauften ein Haus. Es war so spannend, dass wir bleiben wollten. Heute lebe ich etwa 70 Prozent in Irland, bin wegen der Arbeit aber oft in der Schweiz. Meine Bücher sind fast alle auf Deutsch geschrieben.

«Heimat ist etwas, das man nicht wählen kann. Heimat ist das, was Ihnen in die Wiege gelegt wird, dort, wo Sie Kind waren»Gabrielle Alioth, Autorin

Sie haben sehr viele Bücher und Theaterstücke geschrieben – ist Ihnen das in der Ferne leichter gefallen?
Am Anfang sicher, weil niemand wusste, was ich machte. Da ich meine Bücher auf Deutsch schreibe, werden sie in Irland nicht so sehr wahrgenommen. Das hat Vor- und Nachteile, wenn man weniger vernetzt ist: Man gehört nirgends richtig dazu. Allerdings bin ich mit der Schweizer Literaturszene schon verbunden, vor allem, da ich derzeit in der Programmkommission der Solothurner Literaturtage bin. Die Vorteile überwiegen aber. Zudem ist Irland ein Ort, wo man Freude an der Sprache hat. Ich sage es immer so: Wenn Sie in der Schweiz eine Frage stellen, erhalten Sie eine möglichst knappe Antwort. Ein Ire oder eine Irin erzählt Ihnen eine Geschichte. Irland hat mir für meine Bücher oft Themen gegeben.

Was bedeutet Ihnen Heimat?
Heimat ist etwas, das man nicht wählen kann. Heimat ist das, was Ihnen in die Wiege gelegt wird, dort, wo Sie Kind waren und die Kinderversli kennen. Sie können an jeden Ort gehen und sich einleben. Aber wenn man die Versli als Kind lernte, ist das etwas anderes. Die Schweiz ist meine Heimat und wird es immer bleiben. In Irland fühle ich mich wohl, und es ist der Ort, den ich gewählt habe. Den ich sehr schätze und liebe, aber die Schweiz wird immer meine Heimat sein.

Gabrielle Alioth: «Ausgewandert». Donnerstag, 12. September, 19.30 Uhr. Bibliothek Pfungen, Breiteackerstr. 44, anschliessend Apéro. Eintritt frei.

Erstellt: 05.09.2019, 15:48 Uhr

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