Rheinau

Ein Sinnbild des menschlichen Daseins

Bachs h-Moll-Messe ist ein Schlüsselwerk der Musikgeschichte. Das Ensemble Cantissimo führt den Klassiker mit Interventionen des Schriftstellers Robert Schneider («Schlafes Bruder») auf. Dirigent Markus Utz erklärt das Konzept.

Das Chorensemble Cantissimo unter der Leitung von Markus Utz tritt am kommenden Sonntag in der Klosterkirche Rheinau auf.

Das Chorensemble Cantissimo unter der Leitung von Markus Utz tritt am kommenden Sonntag in der Klosterkirche Rheinau auf. Bild: PD

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Herr Utz, Ihr Chor Ensemble Cantissimo besteht aus 26 deutschen und schweizerischen Sängern. Sie selbst unterrichten als Professor an der Zürcher Hochschule der Künste, wohnen aber in Konstanz. Kennen Sie die Klosterkirche Rheinau?
Markus Utz: Ja, wir haben da schon öfter Konzerte gemacht, zuletzt vor drei Jahren. Es ist ein wunderschöner Ort. Zu unseren besonderen Erinnerungen gehört auch ein Probenwochenende auf der Musikinsel. Ich selbst bin ein klassischer Grenzgänger, denn ich habe nach acht Jahren als Bezirkskantor am Münster Konstanz dort weiterhin eine Stelle als Organist.

Können Sie in Rheinau einen speziellen Bezug zu Bachs h-Moll Messe auftun?
Grundsätzlich passt Bachs Musik hervorragend in die barocke Klosteranlage. In diesem Fall entspricht die zentrale Stellung des Glorias und des Credos – der zwei Sätze in der h-Moll-Messe, die mit dem Kreuz und dem Leiden zu tun haben – auch unserer Stellung in der Kirche. Wir werden uns mittig im Hauptraum positionieren, so wie die zwei Sätze im Mittelpunkt der Komposition stehen.

Dieses epochale Werk, sein Manuskript gehört zum Unesco-Weltdokumentenerbe, wurde in Rheinau bereits mehrfach aufgeführt. Wo liegt der «Mehrwert» Ihres Projekts?
Zunächst muss man sagen, dass im Ensemble Cantissimo alle Sänger als Solisten oder in Profi­chören unterwegs sind, viele in der Alte-Musik-Szene. Während meines letztjährigen Sabbaticals in den USA las ich das Buch «Die Unberührten» von Robert Schneider, den letzten Band der rheintalischen Trilogie, die mit «Schlafes Bruder» beginnt. Es handelt von zwei Kindern, die zur Zeit der grossen Armut nach Amerika verkauft werden. Ein Freund, der im Rheintal wohnt, erzählte mir, dass der Autor auch Texte zur h-Moll-Messe geschrieben habe. Seine je einminütigen «Fünf Tropen» umkreisen das Thema Kindheit, Erwachsensein und wieder Kind werden. Sie entstanden zum Höhepunkt der Flüchtlingswelle und wurden in der Uraufführung mit Bildern des ertrunkenen, am Strand liegenden Kindes Alan Kurdi begleitet. Robert Schneider ist Österreicher und er reagierte damit auch auf den damaligen Rechtsruck in seinem Land, die Stimmung war politisch aufgeladen.

Diese Interpretation hat also nichts an Aktualität verloren.
Wir haben uns getroffen und gut verstanden. Robert Schneider ist ein profunder Bach-Kenner und ich bin der Meinung, ohne das Wort findet die Musik nicht statt. Aber wir liessen es uns noch mal durch den Kopf gehen, ob die bildgestützte Aufführung in diese Konzertreihe in Rheinau, Konstanz und dem Zürcher Fraumünster passt. Es sind bereits sehr starke, konzentrierte Texte. Was heisst zum Beispiel «Heilig ist Gott in der Höhe»? Wir haben uns darauf verständigt, das Konzert dem ungeheuerlichen Schicksal der Flüchtlinge in aller Welt zu widmen.

Die grösste Medienresonanz hat das Ensemble mit Einspielungen erfahren, die unbekanntes Liedgut vorstellten: Heinrich von Herzogenberg, Chormusik aus Skandinavien.
Eigentlich suchen wir das Unbekannte. Das ist unser Profil geworden im Verlauf der Jahre. Die h-Moll-Messe ist ein Geschenk ans Ensemble zum 25-Jahr-Jubiläum, aus dem heraus die Solisten besetzt werden. Ausserdem treten wir zum ersten Mal mit dem 24-köpfigen Schweizer Barockorchester «le buisson prospérant» auf. Da wir sonst eher a cappella singen, ist es auch für mich ein Highlight, mit einem Werk, vor dem man so einen grossen Respekt hat, aufzutreten.

Dann darf man im kommenden Jahr wieder Neuentdeckungen erwarten? Das ist genau so und entspricht auch unseren Budgetmöglichkeiten. Robert Schneider möchte für uns etwas zu einem Programm «Schwanengesang», mit Heinrich Schütz und Hindemith, schreiben. Ein weiteres Programm soll sich um Jacobus de Kerle, den sogenannten Retter der Kirchenmusik, drehen, verbunden mit der Komponistin und Grammy-Gewinnerin Caroline Shaw aus New York. Wir sind in der Nominierung für einen Kulturpreis. Wenn das klappt, ist eine Europa-Tournee geplant.

Auch für Sie ist die Mittelbeschaffung ein ständiges Thema?
Da wir im wahrsten Sinne des Wortes grenzüberschreitend sind, ist die Finanzierung nicht immer ganz einfach; das müssen wir uns als Deutsche und Schweizer untereinander klarmachen. Stiftungen und Sponsoren denken immer mehr in nationalen Kategorien. Wir vergeben auch Auftragskompositionen. Das ist uns ein wichtiges Anliegen, aber es muss in die Konzeption der Programme passen. Es geht nicht darum, nur die Zuschüsse für neue Musik mitzunehmen.

J. S. Bach: Messe in h-Moll Sonntag, 14. Juli, 17 Uhr, Klosterkirche Rheinau. Tickets: 55 Fr./45 Fr., Stud. erhalten 15 Fr. Ermässigung. www.ticketino.ch

Erstellt: 11.07.2019, 11:30 Uhr

Dirigent Markus Utz. (Bild: PD)

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