Brütten

Ein Abend mit Bach und Biber

Ein vielseitiges Programm spendiert der Geiger Sebastian Bohren in seiner Reihe «Klassische Konzerte für die Region», diesmal in der Kirche Brütten.

Sebastian Bohren, in Winterthur geboren, ist mittlerweile zum Weltklassegeiger avanciert.

Sebastian Bohren, in Winterthur geboren, ist mittlerweile zum Weltklassegeiger avanciert. Bild: PD

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Souverän und kraftvoll geht Sebastian Bohren an den Bach heran. Mit einer ausladenden Bewegung schafft er Weite, ein tiefes Durchatmen im Grave der Sonate BWV 1003.

In einem Konzert in Aeugst am Albis stellte der Geiger vor kurzem ein ähnliches Repertoire vor, wie er es in der Kirche Brütten spielen wird. Dann aber gemeinsam mit Jonas Hablützel, der dort bis 2011 Organist war. «Als ich ungefähr 15 war, habe ich ihn in der Kirche in Brugg als Organisten kennengelernt», sagt Bohren, «während des Studiums haben wir angefangen, Konzerte zu gestalten.»

An Stücken von Johann Sebastian Bach und Heinrich Ignaz Franz Biber arbeiteten sie jahrelang, und freuen sich, diese mit mehr Erfahrung nun wieder aufzugreifen. Ein, zwei gemeinsame Projekte machen die beiden Musiker weiterhin pro Jahr, obwohl sich Bohrens Kalender immens gefüllt hat.

Schmerz und Erlösung

Im Konzert: Beim Wechsel vom Forte zum Pianissimo gelingt dem Geiger eine Dynamik, die wie ein Sprung von der äusseren, offensichtlichen Fassade in die innere Gedankenwelt anmutet. Klar trennt er die Charaktere der einzelnen Stimmen in der Fuge. Schmerz und tiefe Abgründe tun sich in den Moll-Sätzen auf, während in den Dur-Passagen die süsseste Erlösung erwartet.

Der warme volle Klang seiner Stradivari ist eine Freude. Sebastian Bohren ist auch ein erzählender Vermittler, der die Zuhörer ganz selbstverständlich auf seine Musikverständnisebene hievt; weder unterfordert, noch langweilt. Zwischen den Stücken erklärt er, was man hören wird und welche Wirkung der Komponist damit erzeugen wollte.

«Beim allerersten Auftritt in Brütten, vor über zehn Jahren, haben wir schon einmal die Verkündigungssonate von Biber gespielt»Sebastian Bohren

Die rhapsodische Sonate Nr. 3 von Eugène Ysaye spiele er, seit er 13 sei, sagt der Solist, aber neu mit Noten. Diese «Stütze» gebe ihm mehr Freiheit. So nimmt er sich auch hier Raum für die grosse Geste und intoniert mit schlafwandlerischer Sicherheit die halsbrecherischen Steigerungen. Was vor allem fasziniert, ist Bohrens Inbrunst bei der Interpretation, seine Ernsthaftigkeit bei gleichzeitiger Spielfreude. Der 31-Jährige, der schon mit Bravour für eine erkrankte Patricia Kopatchinskaya einsprang, fesselt mit der Farbigkeit und Vielschichtigkeit seines hoch emotionalen Spiels. Seine «kleinen» Kirchenkonzerte sind Preziosen, die einer grösseren Sache dienen.

Denn Bohren verwendet die Kollekte zurzeit für ein Auftragswerk, das er beim Perkussionisten der Kremerata Baltica, Andrei Pushkarev, in Auftrag gegeben hat. Dieser arrangiert auch alle Stücke für Gideon Kremer. Zum 100. Geburtstag von Schostakowitsch hatte dieses Ensemble eine hochgelobte Umarbeitung von dessen Violinsonate op. 134 präsentiert. Man weitete die Geige-und-Klavier-Fassung fürs Streichorchester aus, und diesen Erfolg möchte Sebastian Bohren mit der Violinsonate f-Moll op. 80 von Prokofiev wiederholen.

«Das Stück ist wie gemacht dafür», schwärmt er von seiner Idee. Mit ihm als Geiger sowie dem Georgischen Kammerorchester Ingolstadt wird er das Arrangement am 16. Juni, 17 Uhr, in der Reformierten Stadtkirche Brugg uraufführen. Zusammen mit Pushkarev laufen Aufnahmen im Vorfeld, es ist jedoch unklar, ob und wann das nächste Live-Konzert in dieser aufwändigen Besetzung stattfinden kann. Vielleicht gebe er die Komposition auch an andere Geiger weiter, so Bohren, mit Daniel Hope habe er schon gesprochen.

Die Jesusgeschichte erzählen

Bevor sich Sebastian Bohren wie jeden Sommer zu Wanderferien in die Berge zurückzieht, hat man also noch mehrfach Gelegenheit, den in Winterthur geborenen Weltklassegeiger hautnah zu erleben (auch am 28. Juni, 19.30 Uhr, Kath. Kirche Mellingen). «Beim allerersten Auftritt in Brütten, vor über zehn Jahren, haben wir schon einmal die Verkündigungssonate von Biber gespielt», sagt Bohren. «Mit dem weiteren Programm wollen wir die Jesusgeschichte von der Verklärung bis zur Erlösung erzählen, als ob wir die Oster- und Pfingstzeit noch einmal Revue passieren lassen.»

Sebastian Bohren mit Jonas Hablützel, Orgel. Sonntag, 23. Juni, 17 Uhr. Ref. Kirche Brütten. Eintritt frei/Kollekte.

Erstellt: 13.06.2019, 12:13 Uhr

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